"Ich möchte noch ein paar Jährchen leben"

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"Die Gangunsicherheit ist das Schlimmste", sagt Heike Franke über ihre Parkinson-Erkrankung.

Altena-  Tapferkeit ist die Kunst, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Heike Franke sieht aus wie das blühende Leben. Auf den ersten Blick. Sie lächelt. Sie freut sich über Mila, die durch die Küche springt und so liebend gern in die Schuhe des Besuchers beißt. „Sie ist morgens immer hier. Da habe ich Gesellschaft“, sagt die 75-jährige Altenaerin. Heike Franke ist an Parkinson erkrankt. Die Gangunsicherheit ist das Schlimmste. Sie fällt oft. Immer wieder. Und zählt die vielen, vielen blauen Flecken an den Armen und den Knien gar nicht mehr.

Im Steinwinkel lebt Heike Franke schon ihr ganzes Leben. Es ist ihr Elternhaus. Oben wohnt der Enkel, der Sohn nebenan, die Tochter in der Nähe. Wie gut, dass sie ihre Lieben um sich hat. Denn das Leben mit Parkinson wird immer heftiger. „Meine Schrift wurde immer kleiner. Das war ganz eigenartig. Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte“, erzählt Heike Franke von den ersten Symptomen, die Ende 2014 wie aus heiterem Himmel auftraten.

 Doch bevor es zur niederschmetternden Diagnose kam, stürzte die Altenaerin im März 2015. „Es war ein schöner Tag. Ich wollte draußen die Mauer sauber machen. Und auf einmal bin ich nach rechts umgefallen. Ich konnte mich nicht mehr bewegen. Der Nachbar hat mich dann rufen gehört.“ Oberschenkelhalsbruch. Eine neue Hüfte, zehn Tage Krankenhaus, Reha. Im Anschluss fuhr Heike Franke mit einer Bekannten für einen Parkinson-Test nach Soest. Dann wurde die bittere Wahrheit diagnostiziert: am 10. Mai 2015.

Das Kardinalsymptom der Krankheit, das Zittern, hat Heike Franke nicht. „Da bin ich wirklich froh.“ Dafür macht ihr die Gangunsicherheit schwer zu schaffen. Vier Mal am Tag muss sie Medikamente nehmen. Und sie geht dienstags zur Krankengymnastik. Heute hat Heike Franke ihre erste Stunde Logopädie. Die Sprache wird nämlich immer schneller – und etwas verwaschener.

Bewegung, Teilnahme am Leben – das ist für Heike Franke keine Frage. „Und ich kann noch gut Auto fahren, Gott sei Dank. Man ist hier ja am Ende der Welt“, schmunzelt die sympathische Frau. „Wenn ich sehe, dass bei Aldi in Dahle der Parkplatz nicht so voll ist und ich ganz vorne parken kann, dann gehe ich auch einkaufen. Dann brauche ich nur vom Auto bis zum Einkaufswagen und dann habe ich etwas zum Festhalten.“

 Mutig voran ist ihre Devise. Nur Tischtennis spielen kann sie nicht mehr. Und auch Turnen montags in Evingsen ist nicht mehr möglich. Dafür macht sie in Nachrodt bei der Hockergymnastik von Rita Joergens mit. „Und donnerstags fahre ich noch mit einem Bekannten nach Iserlohn zum Turnen für Parkinson-Erkrankte.“

Auch den Futterclub gibt es noch. Zehn Frauen treffen sich seit 45 Jahren. „Unsere Männer haben alle Fußball gespielt. Daher kennen wir uns. Und jetzt gehen wir einmal im Monat zum Essen.“ Versorgen kann sich Heike Franke ganz gut allein – „aber mein Sohn kocht immer“, freut sich die Altenaerin. Für Notfälle hat sie einen Johanniter-Notruf an einer Kette, die sie um den Hals trägt. „Die Unsicherheit beim Laufen und die Fallneigung sind einfach das Schlimmste. Und wenn jemand klingelt, dann werde ich ganz nervös, ganz kribbelig“, sagt Heike Franke über die immer schlimmer werdenden Symptome.

Angst macht ihr die Krankheit nicht. „Es hätte viel schlimmer können“, sagt Heike Franke und erzählt von ihrer Freundin, die vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist und die ihr immer noch schmerzlich fehlt. „Wir sind zusammen groß geworden.“

Parkinson, so überlegt die 75-Jährige ganz nüchtern, ist „eine scheiß Krankheit. Aber ich bin ein Stehaufmännchen. Was soll ich denn machen. Ich neige auch nicht zur Depression wie viele andere Parkinson-Erkrankte. Ich sehe das Leben nach wie vor positiv. Ich möchte gern noch ein paar Jährchen leben.“ Im Mai fährt Heike Franke eine Woche nach Dänemark. Mit ihrer Tochter.

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