Weihnachtsbaum aus dem Wald - In Altena drohte dafür Knast

Stadtarchivarin Monika Biroth mit Unterlagen.
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Stadtarchivarin Monika Biroth mit Unterlagen.

Der 23. Dezember 1824 war ein gewöhnlicher Wintertag in Altena. Der Schnee lag gut einen Meter hoch, und es war bitterkalt. Diesen Tag vor genau 196 Jahren werden viele Zöger und ihre Familien damals nicht so schnell vergessen haben. Eine amtliche Bekanntmachung machte ihrer Weihnachtsvorfreude einen gehörigen Strich durch die Rechnung.

Altena - Der preußische Landesdirektor von Holtzbrinck wies per handschriftlicher Anordnung Bürgermeister Trompeter an, „das Schlagen von sogenannten Christbäumchen“ im Wald und auf den Hängen rund um die Stadt zu verbieten. Er ließ bei der Überbringung der Depesche Trompeter ausrichten, selbst das Holz der kleineren Bäumchen werde für den Drahtzug benötigt, die Hänge rund um die Stadt seien fast kahl.

Damals wurde aus jeglichem Holz in Altena Kohle für die blühende Drahtindustrie hergestellt, die im Fertigungsprozess in rauen Mengen benötigt wurde. „Die Übertreter haben eine Strafe von zwei Reichsthalern oder 24-stündigem Arrest zu erwarten“, drohte der Landesbeamte. Das waren drastische Strafen: Zwei Thaler bedeuteten etwa den zweifachen Monatsverdienst eines Zögers.

Burgberg war kahl

Es existieren noch viele historische Stadtansichten, die belegen, dass beispielsweise der Burgberg und auch Teile des Wixbergs gänzlich kahl waren. Erst ab 1950, also vor 70 Jahren, begann in Altena eine gezielte Forstwirtschaft. Heute sind mehr als zwei Drittel des Stadtgebietes mit Wald bedeckt. Nun sind es Borkenkäfer und Trockenheit, die für viele große, kahle Flächen sorgen. Stadtarchivarin Monika Biroth trägt weiße Handschuhe, als sie das gut erhaltene Schriftstück in die Hand nimmt und Wort für Wort die Sütterlin-Schrift übersetzt. Im zweiten Satz der mit schwarzer Tinte und dem Siegel des Landesdirektors versehenen behördlichen Dienstanweisung ordnet der preußische Beamte zusätzlich an, „dass auch das Schießen am Silvestertage im Wald gänzlich untersagt ist“.

Biroth besitzt nur dieses eine Stück Papier in den Akten des Stadtarchivs, das auf das Christbaum-Schlagen und Schießverbot hinweist. Es gibt auch in den Tagen später keine überlieferten Quellen, wie die Altenaer mit diesen Verboten umgegangen sind. Auch die Rolle der Evangelischen Kirche ist nicht überliefert. Denn immerhin protegierte sie die Idee des Weihnachtsbaum-Brauches bereits seit vielen Jahrzehnten.

Nachricht von der Kirchenkanzel

Wie die Altenaer von diesem Dekret erfahren haben, bleibt ungeklärt. Neben einem handschriftlichen Aushang am Rathaus könnte es ein Stadtausrufer durch die Stadt getragen haben. „Aber das ist nicht belegt“, sagt Historikerin Monika Biroth. Sie mutmaßt vielmehr, „dass es über die Kirchenkanzeln an das breite Volk weitergegeben wurde. Das war bei solchen Amtssachen durchaus üblich.“ Doch in den Pfarrarchiven gibt es keine Belege.

Altenas Bürgermeister Uwe Kober (CDU) würde heute seine liebe Not haben, einen Christbaum-Verkauf oder das Tannenschlagen zu verbieten. Selbst in Corona-Zeiten, die allen viel abverlangt, gäbe es vermutlich einen Aufschrei und Aufstand ob dieses Eingriffs die persönliche Weihnachtstradition.

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