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Traditionsunternehmen aus dem MK hilft: Geigerzähler für die Ukraine

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Von: Michael Koll

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Martina Pavlidis und Christian Stein sind die Inhaber des Altenaer Traditionsunternehmens Graetz. Wurden Ende des 19. Jahrhunderts noch Petroleumlampen hergestellt, ist es mittlerweile Strahlenmesstechnik.
Martina Pavlidis und Christian Stein sind die Inhaber des Altenaer Traditionsunternehmens Graetz. Wurden Ende des 19. Jahrhunderts noch Petroleumlampen hergestellt, ist es mittlerweile Strahlenmesstechnik. © Koll, Michael

Ex-Boxweltmeister Wladimir Klitschko rief zu Beginn des Ukraine-Krieges um Hilfe. Und er wurde in Altena erhört.

13 Geigerzähler – konkret zehn Personendosimeter und drei Dosisleistungsmessgeräte – schickten Martina Pavlidis und Christian Stein über ihr Unternehmen Graetz Strahlenmesstechnik auf den Weg, der über Polen in den westlichen Teil des von Russland angegriffenen Landes führte.

1886 wurde das Altenaer Traditionsunternehmen Graetz gegründet. Die Firmenhistorie nahm in Berlin ihren Ursprung. Doch schon nach dem 2. Weltkrieg zog die Firma ins Sauerland um. Erst produzierten die Beschäftigten bei Graetz Petroleumlampen, später Radios und Fernseher.

Bis zu 4000 Mitarbeiter in den Wirtschaftswunderjahren

Bis zu 4000 Mitarbeiter waren es in den Wirtschaftswunderjahren, die Unterhaltungselektronik herstellten. 1949 entwarfen die Produktentwickler den ersten Geiger-Mueller-Zähler, ein Messgerät für Radioaktivität. Heute hat das Unternehmen, welches seit 1990 den Namen Graetz Strahlenmesstechnik trägt, nur noch 17 Mitarbeiter.

Ihre Produkte werden allerdings in die ganze Welt geliefert. „Zu 60 Prozent jedoch sind unsere Kunden in Europa zu finden“, sagt Stein. Der Küntroper stieg im Oktober 2020 zunächst als Geschäftsführer in das Unternehmen ein und ist seit Mai 2021 auch Mit-Inhaber der GmbH.

Umsatz liegt bei zwei Millionen Euro im Jahr

„Ich wusste vorher auch nicht, dass hier im Sauerland sowas Exotisches hergestellt wird“, gesteht der Unternehmensboss. Heute vertreibt Graetz alles rund um Radioaktivität und Strahlenmessung für Einsatzbereiche von der Feuerwehr bis hin zur Medizintechnik. „Zwei Millionen Euro Umsatz im Jahr erzielen wir damit.“

13 Geigerzähler schickte das Altenaer Unternehmen Graetz in die Ukraine, darunter drei Dosisleistungsmessgeräte (Foto) und zehn Personendosimeter.
13 Geigerzähler schickte das Altenaer Unternehmen Graetz in die Ukraine, darunter drei Dosisleistungsmessgeräte (Foto) und zehn Personendosimeter. © Koll, Michael

Derzeit könnte es sogar noch deutlich mehr sein, wenn der russische Angriffskrieg nicht zu einem Engpass an elektronischen Komponenten, die Graetz braucht, um seine Geräte herzustellen, auf dem Markt geführt hätte. Mit-Geschäftsführerin Pavlidis zählt auf: „Seit Kriegsbeginn haben wir 19 Prozent mehr Aufträge ausgeliefert. Und die Zahl der Wartungs- und Reparaturaufträge ist sogar um 67 Prozent angestiegen. Damit haben wir dem Umsatz um 24 Prozent steigern können im Vergleich zum Vorjahr.“

Der Auftragsstau ist enorm

Doch der Auftragsstau ist enorm: „Um weitere 18 Prozent angestiegen wäre unser Umsatz, wenn wir genügend Teile hätten.“ Wobei das indes nicht das einzige Problem ist momentan. „Da ein Teil unserer Produkte nicht einfach so frei verkauft werden darf, bedürfen viele unserer Lieferungen einer Genehmigung durch die Bafa“, schildert Pavlidis. Die Bafa ist die Bundesanstalt für Ausfuhrkontrolle. „Und die hat aktuell auch einen Bearbeitungsstau. Die Prüfung eines Auftrags dauert dort im Augenblick statt vier satte elf Monate“, verrät die Geschäftsführerin.

Doch trotz aller Produktionsprobleme war es für Pavlidis und Stein gar keine Frage, dass sie dem Aufruf von Klitschko folgen und den Menschen in der Ukraine helfen wollten. So stifteten sie ihre Geigerzähler im Wert von 15 000 Euro, die am 22. März mit vielen anderen Spenden zusammen im polnischen Feuerwehr-Schulungszentrum Nikso eintrafen. Von dort aus wurden sie weiter nach Tschortkiw im Westen der Ukraine gefahren.

Dosimeter kann in der Hemdtasche getragen werden

Firmen-Boss Stein erklärt: „Ein Personendosimeter kann in der Hemdtasche getragen werden. Und das Dosisleistungsmesgerät kann bequem in der Hand gehalten und bedient werden.“ Beide batteriebetriebenen Geräte messen Radioaktivität. Das ist nach der Besetzung Tschernobyls durch russische Soldaten zu Beginn des Krieges in Osteuropa von immenser Bedeutung.

Stein weiß: „Rund um den seit 1986 defekten Reaktor in Tschernobyl liegt mit Cäsium 137 kontaminierte Asche. Diese haben die russischen Soldaten aber nun aufgewirbelt. Die dabei entstandene Staubwolke kann durch den Wind sogar bis zu uns nach Deutschland getragen werden.“

Gefahr nicht vollends gebannt

Ohnehin ist die atomare Gefahr auch 36 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl nicht vollends gebannt. Hobby-Jäger Stein erläutert: „Bayern hat es damals besonders stark getroffen. Dort müssen heute noch gesammelte Pilze und erlegte Wildtiere mit dem Geigerzähler kontrolliert werden, ob sie überhaupt für den Verzehr geeignet sind.

Der Mit-Inhaber von Graetz wurde hellhörig, als der russische Präsident Wladimir Putin im Dezember Truppen an der Grenze zur Ukraine stationierte. „Da habe ich schon mehr Elektrokomponenten für unsere Produktion bestellt, da ich mit einer steigenden Nachfrage rechnete.“ Doch die Bestellungen stiegen weit mehr als der Küntroper vermutet hatte, vor allen Dingen die deutschen Feuerwehren bessern derzeit ihre Ausrüstungen auf. „Man sagte mir, mit dem Kriegsbeginn wurden bei allen Wehren in der Bundesrepublik die Haushaltssperren aufgehoben“, erklärt Stein.

Mitarbeiter haben ordentlich zu tun

Auch wenn die Firma nun nicht alle Aufträge so schnell wie gewünscht ausliefern kann, die Mitarbeiter haben dennoch ordentlich viel zu tun. Und Unternehmensleiter Stein sagt: „Wir suchen händeringend Elektroniker. Die dürfen sich sehr gerne bei uns bewerben.“

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