Debatte um Lockerungen

Vor dem Corona-Gipfel: Klare Forderungen von Händlern und Wirten 

Die Fitness Factory in Altena ist derzeit geschlossen.
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Die Fitness Factory in Altena ist derzeit geschlossen.

Lockerungen oder weiter Lockdown? Bund und Länder entscheiden am Mittwoch (3. März). Händler und Wirte in Altena haben eine klare Meinung, einen dringenden Wunsch - und ein gutes Argument.

Altena – Vor dem Corona-Gipfel am Mittwoch wird der Öffnungsdruck auf Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder größer. Der Wunsch nach Freiheiten in der Bevölkerung wächst, gleichzeitig aber steigt die Sieben-Tages-Inzidenz wieder an.

Und Experten wie Karl Lauterbach sehen bereits den Beginn einer dritten Welle. Die Politik scheint in der Zwickmühle zu sein. Lockern oder nicht? Wenn es nach Einzelhändlern, Gastronomen oder Betreiber von Fitnessstudios ginge, wäre die Antwort eindeutig. Eine Stichprobe in Altena.

Einzelhändler: „zeit für Schritt Richtung Normalität“

Seit Montag (1. März) wird in den Friseursalons wieder geschnitten, gefärbt, getönt und geföhnt – nach rund zweieinhalbmonatiger Zwangspause. Der Einzelhandel aber muss die Türen noch geschlossen halten, obwohl sich nach einer Umfrage des Insa-Meinungsforschungsinstituts 75 Prozent der Deutschen dafür aussprechen, dass die Geschäfte im März wieder öffnen sollen.

Alexander Schmitz, Einzelhändler in der Altenaer Innenstadt und zugleich Vorsitzender des Stadtmarketingvereins, wünscht sich für den stationären Einzelhandel ganz klar eine Öffnungsperspektive. „Ich glaube, dass es langsam an der Zeit ist, zumindest einen Schritt in Richtung Normalität zu gehen“, sagt Schmitz, der das Infektionsgeschehen keineswegs kleinreden will. „Die Zahlen steigen leider wieder, deshalb darf man es bei Lockerungen nicht übertreiben“, sagt der Einzelhändler.

Sicherheitskonzept erprobt

Er ist aber davon überzeugt, dass eine verantwortungsvolle Öffnung der Geschäfte möglich ist. „Auch wir Händler wollen alle gesund bleiben. Jeder, der ein Geschäft hat, möchte es so sicher wie möglich gestalten.“ Mit entsprechendem Hygiene- und Sicherheitskonzept, das vor dem zweiten Lockdown schon erprobt wurde, kann nach Schmitz’ Überzeugung eine sichere und vernünftige Wiedereröffnung gelingen. Insbesondere die kleineren Händler hätten sehr gute Möglichkeiten, auf die Einhaltung der Abstandsregel in ihren Läden zu achten.

Alexander Schmitz gibt die bestellten Waren durch die geschlossene Ladentür an Kunden.

Fitness Factory: Sport gesundheitlich wichtig

Nach einer Öffnungsperspektive sehnen sich nach monatelangem Lockdown auch Tugba und Mehmet Deniz, Inhaber der Fitness Factory am Stapel. „Finanziell sind wir noch auf den Beinen, aber es ist eine schwere Zeit“, sagt Mehmet Deniz.

Er ist fest davon überzeugt, dass die Infektionsgefahr in Fitnessstudios mit ihren Hygienekonzepten „minimal“ sei und verweist auf eine Studie, die das belegen könne. „Wir haben sehr viel in das Hygienekonzept investiert und hoffen, dass wir so schnell wie möglich wieder öffnen können“, sagt Deniz, der von der Loyalität vieler Mitglieder, die trotz des Lockdowns weiterhin ihren Beitrag bezahlt oder nicht zurückverlangt haben, begeistert ist.

Gastronomie: Umfrage mit klarem Ergebnis

In der Fitness-Factory werde nach einer Wiedereröffnung alles dafür getan, damit das Trainieren für alle Mitglieder und Mitarbeiter so sicher wie möglich sei. Aus gesundheitlichen Gründen sei es zudem für viele Mitglieder überaus wichtig, wieder ins Studio gehen zu können. Die Fitnessbranche leistet laut Deniz auch einen wichtigen Beitrag für die individuelle Gesundheitsvorsorge.

Extrem gelitten hat in den zurückliegenden Monaten auch die Gastronomie, nach der Insa-Umfrage befürworten inzwischen 54 Prozent der Befragten eine Öffnung der Restaurants noch in diesem Monat. „Wir brauchen dringend einen Fahrplan oder Perspektiven, ab wann wir mit Lockerungen rechnen können“, betont Patrick Hochstein, der das traditionsreiche Haus Pilling seit mehr als einem Jahr führt.

Wirt: Stimmung bei Bevölkerung „könnte kippen“

Hochstein weiß, dass der Wunsch nach Lockerungen in der Bevölkerung immer größer wird, die Zahlen aber auch seit Tagen wieder ansteigen. „Es ist schwierig. Ich möchte nicht in der Haut der Entscheider stecken“, sagt der Gastronom. „Wir brauchen eine Perspektive, aber auch die Gäste brauchen eine Perspektive“, sagt Hochstein, der nicht zuletzt wegen des angebotenen Abhol- und Lieferservices im Austausch mit Gästen steht und in Gesprächen festgestellt hat, dass die Stimmung in der Bevölkerung „irgendwann kippen“ könnte, wenn nicht bald Lockerungen in Aussicht gestellt werden.

Wenn Frisöre – und damit köpernahe Dienstleister – seit Montag wieder geöffnet haben und nach festen Terminen arbeiten, sollte es wenigstens auch für das Gastgewerbe konkrete Öffnungsperspektiven geben. Hochstein: „Gerade bei uns in der Gastronomie läuft ganz viel über Reservierungen.“

„Wahnsinn“: Fünf Monate Lockdown

Dass bei der letzten Ministerpräsidentenkonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Öffnungsperspektive für das Gastgewerbe gar nicht erst diskutiert wurde, war auch Gastronom Reinhard Thun bitter aufgestoßen. Sein Hotel-Restaurant Alte Linden in Dahle liegt wegen der Pandemie so gut wie brach. „Wir müssen einfach wissen, woran wir sind und wann es weitergehen kann. Wir brauchen einen Zeitplan. Es muss mal etwas Konkretes gesagt werden“, hatte Thun Mitte Februar im Gespräch mit dieser Zeitung betont.

Reinhold Thun in der Küche seines Hotel-Restaurants Alte Linden in Altena-Dahle

Diese Forderung würde Ivan Renic vom kroatischen Restaurants Dalmatia sofort unterschreiben. „Wir müssen wissen, wann es endlich weitergeht. Ich befürchte aber, dass wir erst Ostern wieder öffnen dürfen. Dann hätten wir fünf Monate am Stück geschlossen gehabt. Das ist Wahnsinn“, sagt Renic.

„Dabei haben wir in der Gastronomie doch Vorkehrungen zum Schutz der Gäste ohne Ende getroffen.“ Der Wunsch nach Lockerungen bei ihm und dem gesamten Team ist groß, zumal neben den Einnahmen auch etwas anderes vermisst werde. „Auch die Kommunikation mit den Gästen fehlt uns sehr.“ Alle Infos und aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK finden Sie in unserem News-Blog. 

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