Berauschendes Klettern auf der Himmelsleiter

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Martin Aßhauer am Arbengrat zum Obergabelhorn. Obwohl wir den Gipfel nicht erreichen können, sind wir zufrieden.

Zermatt - Wir brechen ab. Umkehr. Bei gut 3900 Metern am Obergabelhorn kurz nach Mittag ist für uns Ende. Vor uns liegt ein sehr steiler Felsturm im Gratverlauf, wir Bergsteiger sprechen von einem Gendarmen. Dieser Gratwächter lässt uns nicht vorbei zum Gipfel. Martin, der nervenstarke Kletterer, versucht es trotzdem.

Die Kletterstelle ist unter diesen Umständen zu schwer, in der Halle auf Rosmart wäre das nicht der Rede wert. Aber mit steigeisenfesten Bergschuhen, einem Zehn-Kilo-Rucksack auf dem Rücken, ohne Bohrhaken und in dieser Höhe, Ausgesetztheit und Steilheit ist der Gipfel für uns nicht zu erreichen. Der Berg weist uns ab.

Also zurück auf den schier endlosen Grat. Um fünf Uhr waren wir im Arbenbiwak hoch über Zermatt aufgebrochen. Mein Freund Martin und ich teilten uns die Nacht in der unbewirteten Hütte mit einer Seilschaft aus England und Belgien sowie einem Zermatter Bergführer mit seiner Kundin. Mit Bergführer würden wir jeden schweren Viertausender im Wallis erreichen. Der Bergführer kennt jeden Weg und jeden Stein, sichert den Gast mit dem Seil nach und nimmt die Ungewissheit.

Volker Heyn in einer Passage am Arbengrat auf gut 3800 Metern. Links das Matterhorn mit seiner Nordwand, in der Mitte die Dent d’Herens

Seit Jahren besteigen Martin und ich die hohen Berge im Wallis, immer ohne Führer. Die Gipfel und Grate aus eigener Kraft zu erreichen, hat für uns einen ganz besonderen Reiz. Viele bergsteigerische Erfolge haben wir auf diese Weise erreicht: Die Überschreitung sämtlicher Gipfel des Monte-Rosa-Massivs mit dem zweithöchsten Berg Europas, der Dufourspitze mit stolzen 4634 Metern. Oder im vergangenen Jahr das Täschhorn, mit 4491 Metern auch einer der ganz großen, aber auch besonders heiklen und schwierigen Berge des Wallis. Weit mehr als 20 Viertausender haben wir schon vollständig bestiegen, nur bei einigen sehr schweren Bergen haben wir noch „eine Tüte hängen“.

Die enormen Dimensionen der Westalpen faszinieren uns. Je einsamer und abweisender die Berge sind, desto intensiver die Gefühle. Oben sein heißt hier oft: Über den Wolken sein. Das Leben in voller Intensität spüren. Klare Luft. Keine Ablenkungen. Auf Augenhöhe mit den Bergriesen. Nur auf sich selbst und den Kameraden angewiesen sein. In der Höhe ist es still, der Atem pumpt. Das Klirren der Karabiner, das Rumpeln der schweren Schuhe sind hörbar, der Rhythmus des Steigens wird begleitet vom Rauschen des Blutes in den Ohren.

Doch mit dem, was ich hier als bergsteigerische Romantik beschreibe, ist an diesem Tag im September Schluss. Wir müssen vor dem Gendarmen passen. Als verantwortungsvolle Bergsteiger haben wir den Umkehrzeitpunkt im Blick. Das Wetter ist an diesem Tag stabil, doch es kann trotz aller digitaler Prognosen umschlagen. Dann ist gar nichts mehr romantisch, dann geht es ans Eingemachte.

So wie vor ein paar Tagen am Rimpfischhorn. Es sollte eine Akklimatisierungstour auf einen mittelschweren Viertausender sein. Wir waren im Schein der Stirnlampen aufgebrochen, sechs Stunden Aufstieg hatten wir eingerechnet. Trotz günstiger Wettervorhersage begleitete uns ein hartnäckiger Nebel. Keine Sicht den ganzen Weg hinauf. Die schwereren Kletterpassagen lagen gerade hinter uns, auf ziemlich genau 4000 Metern steigt man aus den Felsen auf das Firnplateau unter dem Gipfelaufbau.

Der kräftige Westwind zieht uns in Minuten die Wärme aus dem Körper. Rauhreif im Gesicht, das Material am Gurt vereist. Also hinhocken, Isolationsjacke, Sturmhaube und Winterhandschuhe anziehen. Aufpassen, dass nichts Lebenswichtiges ins Nirgendwo wegfliegt. Tee friert im Trinksystem ein. Wir sind im Whiteout. Nebel mit Sichtweite von 70 Zentimetern, optisch verlieren wir sofort die Orientierung. Der Wind bläst mit Kraft, er reißt uns die Worte von den Lippen.

Volker Heyn steigt am Rimpfischhorn aufs Gipfelplateau. Kurz danach herrscht Whiteout.

Aber wir sind vorbereitet, dank GPS und der Backtracking-Funktion kommen wir wieder heile runter vom Plateau. Ohne dieses Hilfsmittel wären wir gar nicht erst hochgestiegen. Früher hätten wir mit Karte und Kompass den Weg ausgepeilt. Unvorstellbar bei diesem Wind. Wie im Film taucht aus dem Nichts ein Bergführer mit Gast auf, die Sicht reißt minimal auf, die beiden stapfen weiter in das orientierungslose Weiß. Sie haben uns nicht gesehen. Wir versuchen ihrer Spur entgegengesetzt zu folgen, um wenigstens in die Nähe des Gipfelaufbaus zu kommen. Doch auch hier: Null Chance. Die Spur im harten Firn ist sofort verweht, oben, unten, rechts, links, überall nur weiß.

