Weltraumbahnhof auf Großendrescheider Wiese

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Eine eingeschworene Gemeinschaft sind die Hobby-Raketenbauer, die sich in der Saison an verschiedenen Orten treffen, um ihre selbst gebauten Raketen steigen zu lassen. Am vergangenen Wochenende trafen sie sich auf Großendrescheid – und das zum inzwischen zehnten Mal. Organisiert wurde das Treffen von Dennis Petroll (mit roter Jacke).

Altena - Es war ein kleines Jubiläum, zu dem sich Raketenbauer aus einem weiten Umkreis am Wochenende auf einer Wiese bei Großendrescheid trafen.

Zum zehnten Mal starteten die Bastler ihre selbst gebauten Raketen, die aufgrund der örtlichen Gegebenheiten nur bis etwa 3,5 Kilogramm schwer und höchstens mannshoch sein durften.

Doch diese Eckdaten verraten wenig über die große Fülle an Formen, Vorbildern und Materialien, die sich von mehreren Startplätzen bis zu 300 Meter in den Himmel erhoben. So etwas geht nicht ohne Genehmigung - in diesem Fall der Bezirksregierung Münster, Luftdezernat 26, das vor seiner Entscheidung wiederum eine Stellungnahme der Deutschen Flugsicherung in Langen bei Darmstadt eingeholt hatte. 

Ein Raketenstart wie man ihn kennt: mit Feuerstrahl und Rauchwolke.

Und so war der Luftraum über Großendrescheid am Wochenende bis zur Höhe von 2500 Fuß, also etwa 760 Metern, für andere Flugobjekte gesperrt. Piloten lasen in ihren Flugmitteilungen entsprechende Hinweise. Selbst die Raubvögel, denen der Himmel über Großendrescheid sonst gehört, hielten gehörigen Abstand. 

Das hielt zwei Gleitflieger allerdings nicht davon ab, dem Areal am Rande einen kleinen Besuch abzustatten. Der Flugplan der Raketenbauer wurde kurzzeitig ausgesetzt - dann ging es weiter. Gewarnt wurden Piloten vor dem „ascend of uncontrolled rockets“, dem Aufstieg unkontrollierter Raketen. 

Die Raketenbauer hatten zumeist mehrere Modelle mitgebracht. Manche von ihnen absolvierten ihren Jungfernflug, und ihr Countdown wurde durch einen entsprechenden Hinweis ergänzt. Von einer Rakete, die noch nie geflogen ist, hält man besser einen größeren Abstand. 

Die meisten Raketenbauer hatten eine ganze Phalanx selbst gebauter Raketen mitgebracht.

Denn wie bei den großen Raketen auch startet längst nicht jeder selbst gebastelte Flugkörper nach Plan: Hier brennt ein Raketenmotor durch, dort zündet schon am Boden der Treibsatz für den Fallschirm, der sich eigentlich erst am Scheitelpunkt der kurzen Reise entfalten soll. Dieses Manöver funktionierte meistens mit großer Präzision, aber nicht immer. 

Gelassen sammelte ein Raketenbauer die Reste seines zerborstenen Flugobjekts ein, die ungebremst in die Wiese gedonnert war. Die Materialien sind ersetzbar, das Basteln gehört zum Hobby, und so hat eigentlich jeder seine persönliche Raketenwerkstatt im Auto. Zwischen Schönheit oder Funktionalität muss jeder Bastler seinen persönlichen Weg finden. „Wer dieses Hobby hat, läuft mit einem ganz anderen Blick durch einen Baumarkt“, erklärte einer der Teilnehmer. 

Eine Rakete verriet hingegen einen wachen Blick beim Gang über einen Friedhof: Denn die Spitze, mit der sich Blumenvasen in ein Grab stecken lassen, eignet sich vorzüglich für den oberen Teil einer Rakete. Und so sind die meisten Flugkörper eher funktional, mit glatten Oberflächen und aus Materialien, die leicht ersetzt werden können. 

Nach mehreren Startversuchen hob auch dieser kleine dicke Flugkörper schließlich ab.

Doch es gibt Ausnahmen: Allen voran das Modell einer europäischen Rakete vom Typ Ariane, die ihre Zuverlässigkeit auch über dem Himmelsbahnhof von Großendrescheid bewies. Auch in einem Science-Fiction-Film hätte ein „Android-Destroyer“ eine gute Figur gemacht. 

Anfängliche Startschwierigkeiten gingen auf ein durchgebranntes Triebwerk zurück. „Neuer Motor rein - nächster Versuch!“, zeigte sich sein Erfinder ebenfalls sehr entspannt und sah schon bald darauf, wie das Fluggerät planmäßig abhob - ein wenig unrund, aber das ist der Preis für eine Gestalt, die über die Mindestausstattung einer Rakete hinausgeht. 

Ein Schwergewicht hebt ab

Doch natürlich macht auch die pure Funktionalität Spaß: Mit etwa 3500 Gramm Startgewicht hob ein regelrechtes Schwergewicht ab, dem Alexander Maurer aus Essen einen BC-360-Raketenmotor verpasst hatte. Als Treibstoff braucht er eine Mischung aus Nitrozellulose, Nitroglyzerin und ein paar weiteren Zutaten.

 Einige Raketenbauer experimentierten auch mit flüssigem Lachgas (Distickstoffmonoxid), das eine starke Oxidationswirkung hat. Was dann letztlich in der Brennkammer des Raketenmotors mithilfe des frei werdenden Sauerstoffs verbrennt, ist demgegenüber zweitrangig.

 Doch das Thema „Brennstoff“ hatte noch eine weitere Dimension: „Nicht nur die Raketen brauchen Energie. Auch wir können was gebrauchen“, hieß es, bevor sich die Raketenbauer zur Mittagszeit auf die frisch gegrillten Bratwürstchen stürzten.

www.raketenmodellbau.org

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