Zirkuskinder büffeln in einer Schule auf vier Rädern

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Auf dem Arm vom Papa vollführt Jessi eine akrobatische Übung. Früh übt sich eben, was einmal eine gute Artistin werden will. ▪

ALTENA ▪ Anjali, Joy, Jessi und Naomi unterschieden sich kaum von ihren Altersgenossen. Und doch: Die Grundschülerinnen der Klassenstufen eins bis vier besuchen keine herkömmliche Schule. Als „geborene Zirkuskinder“ lernen sie das obligatorische ABC sowie Rechnen, Lesen und Grundbegriffe der englischen Sprache von Lehrerin Alex in einer eigenen „Schule auf vier Rädern.“ Gemeint ist damit ein spezieller Wohnwagen, der zum Klassenraum der Geschwisterkinder umgebaut worden ist. Und den das Zirkusunternehmen Holiday, das zur Zeit auf dem Evingser Schützenplatz gastiert, immer mit sich führt Von Johannes Bonnekoh

Im Rahmen eines offiziellen Schulprojektes des Landes NRW und der Evangelischen Kirche des Rheinlandes haben es die Mädchen im Schulalltag aber keineswegs leichter als herkömmliche Grundschüler. „Der Lehrplan ist bindend. Alle bekommen regelmäßig Schulaufgaben auf und Arbeiten werden auch geschrieben“, erzählt Opa Sandy Sperlich stolz, der Direktor des Zirkusunternehmens. Doch seine Stimme hebt sich ein wenig, wenn er weiter ausführt, „dass alle vier Kinder schon in der Manege auftreten.“ Joy als Reiterin, Jessi als Schlangenfrau, weil sie so biegsam ist und auch Naomi und Anjali haben ihre eigenen Show-Nummern. „Wir sind halt ein Familienunternehmen. Da werden auch die Kinder früh an das Zirkusgeschehen herangeführt.“

Schulbücher, Prüfungen, Tests, Lehrergespräche – all das ist auch in der „Schule auf vier Rädern“ üblich und Pflicht. Und regelmäßig werden die Kinder sogar in einer „normalen“ Schule getestet und geprüft. „Letzte Woche habe ich eine Eins geschrieben“, sagt Joy stolz und kramt das Diktat hervor. Dass sie ihre Lehrerin mag und wie die Zirkusgemeinschaft rundum die engagierte Pädagogin nur mit dem Vornamen ruft, Alex eben, na ja, das ist schon etwas ungewöhnlich. „So ist das aber im Zirkus“, sagt der Opa. Und er – aber natürlich auch Mama und Papa, lassen den Schulkindern nichts durchgehen. „Heute ist ein guter Schulabschluss unerlässlich. Keine Frage. Und wir streben eine höhere Schulbildung für alle an.“ Dann wird aber wohl ein Internat unausweichlich werden. Aber bis dahin gibt es an „mindestens drei Tagen“ in der Woche noch das Büffeln im Wohnwagen und anschließend das regelmäßige Training in der Manege. „Ich möchte das nicht missen“, sagt Joy, die kleine Pferdenärrin und verabschiedet sich. Jolante, ihr schwarzes Pony, wartet. Und diesmal ist sie die Tier-„Lehrerin“. Damit sich später das Publikum in der Manege freut...

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