Dr. Vokkert: Einstieg in den Ausstieg

Dr. Heinrich Vokkert

ALTENA ▪ „Erdrutschartig“ habe sich die öffentliche Meinung zur Atomkraft durch die Ereignisse in Fukushima verändert. Das stellte Pfarrer Dr. Kehlbreier eingangs eines Gesprächsabends zu diesem Thema fest. Der Referent war einerseits sein Schwiegervater, andererseits und vor allem aber ein ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Der pensionierte Pfarrer aus Gronau war viele Jahre lang in der evangelischen Umweltarbeit tätig, unter anderem als Umweltbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche Deutschlands. Von Thomas Bender

Schon 1986 bezog die Kirche klar Stellung gegen die Nutzung der Atomenergie. Dass kurz vor einem entsprechendem Beschluss der GAU in Tschernobyl viele Menschenleben gekostet hatte, war nur das Tüpfelchen auf dem i: Vokkert und seine Mitstreiter hatten schon drei Jahre vorher mit der Arbeit an einem entsprechenden Positionspapier begonnen.

„Ich bin Theologe und kein Experte“, scherzte der 78-Jährige vor kleinem Publikum und schilderte, wie die Kirche solche Dinge anpackt: Viele Gespräche mit wirklichen Fachleuten seien geführt worden, zum Beispiel mit hochrangigen Vertretern von Firmen, die Atomkraftwerke bauten. Dabei sei immer wieder offen ausgesprochen worden, dass es fehlerfreie Anlagen nicht gebe und dass der Faktor Mensch mit ihrer Beherrschung überfordert sei.

Darf sich, soll sich Kirche angesichts dieser Erkenntnis in eine gesellschaftspolitische Debatte einmischen? Diese Frage sei damals umstritten gewesen, erinnerte Dr. Vokkert sich. „Wichtig war die theologische Begründung, und die war oft das Schwierigste“. In der Schöpfungsgeschichte und den Paulus-Briefen habe man schließlich die entscheidenden Passagen: Der Mensch möge die Erde bebauen und bewahren, heißt es im Buch Genesis – für die Theologen war das mit der Nutzung der Atomenergie nicht vereinbar.

Die damals von Vokkert mitentwickelten Standpunkte haben bis heute Gültigkeit: „Natürlich werden die Lebensängste hier geweckt angesichts der bedrohlichen Technik um uns herum. Und diese Ängste werden laut und müssen sich verdichten in Forderungen nach Umkehr und Ausstieg – nicht nur in Mahnung“, predigte der Stellvertreter des Leitenden Bischofs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Bischof Gerhard Ulrich, nach der Atomkatastrophe in Japan. Aus dem Publikum kam in diesem Zusammenhang die Frage nach der Wahrnehmung und Wirksamkeit solcher kirchlichen Botschaften. Die sei sicherlich nicht messbar, gab Dr. Vokkert zu – aber es sei spürbar, dass auch in vielen Konzernzentralen ein Umdenken eingesetzt habe.

Der Ausstieg müsse jetzt als verbindliches Ziel definiert und dann konsequent angegangen werden – mit dieser Forderung des Theologen ging das Publikum konform. Vokkert hat ganz konkrete und recht radikale Vorstellungen davon, wie das geschehen sollte: Ihm sind die drei großen Stromkonzerne RWE, Vattenfall und Eon zu mächtig, er fordert deren Zerschlagung und eine Dezentralisierung von Stromerzeugung, weil nur das den konsequenten Einsatz moderner und hocheffizienter Blockheizkraftwerke ermögliche.

Gewürzt waren Vokkerts Ausführungen mit Anekdoten aus jahrzehntelanger kirchlicher Umweltarbeit, scharfzüngigen Kommentaren zur aktuellen Politik und eigenen Lebenserinnerungen. Völlig euphorisch hätten ihn und viele andere zunächst die Pläne gestimmt, die Kernspaltung friedlich einzusetzen und Strom unbegrenzt und billig herzustellen, gab er zu – das Umdenken kam mit dem zunehmenden Protest der Bevölkerung zum Beispiel in Wyhl und Brokdorf und dessen brutaler Zerschlagung – so sei die gesellschaftspolitische Brisanz der Atomenergie deutlich geworden. Aus seinem Heimatort Gronau wusste Vokkert zu berichten, dass das bis heute anhält. Dort betreibt die Firma Urenco eine große Urananreicherungsanlage und fördert als Sponsor zahlreiche Vereine und Aktivitäten in dieser Stadt – mit der Folge, dass es innerhalb vieler Gruppen Auseinandersetzungen darüber gebe, ob es ethisch vertretbar sei, dieses Geld anzunehmen. „Es geht auch um die Spaltung unserer Gesellschaft“, schlussfolgerte der Theologe.

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