Verteidiger will von seinem Mandat entpflichtet werden

ALTENA ▪ Der Pflichtverteidiger von Muhamed I., Professor Dr. Ralf Neuhaus, hat gestern vor dem Hagener Schwurgericht die Mandats-Entpflichtung beantragt. „Das Vertrauensverhältnis ist unheilbar zerrüttet.“

Neuhaus verlas seine Begründung: „Mein Mandant hat mehrfach erklärt, es gehe um sein Leben und er könne niemand anderem vertrauen als sich selbst.“ Das habe er auch umgesetzt, Anträge gestellt, Briefe an die Kammer und an seine Schwester geschrieben (der letzte wurde beschlagnahmt) oder eine Haftprüfung beantragt – alles ohne Absprache. „Er misstraut mir, das ist offenkudnig“, so Neuhaus. Seine Beratung werde von Muhamed I. zielgerichtet ignoriert. „Er sieht mich in der Rolle einer schwarzen Krähe, die ab und zu mal krächzen darf – mehr aber auch nicht. Er sieht mich nicht als seinen Beistand.“

Staatsanwalt Bernd Maas wies den Antrag ab. Der Angeklagte, bei dem offensichtlich – „das wird wohl das psychiatrische Gutachten ergeben“ – eine Persönlichkeitsstörung vorliege, werde niemand anderem vertrauen. Da fuhr der Angeklagte dem Staatsanwalt ins Wort. Doch Maas wies Muhamed I. energisch zurecht: „Ich rede jetzt. Sie sind ruhig, halten sie sich an die Regeln.“ Der Staatsanwalt fuhr fort: Er könne sich keine bessere Verteidigung vorstellen. Maas lobte Kompetenz und Lebenserfahrung von Rechtsanwalt Neuhaus.

Dann kam der Angeklagte zu Wort: „Ich wollte immer die Freiheit, was sagen zu können, ohne vorher Rücksprache halten zu müssen. Es ist nicht so, dass ich meinem Anwalt nicht vertraue.“ Richterin Heike Hartmann-Garschagen ließ ebenfalls durchblicken, dass auch für die Kammer eine Entpflichtung des Verteidigers nicht in Betracht komme.

Prozessbeobachter vermuten, dass der Entpflichtungsantrag ein juristischer Schachzug von Neuhaus war. Als Verteidiger darf er keine Interna berichten, wenn sein Mandant ihn nicht von der Schweigepflicht entbindet. Das darf er aber, wenn er diesen Antrag stellt. Und Neuhaus wolle verdeutlichen, dass sich sein Mandant oftmals durch seine Alleingänge und falsche Vokabeln in ein negatives Licht rücke. Muhamed I. habe jedoch, obwohl er zugab, seinen Vater erstochen zu haben, von Anfang an gesagt: „Ich bin unschuldig oder zumindest weniger schuld.“ Seine Schwester meinte nach der gestrigen Verhandlung: „Muhamed ist verzweifelt und deswegen destruktiv – so war das immer schon.“ ▪ Von Ilka Kremer

Nächster Prozesstag: 22. November, 9 Uhr.

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