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Spaß statt Scham beim Skifahren in Südtirol

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Von: Volker Heyn

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Die nächtliche Fahrt mit der Pistenraupe gehört zur Skifahrt des Burggymnasiums unbedingt dazu.
Die nächtliche Fahrt mit der Pistenraupe gehört zur Skifahrt des Burggymnasiums unbedingt dazu. © KREMER

Zwei ganze Jahrgangsstufen und mehr als ein Dutzend Lehrkräfte sind unversehrt von der normalerweise jährlichen Skifahrt des Burggymnasiums nach Jochgrimm in Südtirol zurück. Wegen der Corona-Pause waren vor gut zwei Wochen insgesamt 166 Jungen und Mädchen mit 15 Lehrkräften nach Italien gefahren, so viele wie noch nie. Aus Kosten- und Energiespargründen war die Fahrt bereits von acht auf sechs Tage reduziert worden. Schulleitung, Lehrkräfte und Schüler sprechen trotz ganz vereinzelter Eltern-Kritik von einem Erfolg in jeder Hinsicht.

Altena – So genannte Ski-Scham – also das persönliche Dilemma bei der Frage, ob an sich positives Skifahren angesichts des Klimawandels samt Gletscherschmelze und Energiekrise mit Blick auf Beschneiungsanlagen und Landschaftszerstörung überhaupt noch vertretbar ist – sei während der Klassenfahrt von niemandem empfunden worden. Im Vorfeld habe es Anfragen von Eltern gegeben, berichtete Schulleiter Dennis Knebel, ob angesichts der steigenden Preise ein solche Skifahrt noch zielführend sei. Die Schule begründet die Fahrt aber überzeugend mit einem ganzen Paket voller positiver Effekte für die Schüler und lässt keinen Zweifel daran, sich mit dem Thema Umweltschutz in Bezug auf die Skifahrt auseinandergesetzt zu haben.

Roland Kremer gehört mit Katharina Wall zum Projektteam der Skifahrt, beide unterrichten das Fach Sport. Kremer ist zudem Erdkunde-Lehrer: „Ich spreche im Unterricht auch über den ökologischen Fußabdruck, da sind wir alle im Thema.“ Fakt sei, dass der Mensch durch seine Existenz alles um ihn herum kaputt mache. Von daher gelte es zumindest, den ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Die 181 vom BGA seien alle mit dem Bus gefahren, aufgrund der guten Schneelage in Jochgrimm seien dort kaum Pisten künstlich beschneit worden. Ressourcenschonend sei auch die Ausrüstung: Skischuhe und Ski werden in Jochgrimm geliehen, Kleidung zum Skifahren kann über Gebrauchtbörsen günstig gekauft oder von privat ausgeliehen werden. Elternhäuser, die die Kosten für Jochgrimm nicht aufbringen können, werden unauffällig durch den Förderverein unterstützt. Niemand solle aus finanziellen Gründen ausgeschlossen werden, an dieser die Gemeinschaft fördernden Fahrt teilzunehmen.

Das extreme Weitwinkelobjektiv einer Drohnen- oder Helmkamera erlaubt interessante Blickwinkel auf Schüler, Pisten und Berge.
Das extreme Weitwinkelobjektiv einer Drohnen- oder Helmkamera erlaubt interessante Blickwinkel auf Schüler, Pisten und Berge. © Kremer

Die BGA-Klassenfahrt in der 5. Klasse führt an die Nordsee, in der 8. Klasse geht es seit Jahrzehnten nach Jochgrimm in die Alpen. Das Erleben dieser Landschaften sei enorm wichtig für die Jungen und Mädchen, das physische Erfahren von Natur prägend. Sport- und Erdkunde-Lehrer Kremer vertritt noch einen weiteren Standpunkt: „Nutzt die Gelegenheit jetzt, in vielleicht zwanzig Jahren gibt es hierzulande gar keinen Schnee mehr.“

