Fall Yücel: Türken in Altena zwiegespalten

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Altena - Der Fall des in der Türkei inhaftierten, deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel sorgt zunehmend für diplomatische Verstimmungen. Viele in Altena lebende Menschen türkischer Herkunft können das Vorgehen der türkischen Behörden allerdings nachvollziehen.

Versicherungskaufmann Yakup Tekin sieht die Festnahme Deniz Yücels zwiegespalten: Einerseits sei er sich unsicher, ob eine Verhaftung der richtige Weg ist. Andererseits habe der Journalist, der als Türkei-Korrespondent für die Zeitung „Die Welt“ arbeitet, klare Grenzen verletzt, indem er aus E-Mails zitiert hat, die auf illegalem Wege beschafft worden waren. „Zur Haft gibt es keine Alternative“, sagt Tekin und vergleicht dem Fall Yücel mit denen des Wikileaks-Gründers Assange und des Whistleblowers Snowden, die sich aus Angst vor Strafverfolgung im Ausland aufhalten.

Bei vielen anderen in der Türkei Festgenommenen handle es sich, genauso wie bei den abgesetzten Richtern, Lehrern oder Beamten, um Unterstützer der Gülen-Bewegung. die – genauso wie die verbotene kurdische PKK und die Oppositionspartei HDP – Terroristen mindestens unterstütze. Vieles werde in den deutschen Medien verkürzt dargestellt, findet Tekin. „Die Türkei ist in einer anderen Situation“. Fast täglich komme es zu Terroranschlägen.

Versicherungskaufmann Yakup Tekin.

Die umstrittene Verfassungsänderung, die dem türkischen Präsidenten Erdogan weitergehende Befugnisse einräumen soll, befürwortet Tekin und vergleicht diese mit dem Präsidialsystem in den Vereinigten Staaten. Weil auch Menschen in Deutschland mit türkischem Pass darüber abstimmen dürfen, seien entsprechende Auftritte türkischer Politikern in Deutschland folgerichtig.

Der Werdohler Immobilienmakler und -Verwalter Harun Cici, der auch in Altena tätig ist, spricht ebenfalls von Grenzen, die auch für Journalisten wie Deniz Yücel gälten: „Mir ist Meinungsfreiheit sehr wichtig, aber ein Journalist darf sich nicht auf die Seite von Terroristen stellen“, findet er.

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Andere festgenommene Reporter, unter ihnen viele Mitarbeiter der türkischen Zeitung Cumhuriyet, hätten trotz mehrfacher Warnungen die Unwahrheit über die Regierung Erdogan geschrieben. Die Menschen, die nach dem gescheiterten Putschversuch ihre Jobs verloren haben, könnten in diese zurückkehren, sofern sie nachweisen könnten, dass sie keine Verbindung zu Terroristen haben, ist er sich sicher.

Auch Cici sieht die Türkei in einer schwierigen Lage: Sowohl die PKK, als auch der IS und die Gülen-Bewegung stellten eine Bedrohung für das Land dar. Von den internationalen Bündnispartnern – auch von Deutschland – würde er sich mehr Unterstützung wünschen. Die Mehrheit der Türken nämlich stehe hinter Erdogan.

Immobilienmakler und -Verwalter Harun Cici.

Dass die politische Situation in der Türkei ein hoch emotionales Thema ist, zeigt auch eine Umfrage unter mehreren türkischstämmigen Geschäftsleuten inder Stadt: Viele möchten sich nicht für die eine oder andere Seite äußern, weil sie dadurch um ihre Kundschaft fürchten oder Angst vor Repressalien bei zukünftigen Türkei-Aufenthalten haben.

Harun Cici sieht die angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei mit großer Sorge: „Ich hoffe, dass sie sich bald wieder normalisieren“, sagt der gebürtige Türke, der seit den 90er-Jahren in Deutschland lebt. „Für viele Türken, die hier leben, ist die Türkei das Mutterland, aber Deutschland ist ihr Vaterland.“

Für Aydin Harman ist es eine Frage der Sichtweise: „Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man es sieht“, sagt der Ratsherr der Partei „Die Linke“. Harman findet, dass viele Beobachter auf deutscher Seite etwas übersehen: „Die Türkei ist ein Rechtsstaat mit einer Gewaltenteilung. Wenn das Gericht ruft, müssen wir hin.“

Politik solle sich da heraushalten, sowohl auf deutscher als auch auf türkischer Seite, findet Harman. „Die Politik hat dem Rechtsstaat nichts zu sagen“, spricht sich der Linken-Rartsherr gegen eine Einflussnahme aus.

„Linke“-Ratsherr Aydin Harman.

Er bemängelt aber auch „schiefe Darstellungen“ durch verschiedene Medien – gerade über die Rolle Erdogans –, welche letztlich „die Gesellschaft spalten.“ Erdogan werde „schlechtgeredet“. Der türkische Ministerpräsident sei sehr präsent in den hiesigen Medien, was teilweise seltsame Folgen habe. Harman: „Ich kenne Fünfjährige, die glauben, Erdogan wäre der deutsche Präsident.“

Hinsichtlich der Verhaftung des Journalisten macht der Altenaer auf einen Umstand aufmerksam, der vielleicht nicht jedem bekannt sei: „Yücel wusste, dass er festgenommen wird. Er ist bewusst in die Türkei eingereist.“

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