Schlamm in Kugeln: So einzigartig wird Altenas Kläranlage

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Die Kläranlage wird saniert.

Altena - Der Ruhrverband will die Kläranlage am Pragpaul  im großen Stil umbauen.  Altenas Abwasser wird dann mit einem Verfahren geklärt, das bislang deutschlandweit einzigartig ist.

Sie ist zu groß, sie ist zu alt: Als die Kläranlage zwischen Bahngleis und Lenne 1984 eingeweiht wurde, war sie für 54 000 Einwohner ausgelegt. Gut 30 Jahre später ist die Technik in die Jahre gekommen. 

Vor allem die Steuerung macht Probleme: „Viele Bauteile sind nicht mehr erhältlich“, sagt Harro Harro Feckler, Leiter des Regionalbereichs Süd, zu dem Altena gehört. Er vergleicht die Anlage mit einem Oldtimer: „Den kann man weiter fahren. Das muss man aber wollen, und das kostet aber Zeit und Geld.“ 

Hier fängt alles an: Harro Feckler (r.), Leiter des Regionalbereichs Süd, und Mitarbeiter Frank Weising an der Schnecke, die das Abwasser zum Rechen befördert.

Wirtschaftlich sinnvoller sei da allemal eine grundlegende Sanierung, die in Teilen einem Neubau gleichkommt. Bei dem setzt der Ruhrverband sich deutlich kleiner: Schon in den 1990-er Jahren gab es einen Rückbau auf eine Größe für 35 000 Einwohner, die neue Anlage wird für 20 000 ausgelegt. 

Die Maßnahme in Altena ist nicht ganz so einfach. Immerhin gibt es den berühmten Stand der Technik – und das bedeutet auch, dass ein zweites Nachklärbecken gebaut werden müsste. „Dafür haben wir aber keinen Platz“, erklärt Feckler. 

Deswegen wurde zunächst überlegt, die Anlage aufzugeben und Altenas Abwasser durch einen Kanal zu Letmather Kläranlage zu führen. „Das wäre aber teurer als das, was wir jetzt vorhaben.“ 

Kugeln statt Flocken

Zentrales Thema in jeder Kläranlage ist der Schlamm. Der muss so weit wie möglich raus aus dem Abwasser, was bisher im kreisrunden Nachklärer ganz am Ende der Anlage passiert. Dort werden die so genannten Bakterienflocken aus dem Wasser gezogen. 

Beim Nereda-Verfahren entsteht anderer Schlamm – solcher, der sich von selbst am Boden des Beckens absetzt. Das habe mit seiner Struktur zu tun, erklärt Freckler. Wo es jetzt Flocken gibt, gibt es nach der Sanierung eine Art Kugeln. „Die sind schwerer“, erklärt der Fachmann. 

Schlamm im Glas: Kugeln (links) bleiben künftig über, derzeit sind es Flocken.

Entwickelt wurde das Verfahren an der Uni Delft, seit etwa einem Jahrzehnt hat es sich in den Niederlanden und in anderen Ländern bereits in der Praxis bewährt. „Das funktioniert“, sagt der Regionalleiter überzeugt. 

"Neues Kapitel deutscher Abwassergeschichte"

In Deutschland wird die Kläranlage Altena die erste sein, in der das Abwasser nach diesem Verfahren geklärt wird. „Hier schreiben wir ein neues Kapitel deutscher Abwassergeschichte“, schwärmt Feckler. Planungsrechtlich wird die Anlage als Versuchsanlage behandelt. Der Ruhrverband hofft auf Fördergelder und rechnet damit, dass sich die Fachwelt zukünftig öfter in der Burgstadt umschauen wird. 

Los geht es möglichst noch in diesem Jahr mit dem Abbruch des ersten von zwei Faultürmen. Der zweite und auch das Betriebsgebäude werden später folgen. Der bei der Klärung anfallende Schlamm – etwa zwei Tankwagen pro Tag – soll nach Abschluss der Sanierung nach Letmathe gebracht und dort behandelt werden. 

Die Türme werden abgerissen.

Ein neues Betriebsgebäude wird es nicht geben: Der Ruhrverband setze zunehmend auf Digitalisierung, die Kläranlage Altena werde von einer anderen betreut und gesteuert und nicht mehr acht Stunden am Tag mit mehreren Mitarbeitern besetzt sein, berichtet Feckler. 

Wenn der erste Faulturm gefallen ist, wird nahe am Leneufer mit dem Bau von drei Becken begonnen. Jedes fasst 1705 Kubikmeter Abwasser und ist über sieben Meter tief. Die Becken, in denen das Abwasser heute behandelt wird, bringen es gerade mal auf etwas über drei Meter. Es wird also mächtig gebaut. 

Zufahrt macht Probleme

Als Problem erweist sich aber die Zufahrt zur Kläranlage. Die erfolgt durch eine Eisenbahnunterführung, die nicht allzu groß ist. „Wir werden wahrscheinlich schon Probleme haben, den Bagger für den Abbruch auf die Baustelle zu bringen“ meint Feckler, der in dieser Sache auf das Knowhow der beauftragten Unternehmen setzt. 

Wer am Pragpaul bauen wird, ist noch offen. Die Ausschreibung wird gerade vorbereitet, auch der Ruhrverband muss europaweit ausschreiben. Was die Maßnahme kosten wird, könne er erst nach Abschluss der Ausschreibung sagen, sagt Feckler beim Ortstermin auf der Anlage. 

Bei der Sanierung werden noch viele weitere Dinge optimiert. Der Kanal, durch den das Abwasser zum Pragpaul fließt, liegt ziemlich tief. Das Wasser muss zunächst angehoben werden. Das geschieht mit Hilfe von Förderschnecken, die überholt werden. Dann geht es durch einen Rechen, der Feststoffe wie Steine, Klopapier und derlei mehr zurückhalten soll. Die einzelnen Stäbe des Rechens haben heute einen Abstand von 20 Millimetern, nach dem Umbau werden es sechs sein. Im dann folgenden Sandfang ist der Beton zwar noch in Ordnung, alle anderen Bauteile hingegen sind verschlissen und müssen erneuert werden.

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