Schicksal eines Altenaer Nachtwächters

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Ursula Rinke vor der Gefallenentafel in der Lutherkirche. Hinter ihr die Inschrift über „Joh. H. Wicke“. ▪

ALTENA ▪ Spannende und bewegende Geschichte verbirgt sich oftmals hinter Dingen, die auf den ersten Blick unscheinbar wirken mögen. Ein packendes Beispiel dafür lieferte am Donnerstag in der Lutherkirche Ursula Rinke ab.

Sie hatte sich auf die Spur des Altenaer Nachtwächters Johann Heinrich Wicke gemacht und Erstaunliches herausgefunden. Zunächst war die Stadtführerin nur stutzig geworden, weil der damals 29-Jährige Wicke 1870 eine Stelle als Altenaer Nachtwächter angetreten hatte, aber nach nur zehn Tagen im Dienst bereits vertreten werden musste und danach nie mehr in Erscheinung trat.

In einem beeindruckend genau recherchierten Referat für die Reihe „Offene Lutherkirche“ schilderte Rinke, wie sich europäisches Kriegsgeschehen des 19. Jahrhunderts auf das Schicksal einer Altenaer Familie ausgewirkt hatte – der Familie von Johann Heinrich Wicke und seiner Frau Wilhelmine. Sie wohntem am Schlossberg, „im Hause Hühn“. In einer langen Recherche mit Hilfe von Stadtarchivarin Monika Biroth hat Ursula Rinke herausgefunden, warum der neue Nachtwächter nach kaum zwei Wochen aus dem Dienst verschwunden war und „bis auf Weiteres“ vertreten werden musste. Wicke war einberufen worden, musste im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 als Füsilier (Schütze) im 6. Thüringischen Infanterie-Regiment Waffendienst leisten und hatte sich am 21. Juni um 9 Uhr früh in Attendorn zu melden. Als Nachtwächter hatte er jährlich 100 Taler erhalten (etwas mehr als acht Taler im Monat – und 5 Taler für ein Paar Schuhe). Jetzt bekam er einen Wehrsold von einem Taler und acht Groschen im Monat. Sein Schicksal sollte den Altenaer in die Schlacht bei Wörth führen, wo im August des Jahres 1870 88 000 preußische Soldaten auf 45 000 französische trafen. Ursula Rinke fand heraus, dass Wicke hier von einem Schuss in den Arm getroffen wurde und in ein Lazarett nach Gunstedt gebracht worden. Und hier scheint sich seine Spur zu verlieren.

Erst mehr als ein halbes Jahr nach der Schlacht hat Wilhelmine Wicke vom Tod ihres Mannes erfahren. Sein am 2. Februar geborener Sohn – ebenfalls Johann Heinrich – würde seinen Vater nie kennen lernen. Für die Witwe begann ein Kampf um ihre Existenz und die Versorgung ihres Kindes. Aus der Staatskasse bekam sie 15 Mark (neue Währung, entspricht 5 Talern monatlich.) Als der Sohn 15 Jahre alt war, wurde die Witwe krank und konnte als Näherin nichts mehr zum Lebensunterhalt beitragen. Da ihr in Altena niemand helfen konnte, schrieb Wilhelmine Wicke schließlich 1886 an Kaiserin Augusta in Potsdam. Ein Schreiben, das zumindest teilweise im Stadtarchiv erhalten geblieben ist, denn die Kaiserin leitete es an den Altenaer Magistrat (Stadtverwaltung) weiter.

Der Magistrat bewilligte schließlich eine einmalige Unterstützung von neun Mark aus dem „Schützengeschenk“ und regte an, dass sich Pastor Thümmel beim „Vaterländischen Frauenverein“ für die Witwe verwenden solle. Ob der Geistliche schließlich etwas für die Altenaerin erreichten konnte, ist nicht überliefert. ▪ Von Thomas Keim

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