Für Heike Franke war der Umzug ein großer Schritt

Wohnen wie Studenten: So lebt es sich in Altenas erster Senioren-WG

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Heike Franke war eine der ersten Bewohnerinen der Senioren-WG. Der Umzug war für sie ein großer Schritt: Von Geburt an lebte die 77-Jährige in ihrem elterlichen Haus in Altena.

Altena - Der Umzug in eine Wohngemeinschaft war für Heike Franke ein großer Schritt. Von Geburt an lebte die 77-Jährige in ihrem elterlichen Haus in Altena. Ende 2019 ist sie in die Senioren WG am Breitenhagen umgezogen. Ein Bericht über ein persönliches Abenteuer.

Heike Franke wurde im September 2019 durch einen Bericht im AK auf die neue Senioren-WG aufmerksam. Interessiert meldete sie sich bei den Besitzern, Vitali und Katharina Eilenberg. Nach einer Besichtigung entschied sich die 77-Jährige kurzerhand, einige Wochen probehalber in dem großzügigen Haus einzuziehen.

In ihrem elterlichen Haus in Altena, in dem sie bis dahin wohnte, war sie in der Vergangenheit fast jeden Tag gefallen und kam ohne fremde Hilfe nur schwer wieder auf die Beine. Seit sie 72 ist, leidet Heike Franke unter Parkinson.

„Die Beine wollen nicht mehr so“, sagt sie, lässt sich davon aber nicht unterkriegen: „Ich war mein ganzes Leben lang gesund, habe nie größere Operationen gehabt. Jetzt, mit der Krankheit, muss ich einfach alles ein bisschen langsamer angehen lassen, dann funktioniert das auch.“ In der Senioren-WG am Breitenhagen hat Heike derzeit eine Mitbewohnerin.

Eine Hilfskraft aus der Familie

Beide erhalten Unterstützung von Vitali Eilenbergs Mutter Lidia. Sie übernimmt das Kochen, kümmert sich um die Einkäufe und ist immer bereit, falls jemand akut Hilfe braucht. Jedes Zimmer ist mit einem Pieper ausgestattet, mit dem die Bewohner Alarm geben können.

Insgesamt ist die Senioren-WG aber so eingerichtet, dass die Bewohner so lange wie möglich selbst mobil bleiben können. „Als wir das Haus gekauft haben, waren ein Treppenlift und barrierefreie Duschen schon eingebaut“, berichtet Vitali Eilenberg. Wenn die Bewohner etwas brauchen, kümmert er sich darum.

WG-Besitzer Vitali (l.) und Katharina Eilenberg (r.) zusammen mit Lidia (Mitte) und der kleinen Anna.

Heike Franke hatte zum Beispiel angemerkt, dass ihr am Fuße der großen Treppe ein Stück Geländer fehlt, um sicher bis zur Haustür zu kommen. Das wurde kurzerhand angebaut. „Wir lernen hier auch jeden Tag dazu. Man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt Eilenberg erfüllt. Die Mühe der WG-Besitzer scheint Wirkung zu zeigen: „Ich bin hier im Haus noch nicht einmal gestürzt“, betont Heike Franke.

Was sie außerdem schätzt, ist das familiäre Miteinander. In der WG am Breitenhagen wohnen nämlich nicht nur die Senioren und die Unterstützungskraft: Das Ehepaar Eilenberg, das eigentlich in Lüdenscheid wohnt, ist selbst „so oft wie es geht“ mit im Haus – und zwar mit der kleinen Anna, die bald drei Monate alt wird. Insofern könnte man die WG eigentlich auch als Mehrgenerationen-WG bezeichnen.

Heike Franke genießt es und profitiert auch davon. Denn die drei älteren Eilenberg-Kinder Roman (13), Max (11) und Alexander (7) kommen regelmäßig vorbei, weil sie mit den Senioren spielen möchten – zum Beispiel Mensch-Ärgere-Dich-Nicht. 2019 haben Heike und die Familie Eilenberg sogar gemeinsam Weihnachten gefeiert.

Freiraum für Treffen mit Familie und Freunden

Neben ihrer neuen „Familie“ hat die 77-Jährige auch regelmäßig Besuch von ihren eigenen Kindern und Enkelkindern. Inzwischen ist sie sogar Uroma und strebt das nächste Ziel bereits an: „Mit etwas Glück könnte ich in etwas mehr als zwölf Jahren Ur-Uroma werden.“ Heike Franke hat einen Sohn (56) und eine Tochter (50). Ihr Ehemann verstarb 1998 unerwartet.

Seitdem unterstützen sie ihre Kinder, kommen sie am Breitenhagen besuchen oder gehen mit ihr gemeinsam essen. Auf Empfehlung ihres Arztes hat die WG-Bewohnerin schon vor einiger Zeit ihren Führerschein abgegeben. Ebenso wie ihre Familie, kommen Heikes Freunde sie oft besuchen. Der „Futterclub“ zum Beispiel: Er entstand schon vor vielen Jahren und besteht aus acht Frauen.

Während deren Ehemänner damals gemeinsam Fußball spielten, trafen sie sich einmal im Monat, um gemeinsam zu kochen oder essen zu gehen. Sechs Frauen aus dem „Futterclub“ waren schon in der WG. In Kontakt zu bleiben ist Heike Franke wichtig, denn „das hält mich fit“. Wie sie selbst, bewundern ihre Freunde regelmäßig den Ausblick, den man in dem Haus hat.

