Tabuthema Pflege: Ein Angehöriger erzählt

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Altena – Einmal hat der 53-Jährige aus Altena schlechte Erfahrungen gemacht. Das soll ihm nicht nochmal passieren. Darum besucht er nun einen Kurs für pflegende Angehörige.

„Es klingt vielleicht abgegriffen“, sagt der 53-Jährige, „aber es gilt nach wie vor: Wehret den Anfängen.“ Er will vorbereitet sein. Der Altenaer ist der einzige Mann bei einem Kurs für pflegende Angehörige, den die Pflegeberatung, das Ellen-Scheuner-Haus und die Diakonie gemeinsam gestartet haben. 

Und anders als bei manchen Teilnehmern aus der Gruppe gibt es bei ihm keinen Handlungsdruck. Noch nicht. Noch muss er niemanden pflegen. Doch der Altenaer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hat bereits Erfahrungen mit der Pflege gemacht. Es sind keine guten. 

Vor 20 Jahren wurde sein Vater zum Pflegefall – und starb wenig später. „Damals gab es noch weniger Unterstützung von außen, als das heute der Fall ist.“ Deshalb ist der Offizier der Reserve froh über die Möglichkeiten, die durch fachkundige Referenten wie Simone Kuhl von der Pflegeberatung des Märkischen Kreises und Anja Bräuniger-Calitri vom Ellen-Scheuner-Haus im Lutherhaus angeboten werden. 

„Als das mit meinem Vater passierte, hat mich das ziemlich hilflos gemacht. Heute würde man wohl von einem Burnout sprechen.“ Der 53-Jährige empfindet das Thema Pflege von Angehörigen als ein sehr persönliches. Eines, über das man nicht gerne spricht. „Das Ganze ist irrsinnig schambehaftet. Niemand geht damit hausieren, wenn ein Angehöriger betroffen ist.“ 

Beim Kurs tauschen sich die Teilnehmer aus.

Und dabei befindet er sich derzeit in einer „Komfortsituation“, wie er es selbst nennt. Seine Mutter, auf deren mögliche Pflege er sich vorbereiten will, sei körperlich und geistig trotz ihres Alters von 83 Jahren noch rüstig und selbstständig. 

„Aber“, und da macht sich der Dahler keine Illusionen, „das kann sich auch in recht kurzer Zeit ändern.“ Irgendwann werde eine solche Situation auf jeden zukommen. Wenn dieser Fall eintritt, dann möchte er nicht überrascht oder von den Ereignissen ein weiteres Mal überrollt werden. 

Die Erinnerungen an den Vater sind sehr lebendig. Der neue Kursus sei eine große Hilfe. Neben den Informationen, die die Fachleute mitbringen, lobt der Altenaer besonders die Atmosphäre in der kleinen Gruppe. „Es gibt eine völlige Offenheit, das ist sehr wichtig.“ So findet er es sehr hilfreich und wohltuend, sich mit weiteren Angehörigen austauschen zu können. „Man erfährt, dass man nicht alleine ist.“ 

Es gibt natürlich viele offene Fragen, ungeklärte Einzelheiten bis hin zu vermeintlichen Nebensächlichkeiten. „Schafft man zum Beispiel einen Toilettenstuhl an oder einen Dusch- und Toilettenstuhl?“ Letzterer sei, wichtig für die tägliche Praxis, wegen einer nicht durchgehenden Vorderseite deutlich leichter zu reinigen. 

Tipps für den Umgang mit Ämtern, Krankenkassen und Behörden gibt es in dem Kurs ebenfalls. Auch den Hinweis, möglichst frühzeitig den Kontakt mit dem Hausarzt zu suchen und die Scheu vor einem offenen Gespräch mit einem Betroffenen abzulegen. 

„So oder so“, sagt der Altenaer, „den Kopf in den Sand zu stecken, das geht nicht. Man muss sich mit dem Thema auseinandersetzen und Informationen sammeln. Jede Hilfe annehmen, die man bekommen kann.“ Und letztlich müsse man sich einer zentralen Frage stellen, denn die Herausforderung, einen Angehörigen selbst zu pflegen, ist sehr groß: „Kann ich persönlich das schultern?“ Körperlich und psychisch.

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