Zwei Schüler des Burggymnasiums sprechen

Kinder haben Angst vor den Selbsttests in den Schulen

Gesamtschüler mit ihrem Selbsttest im Klassenraum
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Selbsttests im Klassenraum: Das sehen manche kritisch.

Noch eine Woche Galgenfrist. Mindestens. Wenn die Schulen zum Wechselunterricht zurückkehren, werden alle Kinder und Jugendlichen zu Tests gebeten – wobei es keine Einladung, sondern eine Pflicht wird. Zweimal in der Woche. Viele Kinder haben augenscheinlich Angst davor, 50 Schüler aus NRW, die von ihren Eltern vertreten werden, klagen vor dem Oberverwaltungsgericht dagegen. Zwei Jungs, die das Burggymnasium besuchen, sind bereit, über ihre Sorgen zu sprechen.

Altena/Nachrodt – Max ist elf Jahre alt und besucht die sechste Klasse, Tim ist 14 und geht in die achte Klasse. „Wenn einer aus unserer Klasse positiv ist, werden die anderen mit dem Finger auf ihn zeigen“, ist sich Max sicher. Dass dann andere vom Ergebnis wissen, findet der Elfjährige furchtbar. Ganz offensichtlich herrscht wenig Vertrauen in ein freundschaftliches Miteinander in der Klasse. „Es gibt immer Kinder, die einen nicht mögen. Und für die ist es dann ein gefundenes Fressen“, glaubt der Gymnasiast. Sein älterer Bruder stimmt ihm zu und sagt: „Die anderen werden sich sofort distanzieren, wenn man positiv sein sollte.“ Besonders schlimm würde die Situation für Kinder, die ohnehin nicht so beliebt seien oder wenig Kontakte hätten.

Besser zuhause testen

Dass die Testpflicht eingeführt wurde, um Infektionen entdecken und Infektionsketten durchbrechen zu können, finden die Schüler grundsätzlich gut. „Aber nicht in der Schule. Man sollte das morgens zu Hause machen“, meint Max. Und es wäre ja im eigenen Interesse, den Test auch richtig durchzuführen, „und das Ergebnis abzufotografieren.“

Dem Argument, dass bei einem positiven Fall die Mitschüler irgendwann auch davon erfahren würden, entgegnet Tim: „Dann würde man aber nicht alleine in der Schule stehen. Wer positiv ist, muss in einen anderen Raum und dort warten, bis er abgeholt wird. Isoliert, ausgegrenzt.“ Dann würden die Minuten zu gefühlten Stunden. „Und was passiert dann mit mir? Habe ich vielleicht schon jemanden angesteckt?“

Ansteckung ist keine Schande - theoretisch

Jeder kann sich überall anstecken. Es spielen weder die Herkunft noch das Alter eine Rolle. Das wissen Max und Tim. Und sie finden auch, dass es keine Schande ist, wenn es passieren sollte, dass es niemanden peinlich sein muss. Theoretisch. Praktisch wäre es der Supergau. Sie würden sich als Aussätzige fühlen. Sie würden gemobbt. Das glauben sie ganz fest. Denn schon heute, so erzählt Tim, rufen die Mitschüler schon lautstark „Corona, Corona“ wenn man nur etwas husten muss.

Es ist die Angst vor der Reaktion der anderen, nicht vor dem Test selbst. „Außerdem sind die Tests nicht hundertprozentig sicher“, glaubt Tim. Er selbst wurde einmal getestet – beim Hausarzt. Er hatte leichte Grippesymptome und eine Erkältung, wie sich dann herausstellte. Dass die Tests in der Schule von der Handhabung unangenehm sind, glaubt er nicht, wohl aber, dass damit Schindluder getrieben wird. „Viele haben da kein Bock drauf, gehen sich damit durch die Haare.“

IM BGA ist niemand begeistert

Die Lösung für die Jungs: die Schnelltestzentren in der Burg Holtzbrinck oder in der Lennehalle. „Ich gehe da hin“, sagt Max. Er würde lieber in Kauf nehmen, dass die tiefen Nasentests dort unangenehmer sein könnten als die Selbsttests in der Schule. Tim ist sich noch nicht sicher. Er überlegt noch, es in der Schule auszuprobieren oder abzuwarten, was die anderen sagen.

Begeistert sei niemand im Burggymnasium, berichten die beidden: Als die Tests noch freiwillig waren, hätten sechs von zehn Kinder es nicht gemacht – und Unterstützung von den Eltern gehabt.

Auch die Landeselternkonferenz ist skeptisch

Apropos Eltern: Die Landeselternkonferenz berichtete am 13. April, dass es „enormen Widerstand“ gegen die Corona-Tests an Schulen gebe – und zwar mit Blick auf ihre Handhabung, Datenschutz und Angst vor Bloßstellung, sollte ein Kind vor anderen Mitschülern ein positives Ergebnis erhalten.

Während laut NRW-Schulministerin Gebauer die Testpflicht zielführend und daher auch zumutbar ist, setzt das Land Niedersachsen auf eine Teststrategie zu Hause vor Beginn des Unterrichts. Eltern müssen das negative Testergebnis ihrer Kinder schriftlich bestätigen, Schulen können dort zur Kontrolle auch die Vorlage des benutzten Testkits verlangen.

Die Redaktion hat die Namen der beiden Schüler geändert. Tim und Max heißen nicht Tim und Max. Die Jungen waren bereit für ein Interview, an dem auch die Mutter teilnahm, wollten aber aus Sorge vor Spott und Häme nicht mit Bild und Namen in der Zeitung erscheinen. Nur in begründeten Ausnahmefälle ist die Redaktion bereit, Geschichten zu anonymisieren. Das war hier der Fall.

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