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„Sah sich in einer grandiosen und mächtigen Rolle“: Krudes Weltbild von Polizeiauto-Brandstifter

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Zwei Polizeiautos brannten Ende Juli 2021 in der Tiefgarage unter der Polizeiwache in Altena.
Zwei Polizeiautos brannten Ende Juli 2021 in der Tiefgarage unter der Polizeiwache in Altena. © Schäfer, Lars

Der 30-jährige Angeklagte hat sich nach seinen Brandanschlägen auf drei Polizeifahrzeuge an der Wache in Altena immer wieder von seinen Taten distanziert: Er habe Menschen in den Wohnungen über der Tiefgarage in Gefahr gebracht, erkannte er. Die Steuerzahler müssten die zerstörten Polizeifahrzeuge ersetzen und überhaupt sei die ganze Aktion „ziemlich“ bis „total dumm“ gewesen – ein Handeln aus einem Wahn heraus. Damit lag er sicherlich nicht ganz falsch.

Altena/Hagen – Für die Beurteilung seiner Tat und die Entscheidung, was mit dem Angeklagten passieren soll, ist dennoch ein Rückblick auf seine Geistesverfassung zum Zeitpunkt der Taten unverzichtbar. Und so mussten im Landgericht Hagen erneut zahlreiche Zeugen vom kruden Weltbild des psychiatrisch noch unbehandelten 30-Jährigen zum Zeitpunkt der Taten berichten. Seine Äußerungen wirkten dabei häufig wirr. Viele Motive stammten aber auch aus jenen kruden Verschwörungsfantasien, die sich im Laufe der Corona-Maßnahmen auch in anderen desorientierten Köpfen entwickelt haben. Der Altenaer vermengte sie mit rechten Phantasien einer Machtübernahme nach dem bevorstehenden Absterben des Staates. „Er hat uns erklärt, wie der deutsche Staat zugrunde gehen wird“, erinnerte sich eine Polizistin. Auch eine Theorie über ein neues goldenes Zeitalter auf der Grundlage von Ideen über eine neue politische Ordnung habe er entfaltet. In seinen Machtphantasien sah er sich selber in einer grandiosen und mächtigen Rolle. Er werde „in den Krieg ziehen und am Ende als Held dastehen“, erinnerte sich eine weitere Polizeibeamtin. Sie hatte seine verwahrloste Wohnung durchsucht und dort Ausgangsstoffe gefunden, die möglicherweise zur Herstellung von Amphetamin genutzt werden können. Interessanter war ein handschriftlich abgefasstes politisches Manifest, dessen Thesen vergleichsweise ordentlich unter fortlaufenden Paragrafen abgefasst waren.

In den Vernehmungen breitete der 30-Jährige auch das Szenario einer angeblichen Bedrohung aus. Er habe behauptet, „dass wir alle sterben werden aufgrund des Corona-Impfstoffs“. Das mögen wirre Aussagen sein. Aber der Angeklagte ist damit nicht so alleine, wie viele andere Menschen, die an merkwürdige Dinge glauben.

Die Zeugen berichteten aber auch von ganz handfesten Bedrohungen auf der Polizeiwache. „Blöd gesagt: Als er mich gesehen hat, ist er ausgerastet“ erinnerte sich eine Polizeibeamtin und mit ihr mehrere Kollegen an brutale sexistische Beleidigungen und handfeste Bedrohungen für Leib und Leben.

Auch ein Nachbar erinnerte sich an den Angeklagten: „Wenn er da war, war er ein ruhiger Mensch.“ Der Nachbar hätte argwöhnisch werden können, weil er in Textnachrichten auch etwas über das Anzünden von Autos las. „Er hat mir etwas geschrieben, aber ich habe das nicht für voll genommen.“ Der Zeuge wusste noch ungefähr, was in diesen Nachrichten stand: Der Angeklagte entwickelte den größenwahnsinnigen Plan, die Befehlsgewalt über Bundeswehr und Polizei zu erlangen und „ein Vierhundertausend-Männer-Heer unter meinem Befehl“ zu bekommen. „Morgen gehe ich auf’s Bullenrevier und erkläre der BRD den Krieg“, soll er angekündigt haben.

Termin

Der Prozess wird am Mittwoch, 25. Mai, fortgesetzt.

Der Fall

Der Angeklagte hatte bereits in einem ersten Prozess vor dem Altenaer Amtsgericht gestanden, im Juli 2021 zwei Polizeifahrzeuge in Altena in Brand gesetzt zu haben. Weil die Staatsanwaltschaft von einer Schuldunfähigkeit des 30-Jährigen ausgeht, muss nun das Landgericht über die Unterbringungsfrage entscheiden. Eine Drogenentzugsklinik oder ein geschlossenes psychiatrisches Krankenhaus sind die Optionen.

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