Das sagt Altenas SPD-Urgestein zur Groko-Abstimmung

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Rudi Küster zeigt eine Seite aus dem neuen SPD-Parteibuch. Es wurde in den 1990er Jahren „in Dienst“ gestellt wie er sagt.

Altena - Ein Griff in die Anrichte genügt und das in blaues Leinen gebundene Parteibuch liegt auf dem Tisch. Rudi Küster, Altenaer SPD-Urgestein, muss gar nicht lange suchen. „Das ist mir wichtig“, sagt der 85-Jährige und legt sofort ein weiteres, diesmal in rot gehaltenes Parteibuch mit Goldprägung „SPD“ daneben. „Die Beitrittsmarken waren voll. Dann hat die Zentrale irgendwann vor 20 Jahren auf Rot im Umschlag umgeschaltet“, sagt er.

Mehr als vier Jahrzehnte ist der gelernte Schweißer und Kesselschmied „aus Überzeugung Sozialdemokrat.“ Politisch interessiert ist der Rentner, der zuletzt bei Pilling in der Nette arbeitete, immer noch und hat „natürlich am SPD-Mitgliederentscheid pro oder kontra Groko teilgenommen. „Ich war immer ehrlich: Deshalb kann ich auch sagen, ich habe mit Nein gestimmt. Die veräppeln uns doch!“, sagt er und wird ernst. Mit „die“ meint er nicht so sehr seine eigene Partei, in erster Linie die CDU/CSU mit Angela Merkel an der Spitze. „Diese Frau hat in ihrer Partei doch alles weggebissen, was ihr im Weg war. Und wir lassen uns jetzt darauf ein, sie noch einmal in den Kanzlersessel zu heben. Wenn ich es verhindern könnte....“, sagt Rudi Küster und schüttelt mit dem Kopf. Gedankenverloren nimmt er einige Fotos i

Herbert Wehner lernte Rudi Küster in Dortmund kennen. „Der konnte poltern, hatte aber immer auch etwas zu sagen. Den Mann hat auch der politische Gegner ernst genommen.“

n die Hand. Bilder von Willy Brandt, Herbert Wehner und anderen Parteigrößen, die lose in seinen Parteibüchern stecken. „Diese Politiker habe ich persönlich kennengelernt“, sprudelt es aus dem 85-Jährigen heraus. „Wir sind nach Bonn gefahren. Wir haben uns Reden im Ruhrgebiet angehört. Wir haben auf Parteitagen diskutiert. Da war noch Zug in der SPD“, fügt er an. Keine Groko - das ist für den langjährigen Ratsherrn der SPD Altena (1984 bis 1999 saß er für die Sozis im Stadtrat) eine „Herzenssache.“ Die SPD habe in den vergangenen Jahren unter Angela Merkel zwar gute Politik gemacht, „nur hat das keiner gemerkt!“ Und jetzt wieder nur der Steigbügelhalter sein für die CDU? In Rudi Küster kocht Wut. „Ich verstehe nicht, warum unser Parteivorstand so eine Angst vor Neuwahlen hat. Wenn es runter geht, geht es auch wieder rauf.

Gesiegelt und gestempelt: Die erste Seite des SPD-Mitgliederbuches aus dem Jahr 1977.

Dann muss man eben arbeiten, arbeiten, arbeiten.“ Er zeigt auf seine verarbeiteten Hände, die beredt Zeugnis ablegen von einem arbeitsreichen Leben. „Mir wurde nichts geschenkt“, sagt Rudi Küster. Und er gesteht, dass er auch schon mal Ärger mit den eigenen Altenaer Genossen hatte, „wenn ich während meiner Zeit im Rat mit der CDU im Rat gestimmt habe. Da hat der Günter Topmann als ehemaliger Bürgermeister richtig Zoff gemacht.“ Und er fügt an: „Aber ich hatte einen Eid auf die Stadt abgelegt, ihr zu nutzen und dem Bürger.“ Und schmunzelnd fügt er an: „Auch CDU-Politiker hatten ab und zu mal gute Ideen. Das habe ich honoriert.“ Aber zurück zur Groko und der Situation „seiner SPD“. Rudi Küster hält viel von Juso -Chef Kevin Kühnert. „Die Jugend ist unsere Zukunft. Der Mann hat erkannt, jetzt heißt es aufbauen, aufbauen, von vorne beginnen. Das bringt uns wieder zu alter Stärke“, ist der SPD-Mann überzeugt. Martin Schulz tut ihm schon ein bisschen leid. Er sieht ihn von vielen Top-Genossen „einfach im Stich gelassen.“ Dabei habe er im Europa-Parlament „großartiges geleistet.“ Und auch seine 100-prozentige Wahl zum SPD-Chef habe ihm imponiert. „Nur hat man ihn dann im Regen stehen lassen.“ Natürlich habe auch Schulz Fehler gemacht. Seine zu oft wechselnden Statements und das Revidieren von getroffenen Entscheidungen. „Das ist fehlerhaftes Führungsverhalten“, so Küster.

Willy Brandt und Rudolf Scharping traf Küster persönlich.

 „Aber dieser Absturz jetzt... Jemand der sieben Sprache fließend beherrscht, das ist schon imponierend.“ Und doch habe Schulz wohl unterschätzt, sich in Berlin, in einem Löwenkäfig, auf Anhieb und als von außen Kommender, zurechtfinden zu können. Ganz ohne „Nestbindung“ und Vernetzungen, auch in der eigenen SPD, sei das nicht so einfach. „Ich habe das Kommen sehen“, sagt Küster und seine Stimme klingt traurig. Noch einmal unterstreicht der SPD-Mann: „Ich glaube, das Mitglieder-Votum geht 55 zu 45 gegen eine neue Groko aus. Dann stehen Neuwahlen an. Ich wiederhole mich: Wir müssen uns nicht verstecken. Unser Programm ist gut, wir können den Menschen vieles anbieten. Ich bin beeindruckt davon, dass es die Jusos und ihr Chef Kevin Kühnert geschafft haben, in nicht einmal sechs Wochen mehr als 26 000 Menschen zum Eintritt in unsere Partei zu bewegen. Das zeigt: Die SPD erreicht den Bürger, hat ein Fundament, verdammt noch mal.

Sie ist fest verankert in unserem Land. Und wenn es dann wirklich ein, zwei Stufen noch weiter runter gehen sollte - dann stehen wir wieder auf.“ Seine Zuversicht bezieht Küster auch auf Erfahrungen aus der eigenen, jahrzehntelangen Gewerkschaftsarbeit. Auch da habe es oft ein Auf und Ab gegeben. Und er nennt beispielhaft den fast bedeutungslos gewordenen Tag der Arbeit, den 1. Mai hier vor Ort.

Marke für Marke klebt im Mitgliedsbuch aus den 1970er Jahren. Damals schaute der Parteikassierer noch persönlich vorbei.

 „Ich komme gebürtig aus Herne, mitten aus dem Pott und lebe seit 1955 in Altena. Zuhause, da wurde immer SPD gewählt. Mein Elternhaus war so und meine Onkel, die unter Tage gearbeitet haben, waren auch Sozialdemokraten. Wir müssen uns auf unsere Tugenden besinnen: dem Menschen zuhören, ehrlich sein, Alternativen bieten und arbeiten, arbeiten. – Wirklich etwas für den Menschen tun und nicht nach Pöstchen schielen. Dann wird das wieder was!“

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