40 Mal zwischen den Ufern hin- und hergelaufen

Ein Ausschnitt aus der Autobiografie von Laura Heuser. Mit der Jahresangabe 1858 wird sich die Lehrerin irren. Die feierliche Eröffnung des Altenaer Bahnhofs fand am 15. Juli 1860 statt. 1858 war das Jahr des ersten Spatenstiches an der Strecke.

ALTENA ▪ Die Berichte zum 150-jährigen Bestehen der Ruhr-Sieg-Eisenbahn im Altenaer Kreisblatt haben Gertrude Herling an einen kleinen Schatz erinnert. Seit vielen Jahren bewahrt sie Teile des Nachlasses ihrer Urgroßtante Laura Heuser auf. Darunter befindet sich eine Autobiografie, die Schlaglichter wirft auf das Leben an der Lenne vor 150 Jahren. Von Thomas Keim

Das Besondere daran: Die Lebenserinnerungen liegen als kleines Heftlein vor – nicht handgeschrieben, sonern auf acht Seiten gedruckt. Das Altena ihrer Kindheit beschreibt Laura Heuser im Jahr 1917 zurückblickend so: „Meine Vaterstadt war klein - sie zähltte damals 7 000 Einwohner, aber jeder war ein Vollblut-Westfale in seiner ganzen Eigenart. So viele Charaktere waren wohl selten auf einem so engen Gebiete zusammen.“

Eine Stadt von

„Vollblut-Westfalen“

Für die Bewohner findet sie lobende Worte: „Arbeitswille und Tüchtigkeit, Redlichkeit über alles und dabei ein bei allen möglichen Gelegenheiten zur Geltung kommender Humor“ seien die wesentlichen Kennzeichen. Laura Heuser wuchs in einer Zeit auf, in der Überlieferung noch zählte: „Wir taten nichts lieber als abends, unter zwei uralten Lindenbäumen, den Alten zuhören.“ Auf Plattdeutsch, was die Altenaerin selbstverständlich auch beherrschte, berichteten die Senioren unter diesen Linden „die merkwürdigsten Dinge aus der guten alten Zeit.“

Beinahe idyllisch lesen sich die Kindheitserinnerungen: „Jeder Tag unserer Jugend war für uns ein Festtag. Und wir verstanden es, die Tage zu genießen.“ Wie das zu verstehen ist, beschreibt die Autorin ebenfalls: „Meine Hauptlebensfreude war die Natur, die im Lennetal ja ein so besonders reizvolles Gewand trägt.“ Die Familie Heuser besaß einen Garten am gegenüberliegenden Lenneufer. „Diese Garten war für uns Kinder ein Paradies, nicht ein eingfriedigtes, sondern mit angrenzendem Walde. Mit einem Boot setzten wir in der guten Jahreszeit täglich über den Fluss.“ Eine Insel in der Lenne, die man im Sommer trockenen Fußes erreichen konnte, „war unser Hauptspielplatz“ berichtet Laura Heuser. Und sie schreibt auch, was sie und die Gleichaltrigen spielten: „Dort hielten wir Schule. Mit sieben Jahren habilitierte ich mich als Lehrerin.“ Die „Lehrerin“ trug ihren Spielkameraden Märchen vor.

„Paradies mit

angrenzendem Walde“

Die Salatbrücke gab es um 1860 ganz offenbar noch nicht. Wohl aber einen Vorläufer, wenn auch keinen langlebigen. Laura Heusers Erinnerungen werden an dieser Stelle zum Augenzeugenbericht über die Einweihung der Ruhr-Sieg-Strecke. Sie schreibt: „Nur einmal, bei Gelegenheit der Einweihung der Ruhr-Sieg-Eisenbahn (1858), hatte man, dem anwesenden Minister zu Ehren, eine leichte Holzbrücke über den Fluss geschlagen. An dem Festtage sind wir wohl vierzigmal zwischen beiden Ufern hin- und hergelaufen.“

Bahnfahren war für die kleine Laura Heuser ansonsten alles andere als alltäglich. „Ich war zweimal auf der Eisenbahn gefahren: Einmal eine Haltestelle lenneaufwärts nach Werdohl, ein Jahr später lenneabwärts nach Letmathe.

Brücke für

den Minister

Geboren 1852 als achtes von neun Kindern, nahm das Leben Laura Heusers einen Verlauf, der für ein Mädchen aus einer westfälischen Kleinstadt alles andere als üblich war. Mit 17 Jahren ging sie auf Veranlassung der Altenaer Schulvorsteherin Frl. Kleinschmidt ans Königliche Lehrerinnen-Seminar in Droyßig bei Zeitz in Sachsen-Anhalt, wo sie 1871 die Lehrerinnen-Prüfung ablegte. Als frisch gebackene Pädagogin kam Heuser zurück nach Westfalen, allerdings nach Herne. „Der Schulvorstand“, berichtet Heuser, „war zusammengesetzt aus Bauern und Bergwerksbeamten, lauter ehrenwerte Leute, nur hatten die Ersteren die Majorität. Sie unterschrieben statt mit ihrem Namen mit drei oder vier Kreuzen.“

Über eine zweite Station im Remscheid ging Laura Heuser schließlich 1874 nach Wuppertal-Elberfeld, wo sie 45 Jahre an der Höheren Mädchenschule (Lyceum) West unterrichten sollte. Sie starb 1937.

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