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„Unser Leben gibt es nicht mehr“: Fluttrauma belastet Familie enorm

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Ein Bild der Familie aus der Flutnacht.
Ein Bild der Familie aus der Flutnacht. © Privat

Zahlen, Daten, Fakten, Fotos: Man kann sie „abheften“, die Flutkatastrophe. Jetzt geht es nur noch um den Wiederaufbau, im besten Fall nach einem Wust von auszufüllenden Anträgen um gute finanzielle Unterstützung, oder? Leider nein. Für viele Menschen hat sich knapp sechs Monate nach der plötzlich hereingebrochenen Katastrophe alles verändert.

Altena – Die Flutopfer haben sich verändert. „Unser Leben gibt es überhaupt nicht mehr“, sagt Dimitra Grüber. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern wohnt sie an der Grabenstraße 21. Eine unbeschwerte Familie vor dem 14. Juli – zwei berufstätige Erwachsene, eine Tochter in der Ausbildung und ein Sohn auf dem Gymnasium. Doch jetzt sprengen die psychischen Belastungen durch das Erlebte die Familie.

Anhaltende Angst und Flashbacks

„Ich habe Angst, zusammenzubrechen“, erzählt die 43-jährige Dimitra Grüber auf der Suche nach einer Normalität, die es im Moment noch nicht geben kann. Zu tief haben sich die Geschehnisse eingebrannt. Anhaltende Angst, Stress, Schlafprobleme, Panikattacken, Albträume, Flashbacks. Die Nerven liegen blank. Und jeder der vier kämpft mit dem Erlittenen. Es ist weit mehr als der Kummer um den materiellen Verlust, der ebenfalls groß ist, mehr als der entsetzte Blick auf das Davonschwimmen des ganzen Hab und Guts. Es ist, als würde nichts mehr sein wie zuvor. Selbst dann nicht, wenn das Haus irgendwann wieder komplett renoviert sein wird. Und auch das Haustier, die Katze, ist nicht mehr die, die sie war.

Stark belastet: Dimitra und Thomas Grüber
Stark belastet: Dimitra und Thomas Grüber © Privat

„Ich bin fast durchgedreht vor Sorge“

14. Juli 2021: Tochter Natalie war das erste Mal allein zu Hause, wollte nach dem bestandenen Abi ein paar Tage später in den Urlaub fliegen und freute sich auf die Ausbildung. Eltern und Bruder fuhren an die Ostsee. Und waren 500 Kilometer entfernt, als Natalie aus Altena anrief. Verzweifelt. Das Wasser stieg und stieg. Mehrfach versuchte die junge Frau aus dem Haus zu kommen. „Sie hat am Telefon geweint, wusste nicht mehr, was sie machen sollte und ich bin fast durchgedreht vor Sorge“, erzählt Dimitra Grüber. Ihr Mann sprang ins Auto und fuhr sofort Richtung Heimat. Doch auch er erlebte ein Drama, als er endlich in der Burgstadt angekommen war. Stunden später versuchte er immer noch, irgendwie zu seinem Haus zu kommen. Das Zuhause: eine in brauner Brühe untergegangene Idylle. „Auch ihn hätte es fast weggerissen“, sagt Dimitra Grüber über die unvorstellbaren Wassermassen. Sie selbst konnte sich erst wieder etwas beruhigen, als ihre Tochter von der Feuerwehr durch ein Fenster gerettet und in Sicherheit gebracht worden war. Eine Mutter, die ihr Kind in Lebensgefahr wähnt, wird dies nie vergessen.

Alles wurde an die Straße getragen

Wenige Tage später „wurde alles, was wir hatten, an die Straße getragen.“ Nur die Babyalben und das Familienstammbuch konnten gerettet werden, alle anderen Unterlagen, Wertsachen, Möbel, Tapeten, Bodenbeläge, einfach alles, wurde Opfer der Flut. Dabei hatte die Familie gerade erst renoviert, sich auch neue Möbel angeschafft.

„Wir haben unten alles rausgeschmissen, entkernt und hatten viele Wochen den kompletten Rohbau-Zustand mit Trocknungsgeräten. Dann irgendwann fing die Baustelle an. Zum Kochen für vier Personen hatte ich zwei elektrisch betriebene Kochplatten. Wir haben oben die drei Schlafräume und ein kleines Bad. Dort mussten wir monatelang zu viert irgendwie klarkommen. Und gegessen haben wir auch oft getrennt, jeder an dem Schreibtisch oder auf Campingtischen, die man nach Bedarf aufstellen kann.“

Sorgen um gesundheitliche Probleme

Das Leben auf der Baustelle, der Dreck, die vielen fremden Leute im Haus, der Kampf mit einzureichenden Unterlagen sind alltägliche Begleiter. Doch es sind die gesundheitlichen Probleme, um die sich Dimitra Grüber am meisten sorgt. Jeder der vier hat sein Päckchen zu tragen. Ihre Tochter ist durch die Ereignisse traumatisiert, mag manchmal gar nicht mehr aus ihrem Zimmer kommen und mit jemandem sprechen. Dimitra Grüber arbeitet als Sekretärin in Lüdenscheid. Sie liebt ihre Arbeit, versucht zu funktionieren, wie auch ihr Mann, der nach den Geschehnissen rapide abgenommen hat. Und als wäre das alles nicht genug, mussten Thomas und Dimitra auch noch operiert werden. „Mein Mann ist auf dem Dachboden gestürzt und durch die Scheibe der Terrassentür gefallen. Arm aufgeschnitten, Krankenwagen, Not-Op. Zwei Wochen Gipsschiene. Ich selbst hatte im Juli 2020 das Handgelenk gebrochen und die Schrauben mussten ‘raus.“ So kommt ein Unglück selten allein.

Das Trauma sitzt tief

Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein besseres 2022, aber auch die Erkenntnis, dass es ohne psychologische Hilfe nicht gehen wird. „Ich habe Angst, mit meinem Mann ohne die Kinder irgendwo hinzufahren. Wenn dann Zuhause vielleicht wieder etwas passiert“, sagt Dimitra Grüber. Prasselnder Regen macht ihr sofort Angst: Steigen die Pegel? Tritt der Nettebach wieder über die Ufer? Das Trauma sitzt ganz, ganz tief.

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