Verborgene Fotoschätze von Kurt und Herbert Winter werden ausgestellt

Der Knabe im Badezuber

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Udo Winter mit zwei Porträts, die sein Großvater fotografiert hat. „Hier hängen Bilder, die habe ich noch nie gesehen“, sagt er.

Altena – „Meinen Opa habe ich eigentlich nie ohne Kamera gesehen“, erinnert sich Udo Winter. Der ehemalige Chef der Feuer- und Rettungswache ist Enkel von Kurt Winter und Sohn von Herbert Winter. Die beiden Evingser waren leidenschaftliche Fotografen, sie hinterließen tausende von Bildern und Negativen, historische Kameras und vieles, vieles mehr – ein Nachlass, den die Erben dem Kreisarchiv überließen. Ein kleiner Teil davon wird zurzeit im alten Kreishaus ausgestellt.

 Wer sonst als Udo Winter sollte der ideale Begleiter durch diese kleine Ausstellung sein? Los geht es im Treppenhaus mit Bildern aus der Arbeitswelt. Vor allem Kurt Winter hat in Altenas Firmen hunderte von Aufnahmen angefertigt, viele davon noch in der Vorkriegszeit mit einer Mittelformatkamera. So entstanden beeindruckende Dokumente aus alten Drahtzügen und von Ossenberg Hütte, wo Kurt Winter als Schlosser arbeitete.

Das nämlich ist das ganz Besondere dieser beiden Fotografen: Sie waren ganz normale Arbeiter, die Fotografie im Grunde Hobby – ganz und gar nicht gewöhnlich in dieser Zeit. Fotografie, das war damals eher was für die „besseren Leute“. Vielleicht liegt es daran, dass die Bilder der Winters oft anders sind als andere aus jener Zeit. Vor allem bei den Porträts fällt das auf: Es sind die einfachen Leute, die die beiden fotografiert haben. Hier schaut ein Ehepaar mit ernstem Blick in die Kamera, da hat einer der beiden einen Lehrling beim Nickerchen erwischt, eine andere Aufnahme zeigt das faltige Gesicht einer Greisin – „das finde ich besonders beeindruckend“, sagt Winter. Viele Portraits entstanden unter freiem Himmel. Bei Winters wurde gewandert, oft auch mit dem SGV. Während die Bilder, die die Arbeitswelt dokumentieren, und Landschaftsaufnahmen der Winters relativ bekannt sind, fallen die Porträts eher unter die Kategorie „verborgene Schätze“. Leider wisse er so gut wie nie, wer die Abgebildeten eigentlich seien, sagt Winter. Den kann man in der Ausstellung übrigens gleich mehrfach bewundern, auch als Knaben im Badezuber.

Sowohl der Opa als auch der Vater drückten immer wieder auf den Auflöser, um das Heranwachsen der Kinder zu dokumentieren. Mit seinen beiden Geschwistern und den Eltern lebte er anfangs in einfachen Verhältnissen: Eine Zweizimmerwohnung an der Ebbergstraße musste reichen. Abends, wenn die Kinder im Bett waren, ging in der Küche oft die rote Lampe an und der Vater packte das Liesegang-Vergrößerungsgerät aus. Zwischen Spülstein und Herd wurden dann Filme entwickelt und Abzüge hergestellt – meistens in Schwarzweiß. Die Entwicklungsbäder habe sein Vater selber zusammengemixt, erinnert sich Winter – „das war billiger“. Manchmal durften er und sein Zwillingsbruder nach Altena fahren, um in der Drogerie Pinkert Nachschub zu besorgen . „Die war damals da, wo heute das Kouresis ist“, berichtet er. Erst als in den 1950-er Jahren die Kinder kamen, wurde gelegentlich auch mal in Farbe geknipst – „Diafilme, am liebsten von Agfa“, erinnert sich Udo Winter. Oft griff der Vater aber zum Orwo-Film. Der kam aus der DDR und war billiger.

Auch Herbert Winters erste Spiegelreflex, eine Praktica, kam „von drüben“. Und Udo Winter selbst? Der hat es eher mit bewegten Bildern. Von seinen Kindern hat er Schmalfilme gedreht, später eine der ersten Videokameras gehabt. Inzwischen beschäftigt er sich aber recht intensiv mit dem Schaffen von Vater und Großvater. Ulrich Biroth vom Kreisarchiv hat ihm nämlich einen Zugang zum digitalisierten Bestand der Bilder von Kurt und Herbert Winter geschaffen. „Jetzt sitze sich manchen Abend am Rechner und sehe mir an, was die beiden geschaffen haben. Das ist wie eine Sucht“, sagt er.

Die Ausstellung im Kreishaus, Bismarckstraße 15, ist bis zum 30. Juni montags bis donnerstags von 8.30 bis 17 Uhr und freitags von 8.30 bis 12 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos.

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