10 000 Arbeiter im Tal

Heimatforscher Antonius Fricke fesselte die Zuhörer bei seinem Vortrag über Baumaßnahmen im Hönnetal zu Zeiten des Dritten Reiches.

BALVE ▪ Heimatbewusstsein verlangt auch die Erinnerung an Zeiten grässlichen Geschehens. Ein großes Stück Aufarbeitung gelang dem Heimatforscher Antonius Fricke aus Lendringsen am Donnerstagabend im Lohgerberhaus im Rahmen eines Vortrages der Heimwacht Balve über „Schwalbe I“ im Hönnetal.

Ein geschichtsträchtiger Vortrag von jemandem, der als Kind noch die Naziherrschaft erlebte, dessen unmittelbare Heimat damals einen Boom erlebte mit schwersten Folgen, die dem aufmerksamen Interessierten heute noch begegnen – als stille Warner und Mahner. Geblieben sind zahlreiche Höhlen, bis heute ungesicherte Stollen, etwa im Kalkwerk in Oberrödinghausen und im ganzen Hönnetal.

Lagerspuren erkennt der aufmerksame Beobachter in Sanssouci, Oberrödinghausen, im Bibertal in Lendringsen, solide gebaute Flachbaracken, ein Denkmal auf dem Friedhof in Lendringsen von Polen 1946 errichtet. Selbst Reste der nicht zu Ende gebauten, gigantomanischen Wasserleitung sind noch auf dem Kapellenberg in Menden oder auch in Fröndenberg an der Ruhr zu finden.

Im Sommer 1944 brachte der Mangel an Flugbenzin die Nazis auf die Idee, Hydrieranlagen in Stollen zu errichten. Mehr als 10 000 Menschen verschiedenster Nationalitäten – Fachkräfte, Arbeiter, Zwangsarbeiter, Gefangene, KZ-Häftlinge – wurden dazu herangezogen. Listen im Staatsarchiv in Osnabrück weisen die Toten aus. Die Zahl im Lager Sanssouci war die höchste.

Das Hönnetal war den Organisatoren in der Nazizentrale Berlin gut bekannt, da vorübergehend die Absicht bestand, das Führerhauptquartier ins Hönnetal zu verlegen. Dieser Plan wurde fallen gelassen, dafür sollte das Tal die Luftwaffe retten.

Im September 1944 wurde mit dem Bau der Hydrieranlagen begonnen; im November sollte die Produktion starten. Zur Kühlung wurden gewaltige Wassermengen benötigt, sodass eine Leitung von Fröndenberg aus gelegt wurde. Einen Meter betrugen die Durchmesser der Rohre, die später aus Zeitmangel nicht mehr verschweißt werden konnten.

Als Nebeneffekt der gewaltigen örtlichen Umstrukturierung in Lendringsen stieg der Wasserverbrauch um das Doppelte an. Lebensmittel wurden knapp, das Brot mußte schon aus Fröndenberg geholt werden.

Doch am 7. April 1945 wurde Meschede von den Amerikanern eingenommen, am 13. April war das Hönnetal befreit. Viele ältere Besucher des Vortrages können sich noch erinnern.

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