Start des Präsenzunterrichts

„Endlich wieder normal lernen“: Zwei Familien über die harte Corona-Schulzeit

Greta (8) und Hannes (4) Brüninghaus aus Altena
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Greta (8) und Hannes (4) Brüninghaus aus Altena. Jetzt muss Greta nur noch die Hausaufgaben am Wohnzimmertisch machen.

Zwei Familien, zwei Geschichten und ein Schicksal: Die Familien Brüninghaus und Beil kämpften sich fast ein Jahr lang durch Homeschooling, Wechselunterricht und Homeoffice. Nun gehen die Kinder wieder normal in die Schule. Bei ihnen ist die Freude riesig, die Mütter sind geteilter Meinung.

Altena – „Nun muss ich wieder drei Butterbrot-Dosen jeden Morgen füllen“, sagt Kyra Brüninghaus. „Das ist total ungewohnt.“ Seit Montag geht ihre Tochter Greta (8) wieder täglich in die Schule, Sohn Hannes (4) in den Kindergarten und sie selbst ins Büro. Ein völlig anderer Alltag, als ihn die vierköpfige Familie aus dem Mühlendorf monatelang zwischen Notbetreuung, Homeschooling, Wechselunterricht und Homeoffice lebte.

„Ich find’s cool, dass wieder ganz normal Schule ist“, sagt Greta. „Endlich wieder normal lernen und zwei Stunden Kunst.“ Das ist das Lieblingsfach der Achtjährigen, die die zweite Klasse der Grundschule im Mühlendorf besucht. Kunst lässt sich schwer am Küchentisch lernen. Besonders vermisst hat sie ihre beste Freundin Emilia, die zwar dieselbe Klasse besucht, aber in den vergangenen Monaten in einer anderen Gruppe lernte.

„Man hat einfach funktioniert“

Die Klassen wurden zum Schutz vor Corona geteilt. Kein gemeinsames Lernen und Spielen auf dem Schulhof. Letzterer ist zwar im Mühlendorf immer noch unterteilt, damit sich die Kinder nicht zu nahe kommen. Aber sie sehen sich, können toben und zusammen lachen. Das findet Greta viel besser als das Lernen nach Wochenplan am Wohnzimmertisch.

Dort hat auch Mutter Tanja Brüninghaus ihr Büro eingerichtet. Vom Halbtags-Job bei der Brüninghaus & Söhne GmbH ging es vor Monaten ins Homeoffice. Arbeit, Kinderbetreuung, Lernbegleitung. „Man hat einfach funktioniert“, sagt die 34-Jährige. Ihr Mann Markus Becker-Brüninghaus ist beruflich unter der Woche viel unterwegs. „Es war schon eine Belastung.“

Präsenzunterricht kurz vor den Sommerferien: „Muss das mit aller Gewalt sein“?

Eine, die die Familie aber gut meisterte. „Wann hat man schon mal so viel Zeit mit den Kindern?“, fragt Tanja Brüninghaus und erkennt auch Vorteile in den Folgen der Corona-Pandemie. Sie ist froh, dass es ihr möglich war, ihre Kinder selbst zu betreuen. „Sonst hätte ich sie in die Notbetreuung bringen müssen und dabei hätte ich kein gutes Gefühl gehabt“, sagt die zweifache Mutter mit Blick auf die Infektionsgefahr. Und nun fragt sie sich, ob die Rückkehr zum Präsenzunterricht wenige Wochen vor den Sommerferien „mit aller Gewalt unbedingt sein musste“.

Die Familie Beil aus Altena mit (vl.) Andreas, Elias (11), Jan (13) und Tanja hat eine harte Zeit hinter sich.

Mit einem deutlichen Ja würde Tanja Beil diese Frage beantworten. Auch sie lebt mit ihrem Mann Andreas (46) und ihren beiden Söhnen Jan (13) und Elias (11) im Mühlendorf. Die 44-Jährige ist sehr erleichtert, dass ihre Jungs wieder täglich in die Schule gehen. „Ich finde es wichtig, dass sie zurück in die Normalität finden. Sie brauchen das.“

Elias (11) fehlen Bezugspersonen in der Schule

Vor allem für den körperlich und geistig behinderten Elias sind Routinen, die sich täglich wiederholen, enorm wichtig. Er besucht die Felsenmeer-Förderschule in Hemer. Dann kam die Pandemie und er musste plötzlich zuhause bleiben. Ohne es wirklich zu verstehen. Ohne den Kontakt zu Mitschülern und Lehrern, unter denen es für ihn wichtige Bezugspersonen gibt. In Online-Meetings haben sich Eltern, Kinder und Lehrer der Förderschule am Laptop getroffen, in Zoom-Konferenzen erzählt, wie es ihnen geht.

Kompensiert hat Tanja Beil, die für wenige Stunden in der Woche als Inklusionskraft an der Grundschule im Mühlendorf arbeitet, den Wegfall des Unterrichts für Elias mit Puzzeln und Spielen zuhause. Das war möglich, weil die „Nähhexe aus Altena“ viel zuhause arbeitet. Von den Lehrern der Förderschule fühlte sich die Familie bestens betreut. „Alle haben sich sehr bemüht und eingesetzt“, lobt Tanja Beil.

„Kinder in der Pandemie vergessen“

Trotzdem hat sie das Gefühl, dass „die Kinder in der Pandemie vergessen wurden“. Während Flugreisen wieder möglich wurden, blieben die Schüler im Wechselunterricht. Eine fragliche Priorisierung, findet die Mutter. Und es stört sie, dass die Schule in Diskussionen immer wieder als Ort großer Infektionsgefahr genannt wird. „Die Kinder werden als Schuldige dargestellt.“

Jan nickt bekräftigend. Auch der 13-Jährige hat schon befremdliche Blicke geerntet, wenn er mit Klassenkameraden am Burggymnasium zusammenstand. „Wir werden derzeit zweimal, bald sogar dreimal pro Woche getestet. Bei uns in der Klasse gab es keinen einzigen positiven Befund“, erzählt der 13-Jährige. Er ist heilfroh, endlich wieder täglich im BGA zu lernen.

Eine Klasse zurückgestuft

Wenn auch in einer völlig neuen Klasse. Er wurde von der achten in die siebte Klasse zurückgestuft. „Ich war nie einer der besten Schüler“, gibt er unumwunden zu. „Aber auch kein besonders schlechter.“ Corona hat ihm das Lernen erheblich erschwert. Von 8 bis teilweise 15.30 Uhr saß er beim Online-Unterricht vor dem PC. „Das war schwierig, man wird oft abgelenkt.“ Die Ruhe fehlte.

Und auch die Technik lief nicht immer rund, wenn sich zig Schüler plus Lehrer virtuell trafen. „Mal gab es Probleme mit dem Mikro, dann mit der Kamera, sodass man nicht immer folgen konnte“, erzählt Jan. Hinzu kam eine Flut an Nachrichten per Smartphone. „Wenn ich mal zwei oder drei Stunden nicht aufs Handy geguckt habe, waren da manchmal bis zu 300 neue Nachrichten“. Die Jugendlichen kommunizierten in Whatsapp-Gruppen.

Das ist nun nicht mehr nötig. Die Zahl der Nachrichten, die auf dem Smartphone aufploppen, geht deutlich zurück. „In der Schule ist man viel besser eingebunden“, meint Jan. In den Unterricht, in den Klassenverband, in den Freundeskreis. All das haben Elias, Jan und Greta fast ein Jahr lang schmerzlich vermisst. Alle Neuigkeiten rund um die Corona-Pandemie im MK lesen Sie in unserem News-Blog

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