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Spannendes Projekt: Friedhöfe sollen zum Lebensraum werden 

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Von: Thomas Keim

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Ziemlich zugewuchert ist der Friedhof.
Evangelische Friedhöfe, wie der im Mühlendorf, könnten zum Biotop werden. © Bonenkoh

Immer weniger Familien- und Reihengräber, immer mehr Urnengräber: Die Bestattungskultur befindet sich im Umbruch – mit massiven Folgen für die Friedhöfe. Die sollen nun zum Lebensraum werden. Ein Millionen-Projekt, das in Altena und Nachrodt auf Interesse stößt.

Altena/Nachrodt – Es wird immer weniger Platz benötigt. Im Dezember 2033 soll die letzte Beerdigung auf dem evangelischen Friedhof an der Wiblingwerder Straße in Nachrodt stattfinden. Danach gibt es lange Ruhezeiten. Sorgt das bereits jetzt dafür, dass sich Familien nach anderen Orten für die letzte Ruhe umschauen, zum Beispiel auf dem katholischen Friedhof in Nachrodt statt auf dem nächst gelegenen evangelischen in Wiblingwerde?

Diese Tendenz kann die katholische Gemeinde St. Josef so noch nicht bestätigen, sagt die Pfarrbeauftragte Sandra Schnell. Im vergangenen Jahr gab es dort 17 katholische Beisetzungen und elf evangelische. In 2021 zählt man bisher sieben katholische und sieben evangelische Beerdigungen.

Leere Flächen auf Friedhöfen nutzen

Doch die Veränderung in der Bestattungskultur bietet auch Chancen. Die evangelischen Kirchengemeinden Altena und Nachrodt-Obstfeld haben die Vorstellung des Projekts „Biodiversitäts-Check auf kirchlichen Friedhöfen“ in der vergangenen Woche „mit Interesse wahrgenommen“, sagt Presbyter Carsten Menzel.

Auf den Friedhöfen entstünden zunehmend – im wahrsten Wortsinn – Freiräume: Bereiche, die frei werden und bleiben, weil durch den anhaltenden Trend zu Urnenbestattungen oder Beisetzungen in Gemeinschaftsfeldern immer weniger Platz benötigt wird. Allerdings entstehen diese Freiräume nicht unbedingt zusammenhängend und auch nicht auf einmal: „Es kann Jahre dauern, bis auf einem Grabfeld alle Nutzungsrechte und Ruhezeiten abgelaufen sind und eine größere, zusammenhängende Fläche frei wird“, sagt Menzel.

3,5 Millionen für alle drei Projekt-Partner

Und genau dort setzt das Projekt „Biodiversitäts-Check auf kirchlichen Friedhöfen“ an, das die westfälische Landeskirche im Verbund mit dem Erzbistum Köln und dem Haus kirchlicher Dienste der Landeskirche Hannovers umsetzt. Das Bundesamt für Naturschutz fördert das Projekt mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit mit insgesamt 3,5 Millionen Euro für alle drei Verbundpartner.

„Darüber bekommen zahlreiche evangelische Gemeinden aus der Landeskirche in den kommenden fünf Jahren Gelegenheit, ihre Friedhöfe aufzuwerten“, sagt Bettina Köhl von der Landeskirche in Westfalen. Das Projekt endet im März 2026.

Evangelische Friedhöfe in Altena: Biologische Vielfalt bereits im Blick

Eine interessante Chance für die heimischen Gemeinden. „Wir werden schauen, inwiefern das Projekt auf unserem Friedhof praktikabel ist“, sagt Pastor Wolfgang Kube aus der Gemeinde Nachrodt-Obstfeld. In Altena will Baukirchmeister Stephan Haack im Friedhofsausschuss des Presbyteriums in der nächsten Sitzung das Projekt und eine möglichen Umsetzung zum Thema machen.

Bereits heute hätten die Gemeinden und ihre Friedhofsgärtner die biologische Vielfalt im Blick. So bleiben auf den Friedhöfen in Altena beispielsweise Bäume und Büsche, die auf Grabstellen gepflanzt wurden, auch nach Ablauf der Nutzungsrechte stehen und werden beim Abräumen nicht gefällt. So verstärkt sich an vielen Stellen der Eindruck eines Parks mit unterschiedlichen Baum-Arten unterschiedlicher Höhe.

Friedhöfe als „Ruheoasen inmitten des Lebens“

Genau so wünscht es sich die Landeskirche, die solches Engagement mit dem Projekt fördern möchte. Friedhöfe „sind wichtige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen in Siedlungen und zugleich Ruheoasen inmitten des Lebens“, sagte Landeskirchenrat Martin Bock, zuständiger Dezernent für das Friedhofswesen.

Es gehe jetzt darum, Friedhöfe zu Oasen der biologischen Vielfalt weiterzuentwickeln. Landeskirchenrat Dr. Jan-Dirk Döhling ergänzt: Nachhaltigkeit „braucht Orte, wo im eigenen Umfeld Veränderung erlebbar und eine neue Sorgfalt für die Vielfalt der Schöpfung gemeinsam eingeübt wird.“

Magerwiesen und Bienen-Paradies auf dem Friedhof

Praktisch hat das Projekt mit einer Begehung des evangelischen Friedhofs in Gütersloh begonnen. Dort gibt es bereits kleine Biotope, die auf den ersten Blick wie vergessene Flächen wirken. Gärtner mähen die ungenutzten Flächen aber bewusst nicht regelmäßig, damit Magerwiesen entstehen können, wo seltene Wildbienen zwischen Moos und Kraut ihre Höhlen graben können.

An einer alten Mauer filtern Flechten den Feinstaub aus der Luft, zwischen historischen Grabsteinen blüht eine Wiese, am Wasserbecken schwirren Libellen und ein abgestorbener Baumstupf bietet Lebensraum für Pilze. Und: „Wer selbst eine Grabstätte pflegt, kann mit heimischen Pflanzen und torffreier Gartenerde dazu beitragen, den Friedhof vielfältiger und nachhaltiger zu gestalten“, sagt Bettina Köhl.

Ehrenamtliche als Botschafter

Deshalb setzt der Biodiversitäts-Check auch auf Ehrenamtliche, die einen wichtigen Beitrag als Multiplikatoren leisten sollen. Fachexpertise bringen biologische Stationen in NRW und Fachreferenten aus dem Institut für Kirche und Gesellschaft ins Projekt ein. Am Ende sollen modellhafte Ideen aus rund 170 Kirchengemeinden der drei Projektpartner zeigen, wie Kirchenflächen zu „Knotenpunkten urbaner grüner Infrastruktur“ werden können. Vielleicht kommt ein modellhaftes Vorzeige-Beispiel aus Altena oder Nachrodt-Wiblingwerde.

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