Unberechen-Bar, Unfehl-Bar und die Schwervermittel-Bar

Elf Teilnehmer hatten lustige, skurrile und nachdenklich stimmende Texte vorbereitet. In den Pausen wurden die Beiträge vom Publikum diskutiert.  Foto: Thomas Krumm

Altena - Familiäre Stimmung herrschte am Freitagabend beim Poetry Slam, zu dem das Jugendzentrum Juz29 eingeladen hatte. Das lag daran, dass sich viele der Akteure untereinander kannten. In den Jury-Gruppen kamen die Besucher automatisch ins Gespräch über die literarischen Kostproben, die die elf Teilnehmer zumeist vorlasen. Die entspannte Stimmung verhinderte natürlich nicht das Lampenfieber.

Manche bauten es ab durch ein schnelles Geständnis, dass sie aufgeregt seien, und legten dann doch munter los. Andere waren offensichtlich schon seit Längerem damit vertraut, vor Publikum aufzutreten. Das Altersspektrum war durchaus gemischt - auch das war bemerkenswert in einem Feld, das natürlich mehrheitlich aus jungen Slammern bestand. Musiker Tlako Mokgadi führte als Moderator durch das Programm und erleichterte den Juroren ihre Arbeit dadurch, dass er zu jedem Text noch eine kleine Zusammenfassung lieferte. Sänger Nico Koslowski sang in der Pause und beim letzten Auszählen Kostbarkeiten wie Eric Claptons „Tears in Heaven“ und Max Giesingers „80 Millionen“.

Weit reichte die thematische und stilistische Spannweite des von den Slammern Vorgetragenen: Vom schnelen Sex beim Zoobesuch über das unverstandene Ich bis zum Elend der Welt. Die Slammerinnen Lilith Knapstein und Miriam Rönnecke setzten sich mit drängenden Problemen der Menschheit auseinander, und fanden sogar Reime für Hunger, soziale Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung. Mirko Simon widmete sich dem Altenaer Stadtwappen, Gina Arendt einem ganz persönlichen Helden mit einer überraschenden Identität. Berthold Wagner trug einen ziemlich rabenschwarzen Text mit mehreren Toten vor - glücklicherweise war das Ganze dennoch recht lustig, weil es ja auch den schwarzen Humor gibt.

Christina Biroth schlüpfte in die Rolle eines „Ich“, das ganz viele gute Ratschläge bekam. Doch die schlauen Botschaften der Anderen litten darunter, dass diese dem Ich kaum zuhörten: Der Titel des Textes zitierte einen berühmten Film über die Arbeit der DDR-Staatssicherheit: „Das Leben der Anderen“.

Neben Lilith Knapstein schafften es Luise Wolff, Ulrike Wagner und Dionys Polaczek in die Finalrunde. Ulrike Wagner hatte in der ersten Runde bereits über Bars und ihr Publikum sinniert: Wer geht in die Unkünd-Bar, wer in die Unantast-Bar, die Unberechen-Bar, die Unfehl-Bar, die Schwervermittel-Bar? Ulrike Wagner entschied sich ganz persönlich für die „Bar jeder Vernunft“ und lieferte in der zweiten Runde ein kulinarisches Gedicht über leckere Altenaer Metallprodukte. Sie servierte einen Drahtsalat aus Drähten, Spulen, Spindeln und Ringen. In der Endwertung landete sie mit ihren sehr unterhaltsamen Sprachspielen auf dem dritten Platz, ganz knapp hinter Dionys Polaczek. Er verortete die Bedeutung der Kunst im befristeten Dasein des Homo Sapiens und fabelte von einem „horstseehoferesken“ Kunstlehrer in Pungelscheid. Siegerin wurde mit einem stattlichen Abstand auf die weiteren Plätze die junge Plettenbergerin Luise Wolff. Sie hatte bereits in der ersten Runde einen erstaunlich abgeklärten Blick auf die erkaltete Liebe eines in die Jahre gekommenen Ehepaares offenbart. Das gab Anlass für eine persönliche Klarstellung: „Meinen Eltern geht’s gut - das ist nicht autobiografisch.“ Und dann gab es die wohl kühnsten Bilder des Abends und Formulierungen wie jene von dem Schmerz, den wir den Scherz „Liebe“ nennen. Im Finale widmete auch Luise Wolff sich dem Thema Heimat und landete nach einer großen Klärungsrunde bei sich selber: „Heimat bin nur ich, und es brennt wie ein Licht in mir.“

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