Betreuer über "unverantwortliche Entscheidung" entsetzt

Weil Therapieplatz fehlt: Gericht lässt psychisch schwer Kranken nach Hause

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Altena – Mit einer überraschenden Entscheidung ist im Landgericht Hagen das Unterbringungsverfahren gegen einen 39-jährigen Beschuldigten zu Ende gegangen: Nach der Entlassung aus der geschlossenen Psychiatrie in Lippstadt-Eickelborn konnte er nach Essen zurückkehren.

Sein amtlicher Betreuer zeigte sich entsetzt über die Entscheidung und nannte sie „unverantwortlich“. Aus Mangel an therapeutischen Einrichtungen für psychisch schwer erkrankte Straftäter im Zuständigkeitsbereich des Landschaftsverbandes Rheinland hatte der Betreuer den 39-Jährigen Mitte April 2018 im Kohlberghaus in Altena untergebracht. 

Dort soll der Beschuldigte am 14. Juni einem Mitpatienten mit einer Rasierklinge drei quer über das Gesicht verlaufende Schnitte zugefügt haben. Einem weiteren Mitbewohner soll er angedroht haben, ihm „den Kopf wegzutreten“. 

Aufgrund dieser und weiterer Vorkommnisse wurde der 39-Jährige am 15. Juni in die Hans-Prinzhorn-Klinik in Hemer eingeliefert, wo er am 5. Juli einen anderen Patienten gewürgt haben soll. 

Da er aufgrund einer schizophrenen Erkrankung als nicht schuldfähig galt, musste die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Hagen über die erneute Einweisung in eine geschlossene forensische Klinik entscheiden. 

Das Gutachten des herbeigezogenen psychiatrischen Sachverständigen attestierte dem 39-Jährigen allerdings eine durchaus vorhandene Schuldfähigkeit: Ein Zusammenhang zwischen seinem Wahnerleben und den ihm vorgeworfenen Taten sei nicht feststellbar, argumentierte der Sachverständige. 

Gewalt zur Durchsetzung von Zielen

Der 39-Jährige übe keine plötzliche „impulsive Gewalt“ aus, sondern er setze diese instrumentell ein, um seine Ziele zu erreichen. Insofern sei davon auszugehen, dass er durchaus wisse, was er tut, und man könne „keine tief greifende Bewusstseinsstörung“ feststellen. 

Die Kammer zog daraus die - als Momentaufnahme durchaus nachvollziehbare - Entscheidung, die angeklagten Straftaten an das Amtsgericht Altena zurück zu überweisen und den Beschuldigten auf freien Fuß zu setzen. 

Es sei aberwitzig, den 39-Jährigen ohne die Aussicht auf irgendeine psychiatrische Betreuung zu entlassen, zeigte sich sein Betreuer entsetzt über die Entscheidung. 

Er beklagte das Fehlen von Betreuungseinrichtungen für kranke Straftäter unterhalb der Schwelle einer gänzlich geschlossenen forensischen Psychiatrie. Es sei völlig wirklichkeitsfremd, davon auszugehen, dass der 39-Jährige sich nun eine Wohnung suchen und ein „normales“ Leben beginnen werde. 

Angeklagter ist cannabis-, kokain- und amphetaminabhängig

Als vorläufige Adresse nannte er eine alte Freundin, die zwei kleine Kinder großzieht. Dort werde er wohl kaum lange bleiben können, vermutete der Betreuer. Die dem 39-Jährigen auch vom Gutachter attestierte schwere Drogensucht mit Cannabis-, Kokain- und Amphetaminkonsum werde aufgrund des immensen Finanzbedarfs zu erneuten Straftaten führen. „Er hat nie von den Drogen lassen können“, stellte der Gutachter fest und sprach auch von „objektiv unerwarteten aggressiven Affekten“. 

Zum Problem dürfte auch die Verweigerungshaltung des 39-Jährigen gegenüber Medikamenten werden: Mit ihrer Hilfe soll die diagnostizierte „paranoide Schizophrenie“ in Schach gehalten werden. 

Nach vielen Verurteilungen und jahrelangen Aufenthalten in forensischen und psychiatrischen Kliniken sei kaum zu erwarten, dass der 39-Jährige sein Leben plötzlich alleine bewältigen könne, sagte der Betreuer. Den Gerichtstermin in Altena könne man sich auch sparen: Es sei kaum zu erwarten, dass der 39-Jährige sich von Essen aus auf den Weg machen werde.

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