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Wiederaufbau nach der Flut: Dauert es noch bis 2030?

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Von: Thomas Bender

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Sorgenkind Kölscher Joe: Unter der ehemaligen Gaststätte befindet sich ein Bachdurchlass, der voller Geröll liegt. Wie es entfernt werden kann, weiß im Moment noch niemand.
Sorgenkind Kölscher Joe: Unter der ehemaligen Gaststätte befindet sich ein Bachdurchlass, der voller Geröll liegt. Wie es entfernt werden kann, weiß im Moment noch niemand. © Bender, Thomas

Kaum noch was zu sehen von der großen Flut vor einem Jahr? Bei einer solchen Fragestellung kann Andreas Kisker nur müde lächeln: Die Arbeit fange gerade erst an, sagt der fürs Planen und Bauen zuständige Abteilungsleiter der Stadt. Womöglich werde es bis 2030 dauern, bis alle Schäden beseitigt seien.

Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass in Altena nicht an allen Ecken und Enden gebaut wird. Dort, wo sich was tut wie beispielsweise an der Firma Klincke, da handelt es sich um private Maßnahmen – im Auftrag der Stadt durfte seit Januar nichts getan werden. „Die Bürokratie hat uns zurück“, meint Kisker.

Nach der Hochwasserkatastrophe ging vieles ganz schnell: Müll wurde abgefahren, die gröbsten Asphaltschäden zumindest an den größeren Straßen beseitigt. Möglich machten das die Soforthilfen von Bund und Land – sechs Millionen flossen in den Märkischen Kreis, die Hälfte davon ging nach einem entsprechenden Beschluss der Bürgermeisterkonferenz nach Altena – dafür ist Uwe Kober seinen Kollegen bis heute dankbar.

Neue Richtlinien seit Januar

Dass das Geld sofort ausgegeben werden konnte, lag an einer Entscheidung der Landesregierung: In den Monaten nach der Flut konnten die Kommunen Aufträge freihändig vergeben, mussten sie also nicht ausschreiben. „Wir konnten hemdsärmelig agieren“, erklärt Bürgermeister Uwe Kobert. Diese Erlaubnis endete mit dem Jahreswechsel, seit Januar muss alles wieder seinen bürokratischen Gang gehen.

Was das bedeutet, merkte die Stadt, als es um das Projektmanagement ging. Allein kann die Stadtverwaltung die Planung des Wiederaufbaus nicht stemmen, sie ist auf ein externes Projektmanagement angewiesen. Dieser millionenschwere Auftrag musste ausgeschrieben werden, die Entscheidung des Rates wurde angefochten und landete vor der Vergabekammer. Sie ließ sich bis Mai Zeit, bis sie endlich grünes Licht gab für die Beauftragung des Büros C und E. Das hatte zuvor schon den Wiederaufbauplan erstellt, durfte mit dessen Umsetzung aber jetzt nach den Okay der Vergabekammer beginnen.

Weiter als andere flutgeplagte Städte

Trotzdem ist die Stadt Altena sehr viel weiter als viele andere flutgeschädigte Städte wie zu Beispiel Hagen oder Stolberg. Die haben bisher überhaupt noch keinen Wiederaufbauplan und können damit die Hilfen nicht abrufen.

Jetzt muss für jede Maßnahme ein sogenanntes Projektdatenblatt ausgefüllt werden, bevor das Geld fließt. Diese Arbeit laufe für Altena auf Hochtouren, versichern Kisker und Bürgermeister Kober. Allerdings geht es im Moment eher um jene Dinge, die der Bürger nicht unbedingt mitbekommt. „Wir müssen jetzt Flaschenhälse beseitigen, die es noch gibt und die den Abfluss zukünftiger Hochwasser behindern“, sagt Kisker und nennt den Kölschen Joe als Beispiel. Die ehemalige Gaststätte am unteren Hegenscheider Weg steht über dem vom Hegenscheid kommenden Bach, der Unmengen von Geröll im Bachdurchlass unter dem Gebäude ablagerte. Das muss weg – wie das gehen soll, das weiß im Moment noch niemand.

Komplettes Kanalnetz wird untersucht

Noch undurchsichtiger als am Kölschen Joe ist die Situation im städtischen Kanalnetz, aus dem immer mal wieder Bruchstücke von Rohren herausgespült werden – ein Indiz dafür, dass es dort (vielleicht massive) Schäden gibt. Genaueres weiß man erst, wenn das gesamte Kanalnetz (immerhin rund 140 Kilometer) mit Kameras befahren worden ist – auch das eine Maßnahme mit hoher Priorität, die jetzt schnell angegangen werden soll und die auch ihr Gutes hat, wie Kober erklärt: „Anschließend ist unser Kanalnetz komplett digitalisiert.“ Auch die Sanierung städtischer Straßen werde dank der Fluthilfen in den kommenden Jahren weitaus größere Fortschritte machen als im bisherigen Straßenbauprogramm vorgesehen.

Die Frage ist allerdings, wer das eigentlich alles machen soll: „100 Millionen Euro investiert eine Stadt wie Altena nicht mal eben so“, sagt Kisker. Neben reinen Bauarbeiten müssen auch jede Menge Ingenieur- und Planungsleistungen vergeben werden – und deren Büros haben ebenso gut zu tun wie Bauunternehmungen. Aktuell ist geplant, einen Pool von Unternehmen zu bilden, die Aufträge entgegennehmen. Das hätte den Vorteil, dass sie ihre Eignung nur einmal und nicht bei jedem Auftrag aufs Neue nachweisen müssten.

Krieg beeinflusst den Wiederaufbau

Sogar der Krieg beeinflusst den Wiederaufbau – zum Beispiel dann, wenn es ums Frei- und Hallenbad geht. Bei allem, was dort passiere, müsse die Energieeffizienz einen noch sehr viel größere Rolle spielen als bisher, meint Kisker – immerhin verbraucht so ein Bad locker soviel Gas wie 100 Haushalte.

Kober und Kisker haben Verständnis dafür, dass den Bürgern vieles nicht schnell genug geht und dass kritisch beobachtet wird, dass Dinge wie der Lennepark auf die lange Bank geschoben werden. Zur Mammutaufgabe Wiederaufbau geselle sich ein eklatanter Personalmangel, argumentieren sie. Viele Stellen nicht besetzt, Urlaubszeit und die Corona-Sommerwelle: „Es gab Zeiten, da war ich auf diesem Flur praktisch ganz alleine“, sagt Kober und fügt hinzu: „Für Schönes bleibt da keine Zeit“.

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