Spannende und wechselvolle Geschichte

Wenn die Glocken traurig läuten: Viele Bräuche in Evingser Kirche - auch an Allerheiligen

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Altena – Die Glocken der evangelischen Kirche in Evingsen haben eine spannende und wechselvolle Geschichte. Ihr Geläut lässt die Menschen im Dorf wissen, wenn es einen Todesfall gibt, früher ein Brand ausbrach oder ein hoher Feiertag ansteht. An Allerheiligen erklingen die Glocken besonders lange.

„Nein, am Glockenseil ziehen muss ich nicht mehr. Diese Zeiten sind lange vorbei.“ Monika Fernandes hat dennoch Arbeit mit den drei mächtigen Stahlglocken, die im 40 Meter hohen Turm der Evangelischen Kirche zu Evingsen hängen. Als Küsterin „gehört es zu meinen Aufgaben, das Läuten zu überwachen und mich strikt an den vorgegebenen Läuteplan zu halten“. Heute drückt sie nur noch ein paar Knöpfe oder programmiert das Läutewerk. „Mir erspart es das frühe Aufstehen.“

Helga Mosch, „das Gedächtnis der Gemeinde“, nickt. Die 82-Jährige führt noch immer das Archiv der Kirche und kennt sich mit den Glocken ebenso aus, wie mit (fast) allen geschichtlichen Zahlen, Daten und Fakten, die etwas mit der Kirche und ihrer Historie zu tun haben. Viele alte Fotos, Abschriften von Urkunden und Original-Unterlagen liegen vor der Archivarin. „Jeder glaubt, unsere Glocken zu kennen und hat sie schon gehört. Aber kaum jemand hat sie je von ganz nah gesehen oder sogar angefasst“, sagt Mosch.

Immerhin 95 Jahre hängt inzwischen ein Dreier-Geläut hoch oben im Turm. 860, 1200 und 2200 Pfund bringen die Glocken jeweils auf die Waage, gestimmt sind sie auf die Moll-Töne fis, a und h. Gegossen wurden die Giganten in der Glockengießerei Schilling und Lattermann in Apolda in Thüringen. Dorther stammen auch der „Dicke Pitter“ des Kölner Domes und die Glocke der evangelischen Christus-Kirche zu Rom. Die Evingser Glocken tragen folgende Inschriften: Die erste Glocke „Kommt, denn es ist alles bereit.“

Die zweite Glocke: „Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark“ und auf der dritten Glocke wurde der Schriftzug „Unser Gott wird für uns streiten“ aufgebracht. Feierlich ihrer Bestimmung übergeben wurden sie am Sonntag, 30. März 1924. Ihr Preis damals: 2662 Mark. Die drei Stahl-Glocken, die mittlerweile ein Patina-Grün angesetzt haben, folgten dem ersten Geläut, dass 1896 von der Kirchengemeinde Elsey gebraucht übernommen wurde. „Sie sind sofort anno 1886 beim Neubau unserer Kirche angeschafft und auf den Turm gekommen“, sagt Helga Mosch und blättert eine Seite in einem vor ihr liegenden Heftchen um.

„Diese drei Glocken waren ähnlich dimensioniert wie die heutigen, allerdings bestanden sie „aus feinster Bronze“. Und genau das wurde Gemeinde und Glocken zum Verhängnis. „Für Kaiser, Volk und Vaterland“ wurde das Geläut während des Ersten Weltkrieges beschlagnahmt. „Sie wurden am 29. Juni 1917 ausgebaut, und wir lieferten sie ab. Das war sehr schmerzlich“, erinnert sich die langjährige Presbyterin und hält ein historisches Foto in der Hand.

„Schauen Sie sich einmal die Menschen genauer an. Man sieht ihnen an, dass sie um die Glocken getrauert haben.“ Der damalige Evingser Pfarrer Kupsch notierte in seinem Tagebuch: „Die Gemeinde hat die Entfernung der Glocken als sehr schmerzlich empfunden. Man hört jetzt kein Läuten mehr. Hoffentlich gelingt es bald, Ersatz zu bekommen.“ Dieser Ersatz war zunächst ein kleines Glöckchen, das 1920 zwar gegen eine etwas größere Glocke von 300 Pfund ausgetauscht werden konnte, aber das wohlklingende Geläut der drei eingeschmolzenen Bronze-Glocken konnte sie nicht ersetzen. Wohl deshalb war die vom damaligen Presbyterium initiierte Sammel-Aktion so erfolgreich – obwohl die Zeiten kurz nach der Inflation von 1923 noch schwierig waren.

Mosch erläutert: „Immerhin kosteten die neuen Glocken, die jetzt bei uns im Turm hängen, mit allem Zubehör damals 3330 Mark.“ In Evingsen wurden rund um die Glocken, ihr Anschlagen und Läuten viele Bräuche erhalten. „So sind wir nach wie vor an das Morgen-, Mittag- und Abendläuten um 6, 12 und 19 Uhr – 18 Uhr im Winter – gewöhnt. Hinzu kommt samstags das sogenannte Einläuten des Sonntags. 15 Minuten lang ertönen dann ab 16 Uhr die Glocken über dem Dorf“, erzählt Monika Fernandes. Auch an Weihnachten und Silvester gibt es geänderte und ausgedehnte Läutezeiten, ebenso wie zu besonderen Gottesdiensten oder an hohen Feiertagen wie Allerheiligen. „All das steht in unserer Läuteordnung. Daran halte ich mich“, sagt die Küsterin.

Einzig, wenn es um das Kleppen, also das Läuten beim Heimgang eines Gemeindegliedes oder das Läuten auf dem Weg zum Friedhof geht, muss Fernandes außer der Reihe läuten. Beim Kleppen wird die mittlere Glocke 15 Minuten nur angeschlagen und dann beim Gang zum Friedhof 15 Minuten wie gewöhnlich geläutet. Gänzlich ausgestorben ist in Evingsen das Feuerläuten.

Mosch: „Unter Punkt IV der Läuteordnung von 1924 war geregelt, dass die große Glocke bei Feuer im Turm schnell geläutet werden sollte, bis die Feuerwehr ausgerückt war. Das war für den Küster durchaus schweißtreibend, denn es wurde erst Anfang der 1930er Jahre eine elektrische Läutemaschine angeschafft.“ Da Dahle und Evingsen zwar zwei Gemeinden mit einem gemeinsamen Pfarrer sind, erklingen auch die Evingser Glocken, wenn sonntags nur in Dahle Gottesdienst gefeiert wird. Denn wenn es um 9 Uhr vom Turn in Evingsen läutet, erzählt Fernandes, „dann ist noch eine Stunde Zeit bis zum Gottesdienst und alle können sich auf den Weg machen“.

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