Sechs Jahre Haft für Muhamed I.

ALTENA ▪ Sechs Jahre muss Muhamed I. wegen Totschlags ins Gefängnis. Für das Hagener Schwurgericht ist klar: Der 25-Jährige tötete seinen Vater Chafik Itani vorsätzlich und nicht, wie vom Verteidiger in einem umfassenden Plädoyer beschrieben, aus Notwehr. Der 25-jährige Altenaer war nach der Urteilsverkündung am gestrigen Abend völlig aufgelöst und verstand die Welt nicht mehr. „Das ist unglaublich“, sagte Muhamed I. kopfschüttelnd.

Die Vorsitzende Richterin, Heike Hartmann-Garschagen, erklärte: „Es handelt sich hier um einen sehr seltenen Fall einer Elterntötung.“ Für die Kammer habe der Angeklagte am Abend des 21. Mai den Vater mit einem Messerstich in den Nacken nicht aus Notwehr getötet. Sie rekonstruierte die Geschehnisse, die sie im Wesentlichen auf die Ausführungen des Angeklagten stützte und „in Nuancen“ auf die übrige Beweisausnahme.

Zwischen dem Angeklagten und seinem Vater habe ein lebenslanges Spannungsverhältnis geherrscht. Der Vater habe in Muhameds Ausbildung investiert und als Gegenleistung viel von ihm verlangt. Wenn der Sohn die Erwartungen des Vaters nicht erfüllte, habe dieser ihn für sein „vermeintliches Fehlverhalten“ bestraft. „Immer wieder gab es gegenseitige Provokationen, die vom Vater mit unangemessenen Strafen pariert wurden.“ Die beiden Charaktere, der Vater und der Sohn, seien sich so ähnlich gewesen.

Muhamed konnte sich, wie so oft an den vergangenen Prozesstagen, auch während der Urteilssprechung nicht bremsen, rief immer wieder dazwischen, obwohl er zuvor sein Recht des „letzten Wortes“ rund zwei Stunden lang ausschöpfte. Dieses respektlose Verhalten des Angeklagten regte die Vorsitzende regelrecht auf. „Sie sind jetzt ruhig, Herr Itani! Ruhig!“, sagte sie nicht nur einmal mit der nötigen Schärfe und schlug dabei auch schon mal mit der Hand auf den Tisch.

„Für den Angeklagten bestand keine akute Lebensgefahr. Der Vater hat sich auf ihn gelegt und ihn mit den Händen fixiert“, führte die Richterin aus und wurde wieder von Muhamed unterbrochen: „Nein, er hat mich gewürgt“, schnauzte er und legte demonstrativ seine Hände über Kreuz an den Hals. Heike Hartmann-Garschagen setzte wieder an: Zuvor sei der Vater in einer Notwehrlage gewesen, denn der Angeklagte hatte ihn im Verlauf eines heftigen Streites zu Boden geschlagen. Und wieder unterbrach Muhamed – „er hat mich provoziert“ – so dass es schließlich auch seinem Verteidiger, Professor Dr. Ralf Neuhaus, zu viel wurde: „Ich habe keine Lust mehr, mir das anzuhören.“ Die Richterin platzierte dann zwischen dem Angeklagten und seinem Verteidiger einen Wachtmeister.

Vor Gericht habe der Angeklagte seinen Vater stets als allmächtig und wutentbrannt dargestellt, fuhr die Richterin fort. Die Zeugen aber hatten Chafik Itani zwar als streng, mit einer Neigung zu übermäßigen Strafen beschrieben, den Angeklagten aber als „sturr und schwer von Erziehungsmaßnahmen erreichbar“ bezeichnet. Dies kombiniert mit der vom Sachverständigen attestierten narzisstischen und paranoiden Persönlichkeitsstörung hätten schließlich zur vorsätzlichen Tötung des Vaters geführt. Auch Indizien sprächen dafür. Beispielsweise, dass der Angeklagte nach der Tat in den Libanon reiste und dort froh und entspannt auftrat.

Zugunsten des Angeklagten hätten sich sein Geständnis und seine Vergangenheit, das Aufwachsen ohne die leibliche Mutter bei den Großeltern und später bei der Stiefmutter mit vielen Ortswechseln, ausgewirkt. Sechs Jahre Haft seien „tat- und schuldangemessen“, so die Richterin abschließend.

Die leibliche Mutter, die Schwestern und der Bruder des Angeklagten reagierten mit großer Bestürzung auf das Urteil, brachen teilweise in Tränen aus. Verteidiger Neuhaus kündige an, gegen das Urteil Revision einzulegen – vertreten will er Muhamed I. aber nicht mehr. ▪ Von Ilka Kremer

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