Heinz Mührmann (85): „Der 1. Mai ist kein Feier- oder freier sondern ein Kampftag!“

„Rote Nelken gehören dazu!“

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Foto-Collage von Heinz Mührmann: Zu sehen unter anderem Günter Wallraff, Frank Neuhaus, IG-Metall-Bevollmächtigter Peter Kürschner und viele Weg- und Kampfgefährten.

Altena - Seit 1952 ist der Altenaer Heinz Mührmann Mitglied der Gewerkschaft IG Metall. „Alles, alles, alles rund um die Arbeitswelt interessiert mich noch immer“, sagt der 85-Jährige heute. Er hat bis zur Rente bei Thyssen Draht in der Nette als Drahtprüfer gearbeitet. Die Firma gibt es nicht mehr. Aber Erinnerungen...

Mührmann hat Fahnen geschwungen, Lieder gesungen, sie zuvor oft maßgeschneidert auf den Anlass getextet und eigens komponiert. Jahrelang war der Mundharmoniker-Spieler Vorsitzender des Betriebsrates bei Thyssen und hat „für die Rechte der Arbeitnehmerschaft gekämpft.“ Und als er das erzählt, scheinen seine wachen Augen irgendwie zu blitzen. Zwei, drei Handgriffe und Aktenordner liegen auf dem Tisch. Inhalt: Erinnerungen an Mai-Kundgebungen, an Tarifauseinandersetzungen, an Streiks, an Weggefährten...

Eines der "Kampflieder" zum 1. Mai aus der Feder von Heinz Mührmann.

Große Namen tauchen beim zufälligen Blättern auf. Franz Steinkühler etwa, einmal Chef der mächtigen IG Metall. Aber auch Günter Wallraff, Investigations-Journalist, Musiker Frank Neuhaus + oder IG-Metall-Bevollmächtigter Peter Kürschner und selbst Kanzler Willy Brandt, um nur einige zu nennen. „Noch vor zehn Jahren gab es in Lüdenscheid, Iserlohn, Altena und Werdohl eigene Maikundgebungen. Aus, vorbei!“, sagt Mührmann resignierend. „Heute leben wir in einem Land, wo es nur noch hin und wieder Streiks gibt. Aber Angst davor hat kein wirklicher Gewerkschaftler“, sagt er. Rote Nelken gehörten bei seinen Kundgebungs-Teilnahmen „stets ans Revers.“ Denn: „Der 1. Mai ist kein Feiertag. Kein freier Tag. Der 1. Mai ist ein Kampftag!“, sagt der agile Evingser und seine Augen strahlen. Heute ist der „Tag der Arbeit“ für ihn aber auch ein Tag der Besinnung und des Rückblicks. Zum Beispiel auf die 40, dann 35-Stunden-Woche. Auf Mindestlohn, mehr Freizeit- und Urlaub. Auf den Acht-Stunden-Tag.“ Mührmann bereut keine Sekunde, „mein Leben lang Flagge gezeigt zu haben. Das war gut.

Bürgermeister Günter Topmann (5.v.l.) mit Gewerkschaftern im Innenhof der Burg bei einer Mai-Veranstaltung in den 1980er Jahren.

Die Arbeitgeber sollen wissen, dass wir Gewerkschafter fest zusammenstehen. Das wird immer so sein.“ Gewerkschaft - Arbeitgeber? Immer auf Krawall gebürstet? Peter Wilm Schmidt, Geschäftsführender Gesellschafter des Traditionsdrahtwerkes Fr. und H. Lüling, Altena, sieht das nicht so. „Wir setzen bei uns auf Dialog. Nicht kämpfen, gemeinsam gestalten, auch und mit dem Betriebsrat, bringt Arbeitnehmer und Arbeitgeber in unserem Haus nach vorn.“ Mührmann hat sich noch einmal einen seiner alten Aktenordner gegriffen. „Hier“, sagt er: „Hier steht es schwarz auf weiß: 1946 fand in Altena die erste Maikundgebung nach dem Zweiten Weltkrieg statt. ,Globalisierung gerecht gestalten’ war das Thema. Ich finde, die Zeiten gleichen sich, auch wenn wir heute nach Lüdenscheid fahren müssen. Hoffentlich kommen viele. Wir müssen Flagge zeigen. Immer weiter!“