Schulleiter Knebel spricht von einem riesigen pädagogischen Mehrwert. Die Jugend-Berghotels in Jochgrimm sind Familienbetrieb und liegen in einem sehr überschaubaren Skigebiet. Das Tal ist weit entfernt und damit die Möglichkeit, sich aus der Gruppe davonzumachen und vielleicht Alkohol zu besorgen. Alle Schülerinnen und Schüler sind in der Pflicht, miteinander auszukommen. Christopher Ritz und Inka Rulf aus der 9c strahlen immer noch übers ganze Gesicht, wenn sie von Jochgrimm erzählen. Der 15-Jährige und die 14-Jährige fahren begeistert und gut Ski, mit den Eltern waren sie oft genug auf Pisten. Inka spricht von einem hohen Erlebnisfaktor, die Reise nach Italien, in ein anderes Land, sei schon aufregend und interessant für viele. Aber nicht nur das Skifahren sei klasse, sondern die Gemeinschaft und das gegenseitige Kennenlernen mache viel Spaß. Außerdem gebe es jeden Abend noch ein Programm inklusive einer selbst veranstalteten Disco. Die Fackelfahrt in der Dunkelheit sei ein Riesen-Erlebnis gewesen.

Genug Schnee, blauer Himmel, ein paar Wölkchen – bei solchen Verhältnissen wird Skifahren zum unvergesslichen Natur-Erlebnis. Die 166 Jugendlichen vom Burggymnasium hatten mehrheitlich Spaß bei der jährlichen Skifahrt nach Jochgrimm in Südtirol.
Genug Schnee, blauer Himmel, ein paar Wölkchen – bei solchen Verhältnissen wird Skifahren zum unvergesslichen Natur-Erlebnis. Die 166 Jugendlichen vom Burggymnasium hatten mehrheitlich Spaß bei der jährlichen Skifahrt nach Jochgrimm in Südtirol. © KREMER

Sportlehrerin Katharina Wall, die zudem Pädagogik unterrichtet, sieht mit der Skifahrt auch Anforderungen des Lehrplanes erfüllt. „Gleiten, fahren, rollen“ sei eine von sechs pädagogischen Perspektiven, das werde mit der Skifahrt bestens vermittelt.

Sechs Tage Jochgrimm mit Vollverpflegung und Busfahrt haben dieses Jahr 411 Euro gekostet. Das sei insofern sehr günstig, als dass die Piste in Jochgrimm direkt vor der Tür liegt und das keine Busfahrt ins Skigebiet nötig ist. Auch das sei ein Teil des Nachhaltigkeitsgedankens.

Inka und Christopher hatten auch vom Gerücht gehört, die italienischen Essens-portionen seien klein und man bekomme in Jochgrimm nicht genug: „Das stimmt nicht. Einen vollen Bauch hatten wir auf jeden Fall.“

Die Passhöhe Jochgrimm

Die Passhöhe Jochgrimm (1989 Meter) befindet sich auf dem Gebiet der Gemeinde Aldein in Südtirol. Nördlich liegt das Weißhorn (2317 Meter), südlich das Schwarzhorn (2439 Meter). Für den öffentlichen Kfz-Verkehr ist Jochgrimm lediglich von der Nachbarprovinz Trentino aus erreichbar. Vom östlich gelegenen Lavazèjoch (1808 Meter) führt die asphaltierte, knapp zweispurig ausgebaute Passstraße zum Skigebiet Jochgrimm / Oclini auf der Passhöhe.

In Absprache mit dem Jobcenter war es auch möglich, 20 ukrainische Kinder aus den Sprachförderklassen mitzunehmen. Auch das habe zu Miteinander, zu Integration und besserem Verstehen geführt. In Fragebogen war nach der Zufriedenheit mit der Fahrt gefragt worden, es habe überwiegend positive Rückmeldungen gegeben, berichtete der Schulleiter.

14 Paar eigene Ski gingen mit auf die Reise, alle anderen liehen sich moderne Carving-Ski für 40 Euro die Woche aus, das sei sehr günstig von Skipasspreisen von 65 Euro pro Tag anderswo.

Snowboardfahren ist übrigens nicht mehr erlaubt wegen des hohen Verletzungsrisikos bei Ungeübten. In wenigen Tagen könne fast jeder lernen, so Sportlehrer Kremer, mit Freude auf Skiern die Piste herunterzufahren. Skilehrer werden aus den Reihen des BGA gestellt, in diesem Jahr waren auch noch Ex-Schulleiter Hans-Ulrich Holtkemper, der ehemalige stellvertretende Schulleiter Stefan Rohde und einer der Väter der Jochgrimm-Fahrt, der schon pensionierte Werner Reiling, mit nach Italien gefahren.

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