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Zahl der Naturkatastrophen nimmt drastisch zu: Klimawandel trifft Feuerwehr im MK hart

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Von: Michael Koll

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Zahlreiche Besucher waren ins Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum gekommen, wo die Informationsveranstaltung stattfand.
Zahlreiche Besucher waren ins Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum gekommen, wo die Informationsveranstaltung stattfand. © Koll, Michael

„Die Feuerwehr ist der Spielball des Klimawandels“, sagt Kreisbrandmeister Michael Kling. Mit diesen Worten will der Chef der Feuerwehren die ganze Dramatik der Situation deutlich machen.

Michael Kling sagt diesen Satz am Montagnachmittag zu den zahlreichen Bürgern, die ins Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum (BRZ) auf Rosmart gekommen waren, um eine zweistündige Informationsveranstaltung über „zu viel und zu wenig Wasser“ zu hören. Es ging folglich um Waldbrände und Flutkatastrophen.

Nach der gut einstündigen Rede Klings hatten die Besucher die Gelegenheit, Fragen an den Kreisbrandmeister zu stellen. Doch seine Schilderungen zur Hochwasserkatastrophe vor knapp mehr als einem Jahr – und zuvor zu den Waldbränden, die auch derzeit wieder im Kreis wüten – hatten die Zuhörer betroffen und sprachlos gemacht.

Für die Feuerwehr hat sich die Welt verändert

„Für uns hat sich die Welt 2018 verändert“, hatte Kling eingangs festgestellt. Damals war die Zahl der Waldbrände sprunghaft angestiegen. In der Zeit von 2019 bis 2021 blieb sie auf hohem Niveau, „doch in diesem Jahr haben wir bereits jetzt den Rekordwert von 2018 überboten“, stellte der Kreisbrandmeister konsterniert fest.

Kreisbrandmeister Michael Kling hielt einen langen Vortrag über die Auswirkungen des Klimawandels für die Feuerwehren in der heimischen Region.
Kreisbrandmeister Michael Kling hielt einen langen Vortrag über die Auswirkungen des Klimawandels für die Feuerwehren in der heimischen Region. © Koll, Michael

„Vor vier Jahren haben sich unsere Aufgaben verändert“, führte der hochrangige Feuerwehrmann aus. „Seither beschäftigen wir uns den ganzen Tag lang nur noch mit Naturkatastrophen“, konkretisierte er. „Wer den Klimawandel immer noch leugnet, muss sich nur einmal mit uns Feuerwehrleuten unterhalten“, sagte er mit grimmigem Unterton. „Wir haben viel zu hohe Durchschnittstemperaturen bei zugleich viel zu wenig Niederschlag.“ Das Klima spiele verrückt und springe von einem Extrem ins andere: „Wir haben mittlerweile nur noch einen Tag, um uns auf Gefahrenlagen vorzubereiten“, erklärte Kling. „So schnell und unvorhersehbar kommen Waldbrand- und Flutgefahrenlagen.“ Der Kreisbrandmeister holte tief Luft und unterstrich: „Und diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen.“

Unkontrollierbare Waldbrände bald der Normalzustand

Der heimische Feuerwehr-Chef ließ keinen Zweifel aufkommen: „Wir haben 2018 bei unseren Einsätzen zum ersten Mal Bilder gesehen, die wir nicht kannten – die uns fremd waren.“ Was in Frankreich oder Portugal längst normal sei, gehöre nun auch zu den Sommern im Sauerland: Waldbrände, die nahezu unkontrollierbar seien. „Wir lernen da von unseren südeuropäischen Nachbarn gerade viel.“

„Das Feuer frisst sich in den Boden und wandert unterirdisch weiter“, illustrierte Kling den wahren Horror für Feuerwehr-Einsatzkräfte. „Das Feuer taucht dann 50 oder 100 Meter weiter wieder auf. Und wenn es als sogenanntes Flugfeuer weiter getragen wird, dann können es auch mehrere Hundert Meter sein.“

Spezielle Fahrzeuge erforderlich

Statt – wie bisher – immer größere Fahrzeuge zu ordern, seien die Feuerwehren im Märkischen Kreis längst dazu übergegangen, vermehrt kleinere zu bestellen. Damit könnten sie besser in schwer zugängliche Hanglagen kommen, um dort Waldbrände zu löschen.

Eines machte Kling an dieser Stelle unmissverständlich deutlich: „Hubschraubereinsätze bei Waldbränden sind eine schöne politische Idee, aber es bringt nicht viel.“ Im Gegenteil, der Kreisbrandmeister unterstrich: „Kein Hubschrauber macht ein Feuer aus. Die von den Rotoren aufgewirbelte Luft facht es vielmehr an und sorgt für eine Brandausbreitung.“ Deshalb sei der Einsatz von Drohnen sinnvoll – etwa um Brände mit Wärmebildkameras zu beobachten.

Flutkatastrophe forderte zwei Menschenleben

Bereits an dieser Stelle herrschte betretenes Schweigen im Saal, doch der Kreisbrandmeister wechselte thematisch von den Waldbränden zu den Flutereignissen. Und damit berührte er die Anwesenden umso mehr –insbesondere als er schilderte, wie er und seine Kollegen im Juli vorigen Jahres erst vom Tod eines Menschen erfuhren, dann die Gewissheit erlangten, dass es sich dabei um einen Kameraden handelte und später noch informiert wurden, dass es ein zweites Opfer gegeben hatte.

Das Equipment der Feuerwehr wurde beim Informationstag im BRZ gezeigt und die Funktionen vorgestellt.
Das Equipment der Feuerwehr wurde beim Informationstag im BRZ gezeigt und die Funktionen vorgestellt. © Koll, Michael

Als Kling später Videos und Fotos von vor 14 Monaten zeigte, erwähnte er bei einem Bild quasi nebenbei: „An dieser Stelle starb der Feuerwehrmann aus Altena.“ Im Besprechungsraum der Kreisleitstelle wäre in diesem Moment das Hinabfallen einer Stecknadel zu hören gewesen.

Überrascht „von der Wucht dieser Katastrophe“

Minuten zuvor hatte der Kreisbrandmeister bereits unterstrichen: „Auch wir waren überrascht von der Wucht dieser Flutkatastrophe.“ Nur 24 Stunden zuvor hatten die Wettervorhersagen zwar ein Unwetter, aber keinesfalls eine Katastrophe angedeutet. Kling konstatierte: „Das sieht man ganz klar, wie die Natur uns die Grenzen aufzeigt.“

Wie unberechenbar die Natur dabei zu Werke geht, verdeutlichte der heimische Feuerwehr-Chef: „Dass wir die Bevölkerung vorwarnen hätten müssen, dass wir ihnen hätten sagen können, was genau zu tun ist, ist ein Irrtum.“ Er ging ins Detail: „In Altena hätten wir beispielsweise in einer Straße den Menschen sagen können: ‘Verlasst die Häuser, geht raus auf die Straße.’ Und damit hätten wir richtig gelegen.“ Kling atmete tief durch: „Doch nur zwei Straßen weiter hätten wir mit derselben Anweisung viele Menschen in den sicheren Tod geschickt.“

Hintergrund: Der Märkische Kreis wappnet sich gegen die Folgen des Klimawandels. Auch die Bevölkerung wird in den Beteiligungsprozess eingebunden. Landrat Marco Voge (CDU), Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und die Klimaschutzbeauftragte Petra Schaller schalteten jetzt die Online-Bürgerbeteiligung frei. Direkt zur Bürger-Beteiligungsplattform gelangen Interessierte über die Homepage des Märkischen Kreises unter https://t1p.de/zsu6g.

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