Taufe mit Henker und Apostel

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In der Burg-Kapelle erklärt Bernadette Lange die Besonderheiten des Taufsteins. ▪

ALTENA ▪ Seit 137 Jahren werden Schätze für das Museum gesammelt, das heute als „Museum der Grafschaft Mark“ bekannt ist. Da kommt eine Menge zusammen - aber nicht immer wurde sorgfältig „inventarisiert“, wie die Fachleute die Erfassung ihres Bestandes nennen.

So kommt es, dass weder Museumsleiter Stephan Sensen noch seine Stellvertreterin Bernadette Lange heute genau sagen können, wie viele Objekte eigentlich zum Inventar zählen. Die digitale Erfassung der Karteikarten hat gerade erst begonnen und ist eine Aufgabe für die nächsten 10 oder 20 Jahre. Und dann eine verwegene Frage: Was ist hier das Besondere, Sehenswerte und Spezielle?

Eine Frage, mit der das AK Bernadette Lange und Museumsleiter Stephan Sensen konfrontriert hat. Angesichts des üppigen Bestandes können beide aus dem Vollen schöpfen. Hauptschauplatz auf der Burg ist das Museum der Grafschaft Mark. Der Bogen der Ausstellung reicht von der geologischen Frühgeschichte über das Mittelalter, die Frühe Neuzeit und das Industriezeitalter bis in die Gegenwart. „Das Problem“, meint Bernadette Lange, „ist also eher das Reduzieren.“

Rückblende: Im Jahr 2000 hatte das Museum sein 125-jähriges Bestehen gefeiert; der Aufbau der Sammlung geht somit zurück auf das Jahr 1875. Das reicht immerhin für das Attribut „ältestes regionalgeschichtliches Museum in Westfalen.“ Die Anfänge wurden vom „Verein für die Orts- und Heimatkunde im Süderland“ in einem Haus an der unteren Thoméestraße gemacht, aber seit 1916 residiert die Sammlung auf der wieder aufgebauten Burg. Bis 1988 wurden die Bestände durch regelmäßige Beschaffung von Ausstellungsstücken erweitert, ganze Sammmlungen wurden eingegliedert. Es scheint, dass der Satz von Landrat Fritz Thomée lange nachwirkte: „Ich hatte eine Burg zu füllen.“

1993 befanden sich auf der Wulfsegge dann nicht weniger als acht Museumsabteilungen: Neben dem Museum der Grafschaft Mark gab es das „Geologische Sauerlandmuseum“, die „Archäologische Sammlung“, das „Märkische Schmiedemuseum“, das Museum Weltjugendherberge, das Deutsche Drahtmuseum, das Deutsche Wandermuseum und das Erzgebirgische Heimatmuseum.

Eine große Menge an Ausstellungsstücken und Themen, die nun entwirrt werden sollte. Das begann mit der Auslagerung des Drahtmuseums in ein eigenes Gebäude und mündete schließlich im Projekt „Burg 2000“, das auf Bereiche verzichtete, die keine regionalen Bezüge hatten. Übrig blieben vier Abteilungen. Und wo stehen sie nun, die Lieblingsstücke der Museumsleitung? In der Burgkapelle, zum Beispiel.

Hier findet sich der ehemalige Taufstein der Hagener Johanniskirche, ein wuchtiges, romanisches Stück von 83 Zentimetern Höhe und 99 Zentimetern Durchmesser. Er entstand im 12., wahrscheinlicher aber im 13. Jahrhundert und ist mit einer schlitzohrigen Geschichte verbunden. Dass der Taufstein 1875 in den Bestand des Burgmuseum-Vorläufers kam, verdanken die Altenaer Albrecht Künne, einem bekannten Silberschmied und Fabrikanten, der auch Kirchensilber fertigte.

Er entdeckte den Tauftstein - zerbrochen - als Beeteinfassung im Pfarrgarten der evangelischen Johanniskirche! Aus der kirchlichlichen Liturgie war das Becken offenbar ausrangiert worden, denn zu jener Zeit liebte man die Gotik - Kirchenausstattung aus anderen Stilepochen wurde oftmals achtlos entfernt. „Das 19. Jahrhundert hat manche Sünden auf sich geladen“, schrieb dazu schon 1960 der frühere Museumsleiter Dr. Wilhelm Quincke.

Von einer dieser Sünden sollte in diesem Fall nun das damalige „Heimatmuseum für das Süderland“ profitieren - der Taufstein wurde 1875 zu einem Exponat der allerersten Stunde.

Der Taufstein zeigt die zwölf Apostel in Bogenarkaden, darüber vorwiegend Engelsbüsten, aber auch zwei kleine Teufel und selbst ein Henker sind im oben umlaufenden „Zwickel“ dargestellt. Es gibt einige Anhaltspunkte dafür, dass dieses Stück vom gleichen Steinmetz gefertigt wurde, der auch den Taufstein für die Kirche St. Johann Baptist in Brechten bei Dortmund schuf. Dieser entstand um das Jahr 1270.

Bemerkenswert ist im Übrigen die Tiefe des eigentlichen Taufbeckens, nämlich etwa 40 Zentimeter. „Die Kinder wurden bei der Taufe mit dem ganzen Körper untergetaucht“, berichtet Bernadette Lange über eine Veränderung im kirchlichen Ritus, der heute deutlich „softer“ ausfällt.

Landrat Thomée, ein leidenschaftlicher Kunstsammler, der schon seit 1907 den Wiederaufbau der Burg vorbereitet hatte, bewies in Sachen Taufstein übrigens zum einen Weitsicht und zum anderen eine gehörige Portion Schlitzohrigkeit! Sollte nämlich jemals von Hagener Seite der Wunsch oder gar die Forderung nach Rückgabe des historischen Stückes gestellt werden, so wollte er dem - im Sinne des Wortes - vorbauen, indem er das gute Stück schlicht und einfach einmauern ließ.

Das belegen Notizen Thomées über den Stein: „Mit viel Kunst und noch mehr Verstand zusammengesetzt“, heißt es da. Und: „... dass der Taufstein so in der Kapelle eingeschlossen ist, dass das Portal zerstört werden müsste, wenn er aus seiner gegenwärtigen Unterbringung herausgebracht werden sollte.“ ▪ Von Thomas Keim

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