Also Umkehr zu den Felsen, abklettern, langer Rückweg. Etwas Frust schieben. Dem Wetter die Schuld geben. Gut zwölf Stunden sind wir an dem Tag auf den Beinen. Wenigstens zur Anpassung an die sauerstoffarme Luft war es ein guter Tag. Mit unseren etwas mehr als 50 Jahren reichen die beiden nächsten Tage mit Hüttenwechsel und gut 4600 Metern im Auf- und Abstieg nicht für eine ausreichende Regeneration. Acht Stunden täglich bergauf bergab mit dem viel zu schweren Rucksack. Obwohl wir nur das Nötigste dabei haben. Sämtliches Material ist besonders leichtgewichtig und sorgfältig ausgesucht. Vom Sauerland aus aber sind die tatsächlichen Verhältnisse an den hohen Bergen nicht erkennbar. Also haben wir alles dabei: Jeder zwei Eisgeräte, falls Gletscheranstiege ausgeapert sind. Eisschrauben gehören dazu. Kocher, Gas und Essen für die unbewirteten Biwaks. Helm, Steigeisen, Seil, Stöcke, Sicherungsmaterial für den Fels. Etwas Wechselwäsche. Beim Seiltragen wechseln wir uns ab. Die Zustiege geraten zur Plackerei. Stundenlang drückt der Rucksack.

Doch dann die Gratkletterei, die Königsdisziplin im Bergsteigen, ein Genuss. Unterwegs am Obergabelhorn, dem schwersten Kletter-Viertausender der Schweiz. Woanders gibt es grenzenlos Eis, Schnee oder Schutt und bröckeliges Gestein, hier ist der Fels bombenfest. Ein Traum. Steigen, greifen, immer höher, es ist eine Lust auf dieser fantastischen Linie. Ein berauschendes Gefühl, das Klettern auf dieser Himmelsleiter. Wir kommen in den Flow, klettern überschlagend die Seillängen. Die Aussicht auf die Bergriesen rundherum ist überwältigend. Bis auf das stets präsente Matterhorn haben wir hier fast alle Gipfel schon bestiegen. Schau, da waren wir schon!

Volker Heyn steigt vor am Arbengrat.

Weiter am Obergabelhorn. Manchmal ist die Gratkante so schmal, das wir nur rittlings voran kommen. Ein Bein rechts, ein Bein links. Der Fels ist sehr gut absicherbar, viele Möglichkeiten für Schlingen, Keile und ordentliche Stände. Vor uns ein kleinerer Gendarm. Im Topo steht, dass er nordseitig umgangen werden soll. Die Nordseite ist voll vereist, grimmig, schwarz, starr und ernst. Also überklettern wir den kleinen Felsturm. Aber wir folgen zu lange einer falschen Führe, wir leisten uns einen so genannten Verhauer. Das kostet uns mit Abklettern eine Stunde, die am Ende bitter fehlt.

Und jetzt steht es endgültig fest: Dieser Gratwächter lässt uns abprallen. Falls wir ihn doch überwinden könnten, würde die Zeit für die sichere Rückkehr zu knapp. Wir denken auch an unsere Familien und brechen ab. Der Rückweg verlangt mir alles ab. In den steileren Lagen seilen wir mehrfach ab, das geht ganz gut. Doch Abklettern raubt mir Energie und Nerven. Martin bewegt sich immer noch spielerisch und locker, als würde er bloß einen Abhang hinter dem Haus herunterturnen. Ich blockiere, suche kraftraubend nach Tritten und Griffen, rutsche, verliere die Nerven. Martin motiviert mich, zeigt mir Techniken, die ich natürlich kenne, aber nicht mehr umsetzen kann. Die Kräfte lassen nach, die Muskeln brennen, der Mund trocknet aus. Ich reiße mir ein Loch in die Hose, stoße mir die Knochen. Auch die Pause mit Mettwurst und Schokoriegel bringt nicht viel. Ich hänge mich mental an Martin. Bergkameradschaft. Einer passt auf den anderen auf. Auch wenn es dramatisch klingt: Mit dem Seil verbunden gibt jeder sein Leben in des anderen Hand. Wir sind füreinander verantwortlich. Wir wissen das sehr genau. Gute Freunde sind schon umgekommen am Berg.

Aber ums Überleben geht es hier gerade wirklich nicht, zum Glück. Irgendwann kommen wir in leichteres Gelände, es geht mir wieder besser. Für einen Abstieg ins Tal ist es zu spät, ich war viel zu langsam. Also noch eine Nacht im Biwak. Wir freuen uns wie die Schneekönige, dass wir die kleine Hütte ganz für uns allein haben. Ein Resteessen aus Fundsachen in den Regalen, Nudeln mit etwas Butter, dazu dünner Tee. Egal. Ab unter die muffigen Decken, liegen und irgendwie schlafen, den zu schnellen Herzschlag wegatmen.

In dieser Bergwoche haben wir keinen der großen Gipfel erreicht. Wir mussten unsere Ziele demütig niedriger stecken. Wir haben uns abgeplagt und mehr als sonst darüber nachgedacht, warum wir diese Quälerei jedes Jahr aufs Neue auf uns nehmen. In der Bergführerstelle in Zermatt erkundigen wir uns nach Preisen für unsere Traumberge. Aber es wäre nicht dasselbe. Wir werden sehen, wenn uns im nächsten Jahr wieder die Berge rufen.

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