Kerzen bedeuteten Reichtum

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Kulturhistorische Hintergründe erläuterte die Leipzigerin Dr. Kathrin Pöge-Alder bei den Freunden der Burg. ▪

ALTENA ▪ Das Bild von Rapunzel mit wallender Mähne im Turm ist Kindern wie Erwachsenen gleichermaßen im Kopf. Dr. Kathrin Pöge-Alder erklärte am Mittwoch auf Burg Altena die Bedeutung von Burgen, Schlössern und Türmen im Märchen - und welche kulturhistorischen Hintergründe sich dahinter verbergen. Leider war das Zuhörerinteresse gering: Die Freunde der Burg als Gastgeber begrüßten neun Gäste.

Märchen haben es als Analysefeld in viele wissenschaftliche Bereiche geschafft. Die Leipzigerin Dr. Kathrin Pöge-Alder hat sie zu ihrem Promotionsthema gemacht nach dem Studium der Germanistik, Musikerziehung und allgemeinen Literaturwissenschaft. Dass Burgen, Schlösser und Türme einen Triumphzug in Märchen fanden, ist den Brüdern Grimm zu verdanken. Die Märchensammler streckten ihre Fühler einst in alle Welt aus und bereiteten die Geschichten so auf, dass sie im wahrsten Wortsinne zeitlos wurden. „In welchem Jahr ein Märchen entstanden ist und wo lässt sich nicht mehr nachvollziehen, wenn man es in der Fassung der Brüder Grimm gelesen hat.”

Auch das Bild der Burgen, Schlösser und Türme wurden durch die Sammler geprägt. Die Burg steht bis heute als Synonym für eine sichere Behausung, das Schloss für Prunk und Reichtum. „Illustratoren wählten aber meistens eine Burg als Motiv, wenn im Märchen von einem Schloss die Rede war. Das hat damit zu tun, dass der Begriff Schloss jünger und beliebter war in Märchen. Aber die Zeichner sahen auch die mittelalterliche Überschneidung einiger Märchen und setzen sie um”, erklärte Dr. Kathrin Pöge-Alder ihren Zuhörern anhand von Bildprojektionen. Mancher Künstler nahm das Märchen sehr genau und fügte dem Turm, der Rapunzel gefangen hielt, Dornen und Gestrüpp hinzu. „Vielleicht wollte er so erklären, dass der Jüngling, der sich an Rapunzels Haar heraufzieht und fällt, daran die Augen aussticht.”

Das Bild von der Jungfrau im Turm sei nicht ausschließlich negativ zu betrachten: „Kulturhistorisch hat der Turm eine schützende Funktion. Die Mädchen sollten darin in Frieden heranreifen können und vor Kriegen und schlechten Einflüssen bewahrt werden”, erklärte die Referentin. Das Motiv der Burg strahle stets Macht aus. Diesen Bau zu erobern bedeute sowohl für den armen Bauernsohn, als auch den gestandenen Ritter Heimat, Nahrung und ein Schwert, das ewig siegt. Richtig geschafft hatten es Märchenfiguren, die sich Kerzen leisten konnten und damit ein Schloss zum Erleuchten brachten. „Kerzen waren vor der Erfindung der Kronleuchter eine sehr teure Ware. Ihr erlöschendes Licht bestimmte das Ende jeder Feierlichkeit. Kerzen im Märchen geben Hinweise darauf, dass auch in der Ursprungsgeschichte sehr reiche Leute vorkamen.”

Selbst die Psychoanalyse, so Kathrin Pöge-Alder, habe die Märchen-Motive aufgenommen: Die Bilder von hohen Türmen, tiefen Stürzen und engen Räumen seien auf diesem Gebiet ebenso betrachtenswert, wie die Brutalität mancher Märchen: Der Referentin ist ein Psychologe persönlich bekannt, der anhand der grausamen Geschichte vom Mädchen ohne Hände bei der Behandlung einer Patientin weiterkam: Sie hatte aufgrund psychischer Probleme mit physisch intakten Händen nicht mehr greifen können, bekam nach erfolgreicher Therapie jedoch ihre Handfunktion zurück. ▪ Ina Hornemann

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