Stefanie Bauer im Interview

Wenn Mama nicht lieben kann: Wie Kinder unter psychisch kranken Eltern leiden

+
Psychische Erkrankungen der Eltern wirken sich auf die Kinder massiv aus.

Altena – Wenn Mutter oder Vater psychisch krank sind, hat das massive Folgen für die Kinder. Um zu helfen, sind  mehrere Dinge wichtig.

Stefanie Bauer (50) arbeitet in der Stadtverwaltung Altena als Heilpädagogin und „Marte-Meo“-Supervisorin (Erziehungsberatung für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen). Zu ihren Aufgaben innerhalb der Jugendförderung gehört die Koordination des Netzwerkes „Altena. Früh am Ball“. 

Bauer holte kürzlich den Arzt und Psychiater Dr. Michael Hipp in die Stadt. Der Fachmann aus Mettmann befasst sich seit Jahren mit dem Thema „Familien mit psychisch kranken Eltern“ und informierte in der Burg Holtzbrinck mehr als 140 Fachfrauen über dieses sensible Thema. Im Interview spricht  Sabine Bauer über psychisch kranke Eltern in Altena, die Folgen dieser Krankheiten für die Kinder und die richtige Hilfe. 

Was bedeutet denn eigentlich psychisch krank genau? 

Stefanie Bauer: Psychische Krankheitsbilder haben eine hohe Komplexität und Vielfalt. In seinem Vortrag hat Michael Hipp zum einem Bezug genommen auf die Funktionsstörungen des Gehirns, zum Beispiel Schizophrenie, wo die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung besteht, und auf frühkindliche Bindungsstörungen oder Traumata, welche meistens psychotherapeutisch behandelt werden. 

Geht es noch etwas konkreter? 

Bauer: Ich nenne einmal das Stichwort emotionale Vernachlässigung. Auch in Altena sind viele Eltern von psychischen Erkrankungen betroffen, ohne dass eine offizielle Diagnose vorhanden ist. Frühkindliche Bindungsstörungen oder Traumata werden unter anderem ausgelöst durch emotionale Vernachlässigung, unverarbeiteten Beziehungsverlusten in der Kindheit, Gewalterfahrungen und sexuellen Missbrauch. 

Wenn Eltern davon betroffen sind, fällt es ihnen schwer oder ist ihnen zum Teil gar nicht möglich, auf die emotionalen Grundbedürfnisse von Kindern nach Feinfühligkeit, Sicherheit und Trost einzugehen. Auch die allgemeine Grundversorgung kann davon beeinträchtigt sein. 

Also gibt es auch in Altena nennenswerte Fälle von Familien mit psychisch kranken Eltern? 

Bauer: Es gibt keine offizielle Statistik zur Häufigkeit von psychischen Erkrankungen in Familien. Bundesweit wird von zwei bis drei Millionen Kindern und Jugendlichen gesprochen, die davon betroffen sind. Das macht circa zehn bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus. 

In einer Studie wurde herausgefunden, dass mindestens 425 000 Kinder einen Elternteil haben, welcher regelmäßig Unterstützung durch psychiatrische stationäre Hilfe benötigt. 

Ich stelle fest: Ja, das lässt sich prozentual auf Altena übertragen. Die Kolleginnen und der Kollege aus dem ASD haben regelmäßig mit betroffenen Familien zu tun. 

Wie werden Stadt und die Erzieherinnen in den Kindertageseinrichtungen auf diese Fälle aufmerksam? 

Bauer: Kinder signalisieren häufig mit ihrem Verhalten, dass es ihnen emotional nicht gut geht. Dies führt zu Erziehungsschwierigkeiten, für die sich Eltern Hilfe holen. Wenn es Eltern dann schwer fällt, ihren Blick auf die Bedürfnisse der Kinder zu richten und diese nur als „Ärgerverursacher“ gesehen werden, ist dies meist schon ein Hinweis darauf, dass die Beziehung sehr belastet ist. 

Gibt es auch sichtbare Zeichen, die helfen, möglichst schnell gegenzusteuern? 

Bauer: Wichtige Auffälligkeiten sind natürlich jede Form von sichtbarer Vernachlässigung. Viele Kinder entwickeln auch durch eine belastete häusliche Situation Entwicklungsverzögerungen, wodurch ein erhöhter Bedarf an motorischer und sprachlicher Förderung entsteht.

Und das hat welche Auswirkungen auf Kinder? 

Bauer: Kinder von psychisch kranken oder auch suchtkranken Eltern haben ein stark erhöhtes Risiko, im Laufe ihres Lebens selbst eine psychische Störung zu entwickeln. 

Was brauchen diese Kinder denn am meisten? 

Bauer: Untersuchungen haben gezeigt, dass es für Kinder wichtig ist, mindestens eine psychisch stabile Person in ihrem direkten Umfeld zu haben. Sollte dies nicht der Fall sein, können das Kind und die Familie auf jeden Fall durch Bezugspersonen des sozialen Umfeldes gestärkt und unterstützt werden. Dazu braucht es gute Informationen, wie so etwas gelingen kann. Fachkräfte erhalten diese unter anderem durch Weiterbildungen. 

Sabine Bauer arbeitet als Erziehungsberaterin.

Der interdisziplinäre Austausch trägt ebenfalls sehr dazu bei, die Gesamtsituation eines Kindes erfassen zu können. Es geht immer um das Kindeswohl, keine Frage. 

Aber hat die Stadt oder haben die beteiligten Partner überhaupt die Zeit und Kapazitäten, in jedem Fall tätig zu werden? 

