St. Vinzenz: „Es ist bereits fünf Minuten nach 12“

Weihbischof Franz Vorrath (stehend) war am Dienstagabend in Altena

ALTENA ▪ ▪ „Hier brennt der Baum“ – auf diesen Nenner brachte Ulrich Hins am Abend die Stimmung in der katholischen Kirchengemeinde. „Wir werden ans Kreuz genagelt und haben aus unserer Gemeinde 14 Tage lang nichts gehört“. „Am Ende werden wir einen verheizten Pfarrer haben und eine Gemeinde, die zerstritten ist“, befürchtet Hins.

Der Frust sitzt also tief, das war bis Essen zu spüren. Deshalb besuchte Weihbischof Franz Vorrath die Gemeinde, suchte das Gespräch mit den Gemeindemitgliedern. Die Einladung erfolgte sehr kurzfristig, trotzdem kamen rund 50 Katholiken in den Pfarrsaal. Dort erfuhren sie: So, wie es das St. Vinzenz-Krankenhaus bis heute gibt, hat es keine Zukunft. Das sagt der Bischof, das sagt die Geschäftsführung, das sagt auch Dr. Heinrich- Walter Greuel. Der Chefarzt einer Wattenscheider Klinik ist – wie berichtet – neu in den Aufsichtsrat berufen worden und kümmert sich seit etwa einer Woche intensiv um den Zustand des Krankenhauses. Sein Eindruck: „Es ist bereits fünf Minuten nach 12“.

Es wurde viel über Kommunkation geredet und darüber, dass man sie verbessern müsse – und prompt lieferte der Bischof in seinem Eingangsstatement einen erneuten Beweis dafür. Das Krankenhaus sei nur zu 48 Prozent ausgelastet – diese in den letzten Tagen oft genannte Zahl führte Vorrath als eines der Argumente dafür an, das dringend was passieren muss. „Das empfinden die Mitarbeiter als einen Schlag ins Gesicht“, empörte sich ein im Krankenhaus tätiges Mitglied der Gemeinde - die Zahl sei falsch. Tatsächlich stellte sich gestern heraus, dass es sich um eine rein statistische Größe handelt, sie geht von 145 Planbetten aus. Fakt ist aber: Diese 145 Betten gibt es längst nicht mehr, vor allem wegen der Einrichtung der Pflegestation. Auf den regulären Stationen des Krankenhauses stehen 73 Betten, im Schnitt werden 70 Patienten behandelt. „Das sind aber Größen, die sich wirtschaftlich einfach nicht mehr darstellen lassen“, betonte die neue Geschäftsführerin Bettina Schmidt und Greuel stand ihr mit einem konkreten Beispiel zur Seite: Neben Chefarzt Baumeister und seinem Oberarzt arbeiten vier Assistenzärzte in der chirurgischen Abteilung. Das reiche so gerade eben, um die vorgeschriebenen Standards zu erfüllen, sagte Greuel und rechnete vor, dass damit auf einen Arzt fünf Patienten kämen. „Das geht gar nicht. Das rechnet sich nicht“. Üblich sei eine etwa doppelt so hohe Patientenzahl pro Arzt.

Der Wattenscheider war der engagierteste Warner und derjenige, der  – weil nicht vorbelastet und kompetent  – die Menschen am besten erreichte. Er rechnete vor, dass St. Vinzenz im Moment einen monatlichen Verlust von 100 000 Euro macht – „das hält das Haus nicht lange durch“. Es werde dringend ein Partner benötigt, die Suche danach müsse jetzt mit Hochdruck geführt werden. Auch über „Plan A“ will er noch einmal nachdenken. Das ist die Kooperation mit Plettenberg, von der Bettina Schmidt wiederum nicht sehr viel hält: „Zwei Blinde zusammen werden nicht unbedingt sehend“.

Es ging also viel ums Geld – dass das ein Manko sei, gab Vorrath zu: „Es soll doch der Mensch im Mittelpunkt stehen“. Aber dazu bedürfe es eben auch der Wirtschaftlichkeit eines Krankenhauses. Gerne sähe er es, wenn sich am Charakter das St. Vinzenz als einem Krankenhaus der Grund- und Akutversorgung nichts ändern würde. Er müsse aber auch der Realität ins Auge sehen – und die sei, dass andere Lösungen gesucht werden müssten.

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