„Künftig keine Schule nach Schirrmann benennen“

Rohstoffe, Kleidung, Bücher – fast alles wurde ab 1914 gesammelt, um das Heer im Krieg zu unterstützen. Foto: Bender

Altena -   Archivare sammeln nicht nur, sie sichten und bewerten auch. Manchmal mit Verspätung – das umfangreiche Material, das im Kreisarchiv aus den Jahren 1914 bis 1918 gehortet wird, haben Ulrich Biroth und Dr. Christiane Todrowski erst im Vorfeld der Ausstellung „Lieb Vaterland...“ genauer unter die Lupe genommen.

Dabei seien Aspekte ans Tageslicht gekommen, „die mir so noch nicht bekannt waren“, wie Biroth es formuliert. Beispiel: Über Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg weiß man viel – dass die Firmen im heutigen Märkischen Kreis auch im Ersten Weltkrieg in großem Umfang Kriegsgefangene beschäftigte, sei bisher kaum erforscht. Immerhin weiß der Archivar nach dem Studium der alten Akten und Briefe, dass die Zwangsarbeiter vor 100 Jahren besser behandelt wurden als 25 Jahre später.

Neben eigenen Beständen konnten die Archivare auch auf Materialien von Privatleuten, verschiedene Stadtarchive und von Organisationen wie dem Arbeitgeberverband zurückgreifen und so auch Einblicke in die Kriegswirtschaft geben. Immer wieder baten Unternehmen darum, Mitarbeiter vom Dienst an der Waffe zu entbinden, weil sie im Betrieb gebraucht wurden. Es gab aber auch den umgekehrten Fall: Eine Altenaer Firma deutete in einem Schreiben an, dass es permanente Probleme mit einem Arbeiter gebe und er im Felde sicher besser aufgehoben sei....

„Erschreckend“ sei die Propagandamaschinerie gewesen, die schon 1914 angelaufen sei, meint Biroth. Ihm sei nicht bewusst gewesen, welch’ große Rolle Rassismus und Antisemitismus damals gespielt hätten. Immer mit dabei: Richard Schirrmann. Der Lehrer und Gründer des Jugendherbergswerkes meldet sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst und sandte eine Vielzahl von Feldpostbriefen an den damaligen Landrat Fritz Thomée. Immer wieder fänden sich in diesen Schreiben antisemitisch und rassistische Äußerungen, erklärt Biroth. Sein Rat: „Man sollte vielleicht keine Schule mehr nach ihm benennen“.

von Thomas Bender

(Ausführlicher Würdigung der Ausstellung in der Druckausgabe des Altenaer Kreisblattes von Donnerstag, 21. August 2014.)

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