Bauer: Wenn das Wohl und der Schutz eines Kindes gefährdet ist, sind wir immer dazu aufgefordert, aktiv im Sinne des Kindes zu werden. Dies sollte im Fokus unseres Handelns stehen. Auch wenn wir heute alle mit sehr knappen Zeitressourcen umgehen müssen. Tätig werden müssen wir in jedem Fall, wenn bekannt ist, dass das Wohl des Kindes nicht mehr gewährleistet ist. 

Müssen Eltern Hilfe aus dem Rathaus oder aus der Kita annehmen?

Bauer: Eine psychische Erkrankung eines Elternteils bedeutet eine deutliche Belastungssituation für die Familie. Und doch können Familien nur unterstützt werden, wenn sie es auch möchten. Im Sinne der Kinder ist es daher wichtig, sich in der Arbeit um einen guten Elternkontakt zu bemühen und helfende Hände auszustrecken. Als Netzwerkkoordinatorin erlebe ich vor Ort eine hohe Motivation der Fachkräfte, Kinder und ihre Eltern zu unterstützen. Als Dr. Michael Hipp in Altena war, hat er als Fachreferent viele Beispiele genannt und Mut gemacht. 

Aber vor Ort kann man diese Fälle doch nicht wie eine Blaupause benutzen?

Bauer: Eins zu eins lassen sich Fallbeispiele nie übertragen. Dafür sind wir Menschen und die Familien, in denen wir aufwachsen, viel zu individuell. Doch gibt es gerade im Bereich der Bindungsstörungen und des traumabelasteten Zusammenlebens deutliche Parallelen. Die Teilnehmer des Fachtages empfanden gerade die hohe Informationsdichte gepaart mit den praktischen Beratungsbeispielen als sehr wertvoll für die eigene Arbeit Damit hatte der Vortrag einen deutlichen Übertragungswert. Es fiel immer wieder der Begriff der videogestützten Förderung. Hipp stellte aber auch weitere vertrauensbildende Maßnahmen vor. 

Müssen sich Ihre Mitarbeiter und Partner nicht erst schulen lassen?

Bauer: Viele Informationen aus dem Vortrag waren hilfreich für die eigene Arbeit. Dadurch wurde für viele gezeigtes elterliches, aber auch kindliches Verhalten verständlicher, und es konnte sich ein neuer professioneller Blick auf die Familien entwickeln. Das vermittelte Wissen hat somit jeder Teilnehmer mit der eigenen schon vorhandenen Fachlichkeit verknüpfen können. 

Und richtig, Michael Hipp hat zur Stärkung der Beziehungsfähigkeit der Eltern videogestützte Methoden empfohlen, unter anderem die Marte-Meo-Methode. Mit der Gründerin dieser Methode, Maria Aarts, hatten wir schon zwei Fachtage in Altena, und für die Kooperationspartner wird die Ausbildung zum Marte-Meo-Praktiker seit 2007 jährlich von der Stadt angeboten. Um beratend mit den Eltern arbeiten zu können, braucht man die Fortbildung zum Marte-Meo-Therapeuten. Im Netzwerk haben verschiedene Fachkräfte diese Ausbildung gemacht. 

Im Rahmen der Jugend- und Familienförderung der Stadt gibt es ein niedrigschwelliges kostenfreies Beratungsangebot für Eltern. Das heißt, Fachkräfte können bei Bedarf Familien dieses Angebot als Unterstützung anbieten. Falls Eltern diese Hilfe für sich in Anspruch nehmen möchten, melden sich die Netzwerkpartner beim Jugendamt. Dies müssen die Eltern nicht persönlich tun. Als weiterer Schritt ist ein Ausbildungsangebot in Altena zum Marte- Meo-Therapeuten angedacht. 

Haben Sie auch schon erlebt, dass einer Familie geholfen werden konnte? 

Bauer: Auf jeden Fall. Sonst würde ich die Sinnhaftigkeit meiner Arbeit infrage stellen. Es ist wunderschön zu erleben, wie Eltern wieder eine neue Sicht auf ihr Kind bekommen und wie sich Familienalltag zum Wohle aller Mitglieder ganz neu gestalten lässt. 

Eltern lieben ihre Kinder und wollen immer das Beste für sie. Dies schaffen sie aber je nach eigenem Hintergrund oder Sozialisation nicht immer umzusetzen. Daher kann auch das Gesicht der wirkungsvollen Hilfe unterschiedlich aussehen. 

Was passiert weiterhin, um diesen Familien zu helfen?

Bauer: Wie ich schon erwähnte, wollen wir die Unterstützungs- und Zugangsmöglichkeiten für die betroffenen Kinder durch Schulungen der Fachkräfte weiterentwickeln. Im Jugendamt nehmen wir auch an dem auf Kreisebene stattfindenden Arbeitskreis „Kinder mit psychisch kranken Eltern“ teil, der schon seit mehreren Jahren etabliert ist. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für diese Arbeit? 

Bauer: Bei der Marte-Meo-Methode wird gelehrt, dass hinter jedem kindlichem Verhalten eine Botschaft steht. Häufig: „Hilf mir, ich habe etwas noch nicht entwickelt!“. Auch Eltern zeigen häufig mit ihrem Verhalten, dass sie etwas noch nicht in ihrer Beziehung zum Kind entwickelt haben und übermitteln damit auch eine Botschaft.

 Im Austausch mit den Teilnehmern wurde deutlich, dass sich alle zumindest ein bisschen selbst im Vortrag wiedergefunden haben. Ich wünsche mir ein weites Herz für die Menschen, denen wir begegnen, und dass Würde und Respekt unsere Begegnungen prägt. Dann ist es leichter Hilfe anzunehmen und zu geben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare