Lebensgefährtin nach Kuss erwürgt

BALVE/ARNSBERG ▪ Die Polizeibeamtin wunderte sich noch vor Gericht über einen „merkwürdigen Anruf“ am 26. Juni: „Ich habe meine Lebenspartnerin erwürgt“, erklärte ihr ein noch unbekannter Anrufer und bat um polizeilichen Beistand und einen Rettungswagen. Seit Freitag verhandelt das Schwurgericht des Landgerichts Arnsberg gegen den mutmaßlichen Mörder einer 69-jährigen Frau aus Langenholthausen.

Nüchtern, detailreich und weitgehend ohne sichtbare Regung schildert der 64-jährige Angeklagte, wie er seine Lebenspartnerin am 26. Juni um sieben Uhr morgens erwürgte. Nur einmal scheint ihn das Geschehen gefühlsmäßig zu erreichen: „Sind Sie traurig darüber, dass das so gekommen ist?“, fragt der Vorsitzende Richter Willi Erdmann den Angeklagten nach dem ausführlichen Geständnis. „Ja natürlich“, antwortet der 64-Jährige und reagiert fast tonlos auf die sich daran anschließende Frage: „Würden Sie es gerne rückgängig machen?“ – „Ja.“

Das Paar hatte sich über seine Kleinanzeige im Hochglanzmagazin „Landlust“ kennengelernt. Am Hauptbahnhof Hagen trafen sie sich nach einigen Briefen zum ersten Mal – er reiste aus Worms an und sie aus Langenholthausen. Er übernachtete wegen der langen Anreise bei ihr, und die Beiden beschlossen, sich näher kennenzulernen. Schließlich reifte der Entschluss: „Wir können auch länger zusammenbleiben, um das Alleinsein besser in den Griff zu bekommen.“ Es habe nie Streit gegeben, versichert der Angeklagte und bestätigt, dass das Verhältnis eine Liebesbeziehung gewesen sei. Am Abend vor der Tat schaute das Paar Fernsehen, trank nur nichtalkoholische Getränke und „wälzte keine Probleme“.

Um sieben Uhr morgens habe sich das Paar noch einen Morgenkuss gegeben und „dann ist mir der Gedanke gekommen, das zu machen“, erklärte der Angeklagte das ungeheuerliche Auftauchen jener Idee, die ihm nahelegte, seine Gefährtin zu töten. „Der Gedanke hat mir Angst gemacht.“ Dennoch führte der Angeklagte den gefassten Plan mit einer Gnadenlosigkeit aus, die noch im Gerichtssaal mit fassungslosem Schweigen aufgenommen wurde. Der 64-Jährige legte seine Hände von hinten um ihren Hals und drückte mit großer Gewalt zu. Eine kleine Chance gab es noch, das Geschehen aufzuhalten: Obwohl er sie von hinten umfasst hielt, gelang es dem Opfer sich umzudrehen. „Als sie mich angesehen hat, habe ich mich gefragt, was ich eigentlich mache“, erinnerte sich der Angeklagte. Doch er ließ sich auch von ihrer verzweifelten Abwehr, deren Spuren sich in seine Hände eingruben, nicht aufhalten. „Ich hatte das Gefühl, ich muss das tun.“ Vor Gericht beschrieb er die Zeit, die währenddessen verging, als „eine Ewigkeit“ – „als ob die Zeit stillgestanden hätte“. Der medizinische Gutachter schätzte später die Zeit, die zur Tötung ausgereicht hätte, auf 15 bis 20 Sekunden.

Die Polizeibeamten, die nach der Tat an den Ort des Geschehens kamen, wunderten sich noch im Gerichtssaal über einen merkwürdig normalen Verdächtigen: „Er war ganz gelassen, als wäre das das Normalste von der Welt.“

Das Schwurgericht steht nun vor keiner einfachen Aufgabe: Mögliche Streitigkeiten über die Wohnsituation, die der Angeklagte bestritt, sind ein mageres Motiv für einen Mord. Der Vorsitzende Richter Willi Erdmann schloss alle Prozessbeobachter und -beteiligten mit ein, als er sich völlig ratlos gegenüber einem möglichen Motiv für eine solche Tat zeigte. „Wir sind auf der Suche nach einem Grund, der Sie motiviert hat zu dieser Tat.“

Eine wichtige Rolle bei der Strafzumessung wird das psychiatrische Gutachten spielen. Vielleicht lässt sich aus dieser Perspektive verstehen, warum der Täter so handelt. - Thomas Krumm

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