Alles über den Knast: Tatort-Mediziner Joe Bausch fesselt

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Umlagert vor und nach der Lesung: Joe Bausch signiert und führt Gespräche.

Altena - Es ist wahrhaftig unappetitlich, was Joe Bausch da erzählt vom ,,Knastgeruch”: Diese Mischung aus verbranntem Essen, kaltem Zigarettenrauch und nicht gewechselten Bettlaken. Als Anstaltsarzt, so erzählt er, nimmt er ihn erst selbst wieder war, wenn er mal zwei Wochen Urlaub hatte.

Schöne Geschichten sind es nicht, die der Mediziner und Schauspieler an diesem Samstagabend, 22. März, in der Burg Holtzbrinck erzählt. Aber sie sind so spannend, dass 120 Zuhörer gebannt lauschen.

Das Gefängnis ist ein Mikrokosmos, den Joe Bausch seit 26 Jahren freiwillig aufsucht. Als er kam, da saßen in der Hochsicherheitsanstalt Werl schon manche ein, die der Arzt heute als ,,alte Bekannte” bezeichnen könnte. Einer ist aktuell im 47. Jahr da. Vielleicht erlebt er es noch, wenn sich sein Hausarzt in fünf Jahren in den Ruhestand verabschiedet.

Joe Bausch erzählt viel mehr, als dass er sein Buch mit dem schlichten Titel ,,Knast” zur Hand nimmt und Passagen daraus vorliest. Von Menschen, die zu viert in einem kleinen Raum harren und nicht mal zum Verdauen ein bisschen Privatsphäre haben. Den ,,Glücklichen” in Einzelhaft, die vier Schritte Bewegungsfreiheit zwischen Tür und Fenster haben. Deren Tag nur getaktet ist von dem Geräusch eines Schlüssels. Man könnte ganz leicht Mitleid mit ihnen haben, aber der Autor als feste Größe des Vollzugssystems verbietet sich das: ,,Diese Menschen sind nicht umsonst in Werl. Wer bei uns landet, hat wirklich schlimme Dinge in seinem Leben getan.”

Die Taten hat Bausch in seiner kleinen ,,Typologie der Verbrecher” angerissen und gibt dem Leser eine erstaunliche Erkenntnis aus 26 Jahren Berufserfahrung preis: Die alten Mörder sind ihm noch die liebsten: Umgänglich seien sie und sagten oft, dass sie zu Recht im Gefängnis gelandet sind. Ganz anders dagegen der Betrüger, der das auch im Knast bleibe und mit unglaublicher Geschicklichkeit rasch Privilegien erstreite, die mancher Sicherheitsverwahrte erst nach Jahrzehnten zugestanden bekommen hat.

Joe Bausch nutzt seine mittlerweile zwei Jahre andauernde Lesereise, um mit Vorurteilen aufzuräumen. ,,Lebenslänglich bedeutet nicht, nach 15 Jahren wieder freizukommen”, erklärt er. Zeige das Fernsehen mal Zellen, wo Insassen ein scheinbar gemütliches Leben mit Flachbildschirmfernseher und Playstation führten, dann dürfe man als Zuschauer sicher sein, dass diese Insassen schon sehr lange im Gefängnis leben. 22 bis 27 Jahre bleibt ein Mörder in der Regel in Werl. Das Leben draußen zieht an ihnen vorbei und Joe Bausch gibt zu, aufrichtige Bewunderung für manche Mutter eines Insassenkinds zu empfinden. ,,Ich wohne direkt an der Mauer und habe Kinder gesehen, die von ihren Müttern noch im Maxi Cosi ins Gefängnis getragen wurden und heute als Teenager ihren Vater besuchen.”

Auf Frauen geht Joe Bausch an mehreren Stellen seines Buchs ein. In ihrer Rolle als Geliebter, Justizvollzugsbeamtin und Kindsmörderin. Und obwohl es grausam ist, müssen sowohl der Gast als auch sein Publikum schmunzeln, als die Taten einer Frau aus einem anderen Gefängnis auf den Tisch kommen, die im Seniorenalter das Morden begann und ihre sieben Männer nacheinander vergiftete. ,,Sie ist eine liebenswerte Omi. Ich würde meine Kinder von ihr betreuen lassen. Aber man darf sie nicht rauslassen, weil sie dann wieder einen Mann kennenlernen würde…”

Es sind nicht nur solche Fälle, die im Anstaltsarzt die Frage aufkommen lassen, wie Resozialisierung im Knast stattfinden kann. In einer Anstalt, wo bis zu 1000 Menschen aus 47 Nationen leben und kaum soziale Kontakte haben. Die Politik sei gefragt, individuellere Lösungen zu finden. Und die Gesellschaft auch: ,,Wir alle müssen mehr aufeinander achten”, gibt Joe Bausch seinen aufmerksamen Zuhörern mit auf den Weg.

Nach über zwei Stunden ohne Pause verabschiedet sich der Gast noch nicht. Im Foyer der Burg Holtzbrinck signiert er Bücher, plauscht mit langjährigen ,,Tatort”-Fans und nimmt gern neue Einladungen nach Altena an. Sofern es der Dreh- und Dienstplan zulässt, kommt Bausch in seiner Funktion als ,,Regionale”-Botschafter schon nächsten Monat zur Eröffnung des Burgaufzugs wieder. Auch Ulrich Frenschkowski will ihn und seine Kollegen aus dem Köln-,,Tatort” gern mal zu einem seiner Benefizkonzerte begrüßen. Durch den ,,Tatort-Verein” gibt es schon lange eine Verbindung nach Altena: Swanie Diehl pflegt sie zu Joe Bausch, seitdem ihr philippinisches Patenkind Mykie ermordet wurde. In diesem Fall treibt der Schauspieler die Ermittlungen seit Jahren voran - jenseits der Kamera.

von Ina Hornemann

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