Sekundarschüler besuchen Stolperstein-Route / Projekt gegen Rassismus / Beschimpfungen und Vorteile selbst erlebt

Krass, wenn einer wegen seiner Religion stirbt

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Sekundarschullehrerin Rita Tatargioti, (vorne links) mit einem Teil ihrer Schülerinnen und Schüler sowie Referentin Stefanie Ingenpass. Sie erläuterte den Achtklässlern die zehn Stolpersteine in der zentralen Innenstadt.

Altena - Rassismus sei in der Schule und im Alltag weit verbreitet. Das meinen zumindest 23 junge Leute, die die achte Klasse der Sekundarschule besuchen. Beim Schulprojekt „Schule ohne Rassismus“ gingen sie Donnerstag in der Altenaer Innenstadt auf Spurensuche.

Auf Initiative ihrer Lehrerin Rita Tatargioti folgten sie Stefanie Ingenpass durch die City. Die ging mit den jungen Leuten die zehn in der zentralen Innenstadt verlegten Stolpersteine ab. Sie erinnern bekanntlich an Frauen, Männer und Kinder, die in der Nazizeit aufgrund ihres jüdischen Glaubens verfolgt und teilweise auch ermordet wurden.

„Schon echt krass, wenn einer wegen seiner Religion sterben muss“, kommentierte das sichtlich betroffen Tristian. Er ist einer von acht Migrationskindern in der Klasse, die aus Syrien, Russland, Polen, Bulgarien oder Rumänien kommend die Sekundarschule besuchen und teils auch muslimischen Glaubens sind. „Wenn bei uns in der Klasse irgendjemand den Scherz macht und Etuis vom Tisch nimmt und sie versteckt, heißt es oft, ,das Etui hat bestimmt der Pole. Bei dem zuhause klauen die doch wie die Raben’“, sagt beispielsweise ein polnisch-stämmiger junger Mann.

„Ich reagiere da gar nicht mehr drauf“, sagt er und fügt an „auch meinen Eltern erzähle ich das nicht mehr.“ Liana aus Russland, ein Elternteil kommt ebenfalls aus Polen, kann sich bei solchen Entgleistungen von deutschen Mitschülern aber nicht zurückhalten. Ihr werde oft vorgehalten, „hör’ auf mit Russland. Die wollen doch nur Krieg, kämpfen, töten. Ich beginne sofort zu schreien. Halt doch einfach deine dumme .....“, sagt sie. Weh tue es ihr trotzdem. Und wie reagieren die Kinder, wenn sie selbst nicht betroffen, aber Zeuge von Rassismus sind? „Ich bin schon irgendwie etwas dunkelhäutiger als andere Menschen. Da bemerkt man schon oft merkwürdige Blicke“, sagt Trifon aus Bulgarien.

Und ein Kamerad stupst ihn in die Seite: „Klar mach ich dann was, das geht doch nicht.“ Doch was würde er tun? „Auf jeden Fall eine Bemerkung machen, das geht doch gar nicht“, sagt er und klopft dem Kumpel noch einmal auf die Schulter. Rita Tatargioti, die die Klassenleitung dieser Acht hat, hat selbst Migrationshintergrund. „Ich bin zwar in Deutschland geboren, aber ich habe griechische Wurzeln“, führt sie aus. In ihrer Klasse herrsche ein gutes Klima und Miteinander. Trotz der vielen unterschiedlichen Ethnien und Staaten, aus denen die Kinder kommen. Beim Gang durch die Stadt muss sie ihre Schützlinge durchaus öfter ermahnen, etwa keine Foto-Fingerpose zu zeigen oder die Arme zu recken, wenn der Fotoapparat klickt. „Das ist doch nicht angemessen.

 Denk nach...“ Ansonsten findet sie ihre Klasse schwer in Ordnung: „Meine Schülerinnen und Schülern, die sind schon gut drauf.“ Das Thema Rassismus steht bereits in Klasse sechs in Gesellschaftskunde auf dem Lehrplan, wird auch in der siebten und achten Klasse noch einmal behandelt.

„Wir haben den Krieg durchgenommen“, sagt Trifon aus Bulgarien. Da weiß ich jetzt Bescheid.“ Fadi, der arabischstämmig ist, hakt sich bei Tristian ein und bestätigt. „Ja, über die Verfolgungen im Krieg haben wir schon was gehört. Öfter. Schrecklich. Dass es so etwas gegeben hat...“ Stefanie Ingenpass, die sich den Schülern zu Beginn kurz vorstellte und auch das Anliegen der Stolpersteine am Ort erläuterte, musste immer wieder Fragen beantworten.

Die Schüler, mit Altenaer Einzelschicksalen und Geschichten konfrontiert, nahmen sichtlich Anteil. „Es ist uns wichtig, dass gerade junge Leute so etwas bewusst aufnehmen, sich solchen Dingen stellen“, sagt Ingenpass. Schon in Kürze sollen weitere Stolpersteine in Altena verlegt und ein Film über die NS-Zeit und die Judenverfolgung gezeigt werden. Bei aller Betroffenheit und dem erstmals außerhalb der Schulräumlichkeiten der Sekundarschule auf dem Lehrplan stehenden Projekt gegen Rassismus:

Auch unter den 23 Achtklässlern gibt es krasse Außenseiter-Meinungen. „Kann ich nicht mit ihnen gehen?“, fragte etwa ein Junge nach der fünften Station in der Innenstadt. Er hatte seinen Parka im strömenden Regen ganz hochgezogen. „Ich habe auf diesen ganzen Scheiß echt keinen Bock.“

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