Senioren beklagen Leerstände in der Innenstadt:

„Wir Alten sind der Stadt und Politik doch völlig egal“

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Enttäuscht und verärgert: die Bewohner des Fritz-Berg-Hauses (v.l.) Elisabeth Baasner (78), Lena Görtlitzer (94), Doris Stenzel (92) und Rudi Küster (78) . Heike Nadler-Beerenbrock (stehend), die als Betreuerin im Fritz-Berg-Haus arbeitet, hat sogar schon von einer Seniorin gehört: „Ich möchte lieber sterben, als mir noch zehn Jahre diese leeren Schaufenster anzusehen.“

Lieber tot als in einer solchen Stadt leben! Harte Worte - ausgesprochen von einer 92-Jährigen. Doch ihre Einschätzung der Lebensqualität im Umfeld des Fritz-Berg-Hauses wird von vielen der Bewohner geteilt. Die Senioren mucken auf - planen unter Umständen sogar eine Rollatoren-Demo in der Stadt. "Das hat Altena noch nicht gesehen", sagt dazu Rudi Küster.

Altena - Ich bin vor sieben Jahren hierher ins Fritz-Berg-Haus gezogen.“ Lena Görlitzer rückt sich ihren Mundschutz noch einmal zurecht und erzählt weiter. „Meine Idee damals: Da wohnst du mitten in Altena: Ärzte, Apotheken, Einkaufsmöglichkeiten sind nah und gut erreichbar. Man wird ja nicht jünger.“ Zwar kämpfte die Stadt auch schon vor sieben Jahren mit Leerständen, „doch so schlimm wie heute, da es nur noch leere und tote Schaufenster gibt, war es nicht. Und es wird nicht besser, eher noch schlechter. So ist es für uns Senioren einfach nur eine Katastrophe.“ Zustimmendes Nicken von Elisabeth Baasner (78), Doris Stenzel (92) und Rudi Küster (88). „Wir Alten werden vergessen, wir Alten werden nicht gehört. Wir Alten sind der Stadt und der Politik egal“, sagt Elisabeth Baasner, die sechs Kinder großzog, Heike Nadler-Beerenbrock hört Klagen dieser Art täg

6 eigene Kinder großgezogen

lich. Sie ist im Fritz-Berg-Haus als Betreuerin des DRK eingesetzt. „Erst heute hat mir noch eine Seniorin unter Tränen gesagt: ,Man liebsten wäre ich tot. Was soll ich noch hier? Es passiert nichts, nur noch in dunkle, dreckige und leere Schaufenster schauen, wenn ich einmal durch die Stadt laufe? Ich kann mir ja in der Nähe meiner Wohnung nicht einmal mehr ein Brot kaufen’.“ Nadler-Beerenbrock spielt damit auf eine weitere Geschäftsschließung im Stapel-Center an. Das liegt bekanntlich unweit des Fritz-Berg-Hauses und war auch barrierefrei für dessen Bewohner gut erreichbar. Dort verabschiede sich in Kürze der Bäcker, habe sie gehört, „die Schlippes sind mit ihrer Tabakbörse ja schon Geschichte. Da hatte sich so mancher Bewohner zusätzlich noch mit Zeitschriften eingedeckt oder seinen Lottoschein abgegeben.“ Der Industrielle Fritz Berg, auf dessen Initiative das Senireonwohnhaus am Bungern einst entstand, hatte die Idee, dass Senioren dort mitten in der Gesellschaft und Stadt leben sollen – sich weiterhin selbst versorgend. So kocht und versorgt sich jede der 48 Wohn-Parteien autark, Essen auf Rädern kann zugebucht werden. „Diese Eigenständigkeitsidee in verkleinerten Wohnraum mitten im Zentrum war gut. Aber was ist geblieben?“, sagt Rudi Küster. Das 88-Jährige SPD-Urgestein, das für die „Roten“ wie er selbst salopp sagt, „viele Jahre im Rat saß“, spart auch nicht mit Kritik an „der Verwaltung und der Politik“.

