Hochhaus-Komplex verfällt

Untergang am Nettenscheid: Die traurige Geschichte der Hochhaus-Siedlung

Hochhaus-Komplex am Nettenscheid in Altena
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Der Hochhaus-Komplex am Nettenscheid in Altena verfällt zusehends.

Vom Symbol der Hoffnung zum Schadfleck: Eine bewegte Geschichte hat der Hochhaus-Komplex am Nettenscheid in Altena. Zukunft? Ungewiss. Eine Spurensuche.

Altena – Seit 48 Jahren gibt es die Hochhäuser auf dem Nettenscheid. Nicht alle Jahre waren so trist und traurig wie die letzten. Es gab zufriedene Mieter in einer in den 1970er Jahren als modern geltenden Anlage, einen Kindergarten in der Siedlung sowie zumindest „provisorische Einkaufsmöglichkeiten“, wie Stadtarchivarin Monika Biroth festgehalten hat. Der Komplex sollte als Symbol einer neuen Siedlung und lebendigen, wachsenden Stadt dienen. Doch dann ging es bergab. Als Schicksalsjahr sollte sich 1997 erweisen.

Monika Biroth hat umfangreiche Informationen zur Hochhaussiedlung auf dem Nettenscheid zusammengetragen. Im Stadtarchiv beginnt die „Akte Nettenscheid“ im April 1962. Damals gab es einen Ideenwettbewerb zur Bebauung des bis dahin brachliegenden Geländes. Bagger kamen erstmals 1963 zum Einsatz, als die Wasserversorgung aufgebaut wurde. 1965 erschien Regierungspräsident Schlensker aus Arnsberg auf dem Nettenscheid, um sich vom Stand der Dinge zu überzeugen.

Typische Architektur der 60er: Hoch hinaus

Einer, der die Geschichte der Siedlung aus einem frühen Stadium kennt, ist der ehemalige Bauamtsleiter Erich Stievermann. Er hat die letzten Häuser dort noch genehmigt. Vieles sei typisch für Stadtplanung und Architektur der 1960er und 70er Jahre. „Solche Türme waren typisch, sie wurden vielfach von Wohnungsgesellschaften errichtet“, berichtet Stievermann. Es sei darum gegangen, vergleichsweise wenig Grundstücksfläche zu bebauen, dafür aber „hoch hinaus“ zu wachsen.

Was heute zumeist als hässlich angesehen wird, galt damals als modern. „Die Leute waren froh, dass sie Badezimmer und Toilette in der Wohnung hatten“, sagt Erich Stievermann. Viele der Wohnungen seien an belgische Soldaten vermietet gewesen, als diese noch in Lüdenscheid stationiert waren. Die Altenaer Industrie florierte, es sollten Arbeiter an die Lenne geholt werden. Das Wort „Trabantenstadt“ beschreibe den Charakter der Siedlung gut.

Laden bleibt Provisorium

1965 wurde ein Vertrag zur Bebauung zwischen der Stadt Altena und der Westfälischen Wohnstätten AG Dortmund geschlossen. Einen weiteren Meilenstein markierte 1969 die Fertigstellung der Zubringerstraße, an der eineinhalb Jahre lang gebaut worden war. Der Weg war nun im Wortsinn frei zum Nettenscheid, und im November 1970 hieß es: „Offizieller Beginn der Erschließungsarbeiten.“

1972/73 dann der Vollzug: Die ersten Hochhäuser – und private Einfamilienhäuser – wurden fertiggestellt. 48 Wohnungen wurden bis August 1973 bezogen, weitere 24 bis September und noch einmal 48 bis Dezember. Ein markantes Datum in diesem Zusammenhang: Die erste Familie zog zum 1. Juni 1973 ins Haus an der Blackburner Straße 30 ein. Im gleichen Jahr wurde auch dafür gesorgt, dass die damalige Iserlohner Kreisbahn AG mit fünf Buspaaren täglich den Nahverkehr ins Neubaugebiet sicherstellte.

Elend beginnt in den 1990er Jahren

Wachstum und Belebung der neuen Siedlung gingen weiter: Im Haus an der Blackburner Straße 24 wurde 1974 ein Kindergarten eingerichtet, am Europaring 29 wurden 1975 insgesamt 81 Eigentumswohnungen fertiggestellt. „Ein Laden sollte noch dahin“, erinnert sich Erich Stievermann, aber es sei bei einem Provisorium geblieben, einer „Baracke“.

Hier befindet sich der Hochhaus-Komplex in Altena:

Im Jahr 2011 hatte Stadtplaner Roland Balkenhol dem Rat einen Überblick über die komplizierte Situation in der Hochhaussiedlung gegeben: Es gibt dort 120 Wohnungen, die damals 83 verschiedenen Inhabern gehörten. Etwa 75 Prozent der Besitzer seien insolvent, hatte Balkenhol geschätzt. Denn „das Elend begann in den 1990er Jahren, als die Investoren Heinrich Rösch und Heribert Jackels den Hochhauskomplex kauften“, schrieb das AK im Dezember 2011.

Umwandlung in Eigentumswohnungen: Auswärtige schlagen in Altena zu

1995 hatte Eigentümer Jürgen Zinn (Interplan Vermögensgesellschaft) seine Ansprüche aus der Vermietung an die Pfandbrief- und Hypothekenbank Wiesbaden abgetreten. Die Immobilien-Kaufleute Rösch & Jackels hatten große Pläne: Sie wollten den Wohnpark Nettenscheid schaffen. Aufwertung der Siedlung, Aufteilung in Eigentumswohnungen und deren Verkauf „mit Vermietungsgarantie“.

Verkommt: der Hochhaus-Komplex am Nettenscheid in Altena

„Dutzende von Käufern, fast alle weit entfernt von Altena lebend, schlugen zu – und erlebten ein finanzielles Fiasko, als Strom- und Gasrechnungen nicht mehr bezahlt wurden und die Mieter daraufhin in Scharen die Wohnungen verließen“, berichtete das AK. Heizung und Warmwasser zahlten die Mieter an die Verwaltungsgesellschaft Ativ in Köln. Die wiederum blieb der Techem Energy-Contracting in Düsseldorf hohe Beträge schuldig.

Rechnungen werden nicht bezahlt: Mieter fliehen

Im August 2003 kam das Aus für den „Wohnpark Netenscheid“. Die Firma Rösch & Jackels meldete Konkurs an. Die letzten Mieter zogen im November 2005 aus. Nur drei Eigentumswohnungen sind aktuell noch belegt. Gegen Rösch und Jackels ermittelte später der Staatsanwalt wegen Betrugs – ohne Erfolg. Die Geschäftsmänner wurden in zwei Instanzen freigesprochen. Das war 2007. Eine Betrugsabsicht könne ihnen nicht nachgewiesen werden, meinten die Richter.

Neuer Mann am Nettenscheid

Die Hochhaussiedlung verfällt immer mehr. Wie geht es weiter? Ercan Topal, Immobilienhändler aus Ostfildern, ist nach eigener Auskunft mittlerweile beurkundeter Eigentümer von 64 Wohnungen, 97 sollen es werden, sagt er. Derzeit werde im Umfeld der Häuser störender Bewuchs entfernt, außerdem eine Videoüberwachung installiert, sagt Topal.

Er war erstmals im August auf dem Nettenscheid als Verwalter in Erscheinung getreten. Er hat dem Ordnungsamt, das die Besitzverhältnisse auf dem Nettenscheid prüfen ließ, mittlerweile Vollmachten von mehreren Eigentümern vorgelegt.

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