In der WG am Breitenhagen, genießt Heike Franke unter anderem den grandiosen Ausblick auf die weiten Wälder.

Durch die großen Panoramafenster blickt man dank der exponierten Lage auf riesige Teile der Altenaer Wälder. Um das Haus herum gibt es mehrere Terrassen. Von Beruf war Heike Franke kaufmännische Angestellte, bevor sie im Alter von 60 Jahren verrentet wurde. Gearbeitet hat sie in der Burgstadt bei den Drahtfirmen Künne, Schmerbeck und Kuhlmann sowie in Ihmert.

Parkinson-Diagnose mit 72 Jahren

Ihre Parkinson-Erkrankung machte sich bei Heike einige Jahre nach dem Renteneintritt bemerkbar. Im Alter von 72 Jahren wurde sie etwas wackelig auf den Beinen, stürzte einige Male, bis sie schließlich zum Arzt ging. Ein erster Verdacht kam auf und nach einigen Test gab es die Gewissheit: Parkinson.

Danach lebte Franke noch einige Zeit in dem Familienanwesen, zog in die Einliegerwohnung – bis es eben nicht mehr ging. Um das Haus, das 1913 schon ihre Großeltern bauten, muss sie sich keine Sorgen machen, denn hier wohnt jetzt ihr Enkel. Hin und wieder sei sie dort auch zu Besuch.

„Ich komme dann eigentlich nie ohne volle Taschen zurück“, sagt sie lachend, meint aber nicht etwa Geschenke oder Essensvorräte, sondern ihre alten Habseligkeiten. Denn den Großteil ihrer Sachen musste sie bei ihrem Umzug in die Senioren-WG zu Hause lassen.

Das Haus am Breitenhagen ist zwar groß, weil dort mehrere Menschen zusammen wohnen, hat aber jeder ein eigenes Zimmer, dessen Stellfläche mit rund 20 Quadratmetern begrenzt ist. So muss man sich auf das Wichtigste beschränken. Besteck, Geschirr und ähnliche Dinge sind in der alten Einliegerwohnung geblieben.

Etwas, woran die Eilenbergs bei der Einrichtung der WG nicht gedacht haben, denn sie schafften das Essgeschirr extra neu an. „Die Bewohner hätten ihre Sachen natürlich auch mitbringen können, dann hätten wir an dieser Stelle sparen können“, sagt Katharina Eilenberg.

Die Einrichtung des Wohnzimmers hingegen ist in Teamwork entstanden. Jeder WG-Bewohner kann hier ein Stück weit mitgestalten. Heike Franke hat ihren alten Lieblingssessel mit in die WG gebracht, in dem sie immer noch lieber sitzt als auf der Couchgarnitur.

Info: Der Leitgedanke hinter dem WG-Projekt am Breitenhagen

Die Idee für die Senioren-Wohngemeinschaft hatten Vitali und Katharina Eilenberg gemeinsam. Impulsgebend war dabei die Begeisterung von Katharina Eilenbergs Großmutter. Sie wohnte in einer WG in Lüdenscheid und habe oft davon geschwärmt, dass sie sich dort nicht mehr allein fühle.

Daher dachte das junge Ehepaar daran, so eine WG auch für Vitali Eilenbergs Großmutter ins Leben zu rufen. Der Kauf des Hauses an der Paul-Gerhardt-Straße und die Renovierung folgten. Viel zu tun für die beiden, die hauptberuflich in Lüdenscheid tätig sind und außerdem bereits dreifache Eltern waren. Mit Tochter Anna, die bald drei Monate alt wird, war Katharina Eilenberg damals noch schwanger.

Im November 2019 konnte Vitalis Großmutter schließlich einziehen, verstarb aber im Januar. Heike Franke wohnte daher einige Zeit alleine, bis im Februar eine neue Bewohnerin einzog. Gewinn erwirtschaften möchten die Eilenbergs laut eigener Aussage vordergründig nicht.

Wichtig sei ihnen vielmehr, dass die Senioren gemeinschaftlich ihren Alltag meistern und gemeinsame Aktivitäten pflegen können. Mit der Miete sollen in erster Linie das Haus abbezahlt und die laufenden Kosten gedeckt werden. Ein WG-Zimmer ist dabei günstiger als ein Platz in einem Pflegeheim und beginnt preislich bei 1300 Euro im Monat. Selbst pflegen dürfen die Eilenbergs nicht.

Sie und Lidia unterstützen die Bewohner im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben. Für alles, was darüber hinaus geht, ist ein ambulanter Pflegedienst zuständig. Essen und Einkäufe besorgt Lidia Eilenberg, Vitalis Mutter. Ebenso hilft sie bei akuten Notfällen.

Vitali Eilenberg lobt die Zusammenarbeit mit der Stadt Altena, die ihn bei der Realisierung der Idee mit vielen Beratungen unterstützt habe. Die Senioren-WG bietet fünf Wohnplätze. Jeder Bewohner hat sein eigenes Zimmer mit circa 20 Quadratmetern, Bad und Esszimmer sowie der 70 Quadratmeter große Wohnbereich werden geteilt. Derzeit sind drei Zimmer der WG frei.

Lesen Sie auch: Ein Einblick in die erste Senioren-WG in Altena

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