Schreck in der Morgenstunde

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Restaurator Holger Lüders mit einem japanischen Notenheft aus dem Jahr 1877. Es gehörte einem Altenaer Lehrer namens Lambarti. ▪

ALTENA ▪ Durch einen Wasserschaden ist das Grafik-Depot der Burgmuseen schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie genau die Überflutung verursacht wurde, ist noch nicht in allen Einzelheiten geklärt. Sie dürfte aber in Zusammenhang stehen mit Umbauarbeiten in einem Kindergarten im gleichen Gebäude.

Gute eineinhalb Stunden, so die Rekonstruktion der folgenreichen Panne, rieselte und strömte am Mittwochmorgen Wasser aus einer versehentlich angebohrten Heizungsleitung im Raum über dem Grafikdepot auf die Kunstgegenstände. Zwar sind die in speziellen Archivschränken recht geschützt aufbewahrt, aber das Wasser suchte sich seinen Weg auch in diese Schränke und Schubladen hinein.

Ganz genau weiß Burgrestaurator Wolfgang Lüders nicht, wie viele Stücke im Archiv lagern. „Einige Tausend sind es“. Wie viele davon jetzt durch Feuchtigkeit bedroht oder gar unrettbar beschädtigt sind, muss sich nach und nach zeigen. Ein auf Papier spezialisierter Restaurator wird sich ab der kommenden Woche jedes Blatt des Archivbestandes einzeln ansehen müssen. Eine Fleißarbeit wird das. Und es scheint klar, dass auf die Versicherung des Verursachers eine üppige Rechnung zukommt.

Der Kellerraum am Ort des Unfalls: Ein Hygrometer zeigt am Donnerstagmittag eine Luftfeuchtigkeit von 66 Prozent an – noch immer viel zu hoch, aber die Trocknung soll langsam und schonend von statten gehen. „Wir hatten am Mittwoch 80 Prozent“, berichtet Wolfgang Lüders über die ersten Stunden nach dem Wassereinbruch.

Da war in erster Linie schnelles Handeln gefragt, mussten die historischen Dokumente – geschätzt auf einen Gesamtwert von über 100 000 Euro – vor dem Wasser in Sicherheit gebracht werden und eine vorsichtige Trocknung eingeleitet werden. Das sei vergleichbar mit einem medizinischen Notfall wie einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt, meint Restaurator Wolfgang Lüders. „Die ersten Stunden sind entscheidend.“ Besonders kritisch sind Dokumente, die mit Tinte oder Tusche gefertigt sind. „Das blutet aus“, beschreibt Restaurator Lüders das Problem.

Also fackelte das Burgmuseum nicht lange, sondern rief ein Team von kundigen „Notärzten“ herbei: Vier Papier-Restauratoren aus Köln, die schon mit der Aufarbeitung der Schäden im dortigen Stadtarchiv befasst waren. „Die haben alles stehen und liegen lassen und waren eineinhalb Stunden später hier.“

Sofort begann das große Räumen und Retten. Elf Helfer packten an, räumten den Archivraum aus, brachten die Dokumente in benachbarte Räume und selbst bis ins Drahtmuseum, um sie ausbreiten zu können und mit der Trocknung zu beginnen,

Unter den Dokumenten befinden sich zum Beispiel auch Originalpläne zum Wiederaufbau der Burg ab 1907, gezeichnet vom Architekten Georg Frentzen.

Bei allem Schrecken über den Wasserschaden macht Museumsleiter Stefan Sensen darauf aufmerksam, dass man letztlich noch Glück im Unglück gehabt habe: „Stellen Sie sich mal vor, dass wäre am Freitagnachmittag passiert.“ ▪ Von Thomas Keim

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