Umfrage zur Senkung des Mehrwertsteuersatzes

Für den Handel ein Riesenproblem

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Auch der Lottoschein unterliegt einem Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent.

Altena/Nachrodt-Wiblingwerde – Sie war die große Überraschung im Konjunkturpaket und durchaus bejubelt: die Mehrwertsteuersenkung. Doch kurz vor ihrer Einführung am 1. Juli stürzt sie Unternehmen ins Chaos. „Im Worst Case müssen alle Etiketten ausgetauscht werden“, sagt Kai Kantimm, der mit seiner Frau Stefanie den Edeka-Markt in Nachrodt führt.

Der Edeka-Verbund plant, die steuerlichen Vorteile 1:1 an die Kunden weiterzugeben, aber „wie genau, das wird noch diskutiert“, sagt Kai Kantimm. Eine neue Software für das Kassensystem hält er persönlich für undenkbar. „Viel zu teuer für wenige Monate. Denn Ende des Jahres muss ja alles rückgängig gemacht werden“, sagt Kai Kantimm. Vom 1. Juli bis zum 31. Dezember soll in Deutschland ein reduzierter Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent gelten. Die Senkung um drei Prozentpunkte bedeutet eine deutliche Entlastung der Verbraucher. Grundsätzlich sei das natürlich sehr zu begrüßen, aber im Lebensmittelbereich würden sich die Einspanungen in Grenzen halten. „Wenn eine Familie beispielsweise 500 Euro für Lebensmittel im Monat ausgibt, spart sie 15 Euro, bei 700 Euro sind es 21 Euro“, rechnet Kai Kantimm vor. 18000 Artikel gibt es im Nachrodter Edeka. Jeder einzelne muss jetzt wahrscheinlich neu etikettiert werden. „Das ist ein Haufen Arbeit, das ist ein Haufen Papier und von der Zeit ganz zu schweigen“, sagt Kai Kantimm über den gigantischen Aufwand. Er hätte sich deshalb eine längere Laufzeit der Mehrwertsteuersenkung gewünscht. „Drei Jahre wären sinnvoll. Dann würde sich auch eine neue Software für das Kassensystem lohnen.“ Längst ist übrigens nicht in Stein gemeißelt, dass der Einzelhandel die Steuersenkung allerorts weitergibt. Laut Handelsverband Deutschland könnten sich die Kosten durch den Umstellungsaufwand auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag summieren. Und so will das Wirtschaftsministerium es Geschäften einfacher machen, die während der Corona-Krise gesenkte Mehrwertsteuer an die Kunden weiterzugeben. Sie könnten eine Ausnahmeregelung nutzen und den Rabatt pauschal an der Kasse gewähren, so das Wirtschaftsministerium. Das Verfahren gleiche dann dem Schlussverkauf. Auch bei den Altenaer Einzelhändlern herrscht bis dato ein gutes Stück Ratlosigkeit. „Wir müssen das Kassensystem umstellen“ erwartet Alexander Schmitz, Inhaber des Radio- und Fernsehgeschäftes an der Kirchstraße. Dies werde einen Aufwand von Kosten und Zeit bedeuten, der „letztlich beim Einzelhandel hängen bleibt“, erwartet Schmitz. Er habe seine Zweifel, ob die Mehrwertsteuersenkung in dieser Form einen zufriedenstellenden Effekt haben werde. Schmitz denkt laut darüber nach, ob nicht eine zeitweise Aussetzung des Solidaritätszuschlages mehr Effekt gehabt hätte. „Nicht sehr praxisnah“ sei die jetzt getroffene Regelung auf jeden Fall. Schmitz erinnert, wie andere Einzelhändler auch, an die Tatsache, dass viele Waren bei seinem eigenen Einkauf ja bereits mit 19 Prozent besteuert worden waren. „Wir wissen es noch nicht“, heißt es bei Tante Carolas Drogerie an der Lennestraße. Alle Waren umzuetikettieren sei letztlich ein riesiger Aufwand. Möglicherweise könne ein Update der Kassensoftware helfen. Generell, so Mitinhaberin Ulrike Singer, wäre der Weg über eine Entlastung der Bürger durch die jeweilige Steuererklärung eine bessere Lösung gewesen. „Aber auf diese Idee kommt ja keiner“. Klarheit fehlt auch bei Annes Burglotto am Markaner. „Ich warte auf Informationen, gerade auch vom Steuerberater“, berichtet Inhaberin Annelen Rechenberg. Rund 90 Prozent ihrer Waren werden bisher mit 19 Prozent besteuert, auf Zeitschriften, Süßwaren und Kaffee gelten dagegen 7 Prozent. Tabakwaren zum Beispiel könne sie nicht einfach heruntersetzen oder rabattieren, so Rechenberg. Auch von der Westlotto OHG in Münster habe sie noch keine Informationen zum künftigen Vorgehen erhalten. „Wir müssen uns anpassen, es geht nicht anders“. Friederike Haar, Inhaberin bei Zetzmann & Broer, wird für den Rest des Jahres zum Taschenrechner greifen. „Ich rechne die 19 Prozent heraus und dann 16 wieder drauf“, beschreibt sie ihren Plan. Sie könne nicht jedes einzelne Preisschild austauschen. So sieht es auch Petra Piekny vom „Haus der Geschenke“ Hücking. Bei deutlich über 2000 Artikeln würde das einen unangemessenen Aufwand darstellen. Die Geschäftsfrau hofft vielmehr, dass ihre Kasse den geänderten Steuersatz automatisch ermitteln kann.

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