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Zölibat und Missbrauch: Katholiken üben deutliche Kritik an ihrer Kirche

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Von: Ines Engelmann, Thomas Bender, Susanne Fischer-Bolz

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Kreuz im Gegenlicht
Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, das Zölibat und verkrustete Strukturen: Deutliche Worte finden Altenas und Nachrodts Katholiken für den Zustand ihrer Kirche. Sie sehen aber auch Wege aus der Krise. © Friso Gentsch/dpa/Symbolbild

Der Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche hat bereits viele Schlagzeilen gemacht. Kirchen-Mitglieder aus der Region finden klare Worte zu diesem Thema.

Altena/Nachrodt – „Es geht um vieles, vielleicht sogar um alles.“ Auf diesen Nenner bringt die Zeitung Die Zeit den aktuellen Zustand der katholischen Kirche Deutschlands. Der ist auch Thema der Vollversammlung des synodalen Wegs, die gerade in Frankfurt tagt. Der synodale Weg wurde 2019 als Reaktion auf die Missbrauchsfälle in der Kirche ins Leben gerufen. Bischöfe und Laien diskutieren dort, ob und wie Kirche reformiert werden kann.

Absolut unzureichend sei bisher der Umgang mit dem Thema Missbrauch gewesen, findet Stefan Kemper, Mitglied des Kreiskatholikenrats und Vorsitzender der Kolpingsfamilie Altena. Es habe keine wirkliche Hinwendung zu den Opfern gegeben, Fragen wie finanzielle Entschädigung und psychologische Hilfen seien nicht angegangen worden. Kemper spricht von „systemischem Versagen“ und erwartet ein „öffentliches Schuldeingeständnis“. Kemper befürchtet eine Art Endlos-Schleife, weil längst noch nicht alle Bistümer ihre Untersuchungen abgeschlossen hätten.

Kirchen-Mitglieder finden klare Worte: Institution muss wieder lebensnah werden

Anders schätzt er die Situation vor Ort ein: Er erlebe sowohl im Dekanat Altena/Lüdenscheid als auch im Bistum Essen eine große Bereitschaft zu Veränderungen, sagt Kemper und spricht von Kirche als lernender Organisation. „Vom synodalen Weg gehen gute und wichtige Signale aus“, meint er. „Die katholische Kirche muss alles daran setzen, wieder eine lebensnahe Kirche zu werden.“

Aber kann der synodale Weg das Ruder des schwerfälligen Tankers Kirche herumreißen? Dass die Positionen der deutschen Katholiken nicht unbedingt von der gesamten Weltkirche geteilt werden, ist Kemper bewusst. Er setzt auf den Faktor Zeit und weist darauf hin, dass vor 150 Jahren auch niemand geglaubt habe, dass die Soziallehre einmal ein wesentlicher Bestandteil der katholischen Kirche sein werde.

Für Johannes Broxtermann, der die Pfarrei St. Matthäus mit ihren rund 5000 Katholiken in Altena und Nachrodt zusammen mit der Pfarrbeauftragten Sandra Schnell leitet, ist der synodale Weg ein Anfang, die Idee der Abschaffung des Zölibats zum Beispiel nur ein Pflästerchen, „dabei benötigt man eigentlich eine Amputation“, sagt der Pastor.

Klare Worte: Glaubensbewusstsein verändert sich

„Man könnte sagen: Die Kirche hat etwas kapiert, der Schritt ist okay, aber er rettet nicht. Der Karren steckt viel zu tief im Sand.“ Das Vertrauen in die Kirche sei durch die Missbrauchsskandale schwer erschüttert. „Doch die Kirche lebt von Vertrauen“, sagt Johannes Broxtermann, der auch auf ein viel tieferliegendes Problem aufmerksam macht: die Veränderung des Glaubensbewusstseins an sich. Es gebe nicht mehr so viele Menschen, die im Sinne der Bibel glauben würden. Die Entwicklung sei in der westlichen Welt angekommen. „Wir – gemeint ist die Kirche – haben nichts mehr zu essen, kämpfen aber darum, dass Messer und Gabel in der Spülmaschine waren“, beschreibt der Pastor. „Ich bin sehr für Reformen, aber ich bezweifel doch sehr, dass das herrliche Reich Gottes ausbricht.“ Auch ohne Missbrauchs-Dramen würden anderen Kirchen ebenfalls die Menschen weglaufen.