Blick ins Stadt- und Kreisarchiv

Polizei löst "gemeinsamen Ausflug auf"

Die Archivare Monika (Stadt Altena) und Ulrich Biroth (Märkischer Kreis) verfügen über einiges Material zum „Tag der Arbeit.“ Doch lückenlos lässt sich für das Ehepaar dieser Tag in der Region und speziell in Altena über die Jahrzehnte nicht nachvollziehen. Zum einen liegt das an nicht überlieferten Dokumenten oder Fotos, zum anderen aber auch daran, dass die „neutralen Gewerkschaften“ häufig zusammen mit den Sozialisten oder der damaligen SPD ihren besonderen Tag begangen haben.

Kreisarchiv Ulrich Biroth

Natürlich hat Ulrich Biroth schon einiges zum Tag der Arbeit publiziert, gesammelt und ausgewertet. „Aber es gibt große Lücken zwischen den 1910er Jahren bis zum Beginn der Nazi-Zeit.“ Auch nach dem Zweiten Weltkrieg und in jüngerer Zeit fehle so einiges. „Leider“, wie der Archivar einräumt. Gleichwohl verfügt er über einige Fotos von Altenaer Werktätigen, die sich mit ihrer damaligen Firma im Dritten Reich zum 1. Mai ablichten lassen mussten. Oder über Zeitungsartikel aus dem AK, wie den aus dem Mai des Jahres 1901. Damals gab es den Aufruf zu einem „gemeinsamen Ausflug“ nach Wiblingwerde. Weil dort aber politisch gesprochen wurde und Frauen sowie Kinder anwesend waren, löste die Polizei die Zusammenkunft auf. Selbst vor Gericht unterlag später die „Kreis-Gewerkschafts-Commission“ für Altena-Iserlohn. Der Vorwand, Frauen anwesend, zog. Die hatten in der Politik damals noch nichts zu suchen.

Plakate von damals

„Samstags gehört Vati mir!“ Das war einst eine der erfolgreichsten und einprägsamsten Kampagnen der Gewerkschaften im Deutschen Gewerkschaftsbund, DGB.

Griffiger IG-Metall-Slogan

 Und doch hat es lange gedauert, bis der Samstag flächendeckend arbeitsfrei und die Fünf-Tage-Woche eingeführt wurde. Das historische Plakat hat bei Heinz Mührmann noch heute einen Ehrenplatz.

Steinkühler lobt und dankt

Brieflich in Kontakt standen der Altenaer Heinz Mührmann und der langjährige 1. Vorsitzende der IG Metall, Franz Steinkühler. Er lobte den Einsatz des „Kämpfers“ unter anderem in einem Schreiben vom 12. April 1990: „(....) Es macht Spaß, Motor zu sein, wenn man solche Mitstreiter wie Dich hat. Laß nicht nach in Deinem Engagement und streite und dichte weiter für unsere gemeinsame Sache und für unsere IG Metall.“ Mührmann hatte ihm selbst geschriebene Noten und Texte eines 1.-Mai-Liedes zugesandt.

Die Feier zum 1. Mai 2018

Lüdenscheid -

Am Dienstag, 1. Mai, richtet der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Märkischen Kreis auf dem Lüdenscheider Rathausplatz eine Kundgebung nebst Familienfest unter dem Motto: „Solidarität, Vielfalt, Gerechtigkeit“ aus. Es ist die zentrale Mai-Veranstaltung dieser Art in der Region. Zum Auftakt der Maifeier zieht der gewerkschaftliche Demonstrations-Tross um 11 Uhr vom Kreishaus Richtung Innenstadt. Einen kurzen Halt gibt es vor den Lüdenscheider Gedenkzellen. Ein Vertreter des Gedenkzellen-Vereins soll dann an die Ereignisse in Deutschland im Jahr 1938 erinnern. Nach Ankunft des Demo-Zuges auf dem Rathausplatz beginnt dort gegen 11.45 Uhr die eigentliche Mai-Kundgebung mit verschiedenen Rednern. In der Folge soll sich dann auf dem Rathausplatz das gewohnte Familienfest entfalten. Es locken Imbiss- und Info-Stände, Spielangebote und Musik.

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