Demografie wesentlicher Faktor

Natürlich sei die Demografie ein wesentlicher Faktor für die aktuelle Situation. Natürlich hätten sich die Zeiten in den vergangenen zehn, 20 Jahren massiv geändert. Auch im Umfeld, über Altena hinaus. Doch Küster sagt auch bitter: „Heute ist fast jeder zweite Altenaer über 60 Jahre alt, Senior also. Aber was ist mit der Lebensqualität, wenn man gebrechlicher wird, kein Auto hat und sich trotzdem noch selbst versorgen muss? Schlecht ist es, ganz schlecht.“ Lena Görtlitzer ist mit 94 Lebensjahren die älteste der Senioren an diesem Morgen in der Runde, die „sich alle gemeinsam im Stich gelassen fühlen. Ich kann mir hier im Ort nicht mal ein paar Schuhe oder eine Bluse kaufen.“ Wie soll sich die Situation ändern? Alle Gesprächsteilnehmer wissen, das Stadt und Politik „natürlich nur beschränkte Einflussmöglichkeiten haben. Aber wir brauchen einfach Hilfe“, sagt Rudi Küster und klopft auf seinen Rollator, der neben seinem Stuhl steht. Er kann sich

Wochemarkt ausweiten

 einen mobilen Verkaufswagen oder einen erweiterten Wochenmarkt vorstellen, der jetzige schrumpfe leider von Markttag zu Markttag. „Ich glaube, das lohnt für viele einfach nicht mehr“, sagt er und erneut nicken die Damen, die mit am Tisch sitzen. Altena habe sich entlang der Lenneuferstraße „sehr gemacht. Da ist es wunderschön. Da gehört auf die Terrassen aber auch ein kleines Programm“, wünscht sich Küster. „Warum nicht mal Musik? So was zieht immer.“ Betreuerin Heike Nadler-Beerenbrock lobt die Dienste, die auch den Bewohnern des Fritz-Berg-Hauses „natürlich angeboten werden. Aber es ist etwas anderes, einmal Bummeln gehen zu können. Stadtluft zu schnuppern, Leute zu treffen, auch als alter Mensch am Leben teilzuhaben.“ Tante Carola, den Drogeriemarkt, halten alle am Tisch „für eine gute Sache. Aber da wird dann auch schon mal

Stapel-Center: Immer mehr Geschäfte schließen.

über die kleinen Brötchen gemeckert“, ärgert sich Lena Görlitzer. „Für mich unverständlich.“ Die leeren Geschäfte mit Bildern zu dekorieren, TV-Geräte mit historischen Bildern laufen zu lassen möge zwar den Leerstand irgendwie kaschieren, sei aber an sich „ein Witz, sogar eine Art Täuschung, nicht nur von Touristen“, findet Rudi Küster. „Wir haben unseren Lebensmittelpunkt bewusst in die Stadt gelegt. In ein Haus, in dem wir Selbstversorger sind. Die Gemeinschaft unter den 48 Wohnungsinhabern ist gut, wir verstehen uns“, sagt Doris Stenzel. Doch auch sie ärgert, „dass ich mir nicht einmal eine Schnitte Brot im Umfeld des Hauses kaufen kann. Da gibt es nichts, furchtbar.“ Rudi Küster und seine Mitbewohnerinnen haben ihrem Ärger Luft gemacht, aber Rudi Küster ist das zu wenig:

Wahljahr - jetzt oder nie!

 „Jetzt ist Wahljahr. Es wird viel versprochen. Wir werden das alles mal beobachten. Und wenn sich nicht wirklich was ändert, dann organisiere ich die größte Senioren-Rollator-Demo, die Altena je gesehen hat. Leute, vergesst uns Alte nicht. Ihr werden auch einmal alt. Das ist nun mal der Lebenslauf und da kann sich keiner vor drücken.“

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