Die Abschaffung des Zölibats sei übrigens schon vor 50 Jahren Thema gewesen. „Und ist immer vertagt worden“, sagt Johannes Broxtermann. Er selbst war immer sehr glücklich mit seinem Priesteramt, konnte immer gut mit dem Zölibat leben, hat die Welt kennengelernt, viele Menschen um sich herum gehabt, die ihm am Herzen liegen und sich nie einsam gefühlt. „Pädophilie kommt nicht davon, dass man abends alleine ist. Es ist eine wirkliche Störung.“

Sie kennt einen Täter: Sandra Schnell will Hoffnung nicht aufgeben

Für Sandra Schnell ist das Zölibat bei Weitem nicht das Hauptproblem. „Es gibt so viele Themen in der Kirche, die aufploppen. Ich glaube eher nicht, dass das das Wichtigste ist“, sagt die Pfarrbeauftragte für St. Matthäus, die in dieser Funktion als erste Frau im Bistum Essen an der Spitze einer Pfarrei steht. Auf die Frage, ob sie ein Missbrauchsopfer persönlich kennt, sagt sie: „Nein, aber einen Täter.“ Und mit ihm hätte sie gern noch das Gespräch gesucht, als sie es erfahren hat. Das war aber dann nicht mehr möglich. „Es hat mich tief erschüttert“, sagt Sandra Schnell.

Sie hofft, dass sich die Gläubigen von den schlimmen Dingen, die passiert sind, nicht entmutigen lassen. „99 Prozent sind gute Menschen, tun Gutes, sind keine Täter.“ Gespräche führt sie mit Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Doch für Sandra Schnell persönlich ist es trotz aller Probleme sinnvoll, in der Kirche zu bleiben, sie mitzugestalten. „In meiner Funktion setze ich auch Zeichen, dass es anders geht“, sagt die Pfarrbeauftragte, die ab Mitte März auch taufen darf. „Es gibt sie, die kleinen Fortschritte.“ Die Rolle der Frau in der Kirche und die queeren Katholikinnen und Katholiken, die erstmals öffentlich über ihre Erfahrungen in der Kirche und ihren Einrichtungen berichtet haben, sind wichtige Anliegen für Sandra Schnell. „Vieles tut den Menschen weh. Und ja, für manche Menschen werden die Veränderungen zu spät kommen, aber man darf auch Hoffnung schöpfen.“

Konsequenzen ziehen: Doppelmoral für Kirchen-Mitglieder kaum auszuhalten

Weglaufen ist keine Lösung, findet auch Klaus-Dieter Jacobsen. Die Abschaffung des Zölibats jetzt, da man so unter Druck geraten sei, wäre sicher richtig, hätte aber schon viel früher passieren müssen. „Aber ob das wirklich die Missbrauchsfälle hätte verhindern können, weiß ich nicht wirklich“, sagt der Nachrodter, der im Kirchenvorstand arbeitet. „Ich mache das nicht nur für die katholische Kirche, sondern für die Menschen, die der katholischen Kirche nahestehen, und die vielen anderen.“ Das Hauptproblem seien verbohrte Menschen auf hohen Positionen in der katholischen Kirche. „Der Fisch stinkt vom Kopf“, findet Klaus-Dieter Jacobsen deutliche Worte und sagt: „Sie müssen die Konsequenzen ziehen, nur dann wird die Basis es akzeptieren.“

Ähnlich klare Worte findet auch Christiane Frebel vom Pfarrgemeinderat St. Matthäus. Als aktive Katholikin benötige sie in dieser Weltkirche schon immer viel Geduld und einen langen Atem. „Aber dass selbst Menschen wie der emeritierte Papst Benedikt und viele seiner klerikalen Brüder lügen, vertuschen und/oder Kindesmissbrauch begehen, zeigt, dass eine Doppelmoral besteht, die für mich kaum auszuhalten ist“, so Frebel und macht ihrem Ärger Luft. Sie fügt hinzu: „Scheinbar haben wir – die Schafe, die Laien, wie wir gerne bezeichnet werden – das Evangelium besser verstanden, als diejenigen, die es auslegen dürfen, die als Vertreter Christi auf Erden gelten.“ Dass es in der heutigen Zeit immer noch nicht möglich sei, ehrlich und demütig um Vergebung zu bitten, zeige ihr, dass die Institution Kirche Vertreter hat, die ihrer nicht würdig sind.

Auch in Plettenberg ist das Entsetzen groß.

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