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Zwischen Angst und Dankbarkeit: Kriegsflüchtlinge im Bergheim untergebracht

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Dascha ist mit vier Monaten der jüngste Gast im Bergheim. Mit ihrer Schwester Paulina und Mutter Tanja ist sie nach Altena gekommen. Lilli Behrens (rechts) unterstützt auch diese kleine Familie.
Dascha ist mit vier Monaten der jüngste Gast im Bergheim. Mit ihrer Schwester Paulina und Mutter Tanja ist sie nach Altena gekommen. Lilli Behrens (rechts) unterstützt auch diese kleine Familie. © Goor-Schotten, Hilde

Im Bergheim in Mühlenrahmede sind bereits die ersten Ukraine-Flüchtlinge angekommen. Die Stimmung bei den Bewohnern ist sehr gespalten.

Altena – Eine Joggerin bewältigt gerade den steilen Kalkofenweg, zwei Frauen sitzen in der warmen Sonne auf der Bank. Vom Spielplatz hört man Kinder lachen, im Haus ist es still. Das Bergheim in Mühlenrahmede ist an diesen Frühlingstagen ein friedlicher Ort. Und unterscheidet sich so extrem von dem, was die aktuellen Bewohnerinnen noch vor wenigen Tagen erlebt haben.

30 Frauen, Kinder und ein Mann aus der Ukraine zwischen vier Monaten und 88 Jahren sind zurzeit in der Erholungs- und Tagungsstätte untergebracht. „Bis zum Wochenende waren es noch 39“, berichtet Bergheim-Leiter Marc Krätzig. Seitdem am 6. März die ersten Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet angekommen sind, hat es etliche Wechsel gegeben. Einige haben eine Wohnung bekommen, andere sind zu Verwandten weitergereist. Drei sind zurück, weil es dem Opa in der Heimat sehr schlecht ging. Neue Bewohner sind dazu gekommen. Dima Matsela, Pastor der Siebenten-Tags-Adventisten aus Lüdenscheid, die das Bergheim betreiben, hat sie von den Hilfstransporten nach Polen mit zurückgebracht.

Kriegsflüchtlinge im Bergheim untergebracht: Hilfsorganisation ADRA unterstützt

„Im Moment haben wir erst einmal gestoppt. Einige Anfragen haben wir schon ablehnen müssen“, bedauert Krätzig. Man könne nicht alle aufnehmen. Die Unterbringung sei noch ein „Privatvergnügen“, heißt: Die Kosten trägt das Heim allein, Zuschüsse von außen gibt es noch nicht. Ein Kooperationsvertrag mit der Hilfsorganisation ADRA sei in Arbeit, und auch mit der Stadt Altena sei man im Gespräch. 50 Menschen könne man maximal aufnehmen, meint Krätzig. Das normale Geschäft müsse ja auch weiterlaufen – erst zum 1. Januar hat die neu gegründete Betreibergesellschaft das Bergheim übernommen.

„Den Menschen, die hier sind, möchten wir ein Zuhause bieten“, sagt Krätzig, der mit seiner Frau Judith und zwei Mitarbeiterinnen die Erholungs- und Tagungsstätte betreut. Unterstützt werden sie im Moment von Dimas Matsela, dem ehemaligen Heimleiterpaar und Lilli Behrens vom Sozialdienst katholischer Frauen. Sie ist an drei Tagen in der Woche vor Ort und spricht – wie eine der Bergheim-Mitarbeiterinnen – russisch. Das erleichtert die Verständigung, die ansonsten mit Händen und Füßen und dem Handy-Übersetzer läuft. „Aber es klappt“, berichten Judith und Marc Krätzig: „Die Frauen sind so lieb und dankbar. Sie packen mit an, helfen beim Spülen, Aufräumen, im Speisesaal. Wir würden sie jederzeit wieder aufnehmen.“

An zwei festen Terminen pro Woche bietet Lilli Behrens jetzt Sprachunterricht an. „Dann ist der Aufenthaltsraum voll“, berichtet der Heimleiter. Die Frauen achten auch sehr darauf, dass die älteren Kinder den ukrainischen Fernunterricht nicht versäumen. Mit den Kleineren üben sie schreiben. Hilfreich sind da die vielen Spenden, die ins Heim gekommen sind. So finden auch die Hefte und Stifte, die Kinder aus der Hundertwasserschule gerade vorbeigebracht haben, schnell dankbare Abnehmer.

Kriegsflüchtlinge im Bergheim untergebracht: Wunsch nach „ein bisschen Normalität“

Es ist ganz toll, wie Altena die Flüchtlinge unterstützt“, sind die Krätzigs dankbar für die gezeigte Solidarität. Kleidung, Spielsachen, Hygieneartikel, Windeln – es ist alles gebracht worden, was sie brauchen. „Ein Mädchen hat von ihrem Taschengeld Deo und Zahnbürsten gekauft. Andere haben uns 20 Euro in die Hand gedrückt, für Kosmetika im Drogeriemarkt“, erzählen sie. Auch solche kleinen Dinge seien wichtig, und so kümmert sich das Heimleiterpaar gerade darum, auch Haarfärbemittel zu besorgen. Es gibt den Frauen ein bisschen Normalität zurück.

Hanna (links) hat alle mit ihrem großen Zeichentalent überrascht. Sie und ihre Freundin Maryna waren unter den ersten Flüchtlingen, die in Altena angekommen sind.
Hanna (links) hat alle mit ihrem großen Zeichentalent überrascht. Sie und ihre Freundin Maryna waren unter den ersten Flüchtlingen, die in Altena angekommen sind. © Goor-Schotten, Hilde

Denn auch wenn die Stimmung im Bergheim auf den ersten Blick nicht gedrückt und traumatisiert erscheint – die Ängste, Sorgen und Gedanken an das, was in der Ukraine geschieht, sind spürbar. „Alle sind ständig in Kontakt mit ihren Männern, Verwandten und Freunden“, sagt Krätzig, „und wenn dann die Nachricht kommt, dass der Nachbarssohn erschossen wurde, der Freund vom eigenen 18-jährigen Sohn, der in Kiew geblieben ist: Das ist schlimm.“

Hoffen auf baldiges Kriegsende: Flüchtlinge im Bergheim untergebracht

Auch Tanja kann ihre Gefühle nicht verbergen, wenn sie von den ersten Tagen im Keller und der Flucht nach Slowenien berichtet – mit ihren Töchtern Paulina und Dascha, gerade einmal vier Monate alt. Das Baby habe alles gut überstanden, Paulina habe immer noch Angst, bei jeder Feuerwehrsirene oder Flugzeugen am Himmel. „Hier ist alles gut“, sagt Tanja trotzdem.

Sie gehört zu den 15 Frauen, die auf jeden Fall gerne im Bergheim bleiben möchten, bis sie zurückkönnen in die Ukraine. Ob das in zwei bis drei Wochen sein wird, wie viele es hoffen, ist eher unwahrscheinlich. Im Beherbergungsbetrieb ist die Aufenthaltsdauer allerdings auf drei Monate beschränkt. Aber die Krätzigs hoffen, dass für die Frauen, die das wünschen, doch eine Ausnahme gemacht werden kann.

VON HILDE GOOR-SCHOTTEN

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