Alte Olympia-Chroniken sind ein Spiegel ihrer Zeit

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Rolf Schomann mit einem der historischen Bände.

ALTENA ▪ Ein dritter Platz für einen deutschen Sprinter über 100 Meter: Heutzutage wäre dies eine Sensation. Vor 80 Jahren bei den olympischen Spielen in Los Angeles hat es Arthur Jonath geschafft.

Rolf Schomann aus Dahle kann täglich Vergleiche mit den gerade laufenden Wettkämpfen in London ziehen. Er besitzt zwei Chroniken zu den Spielen 1932 und 1936. Auf hunderten Seiten werden darin alle Sportarten, ihre Medaillengewinner und die Wettkampfstätten beschrieben. Natürlich in der Sprache dieser Zeit.

Schomann bekam die Bücher in den 1950er-Jahren von seiner Mutter überreicht. Zuvor hatten die Bände seinem Vater gehört. Der war 1941 im Krieg in Russland gefallen. Für Rolf Schomann – 1940 in Altena geboren – sind die beiden Chroniken damit eine wertvolle Erinnerung an den Vater. Wie dieser an die Werke kam, ist dem Dahler nicht bekannt. „Ich weiß nur, dass er sportlich war“, erzählt Rolf Schomann.

Die Chroniken – herausgegeben von der Firma Reemtsma in Hamburg – sind ein Spiegel ihrer Zeit. „Arthur Jonath belegte hinter den Negerstudenten den dritten Rang“ heißt es unter einem Bild zum 100-Meter-Finale 1932. Der Nationalismus ist der Sprache in beiden Bänden deutlich anzumerken, doch 1936 kam bei den Spielen in Berlin noch etwas hinzu: Der Führerkult. In einer Einleitung des Bandes zu den so genannten „Propaganda-Spielen“ heißt es: „Aber wie eine Insel des Friedens schwimmt Deutschland in dem Meere der Nationen. Das deutsche Volks hat sich unter seinem Führer zu sich selbst zurückgefunden…“, und das drei Jahre vor dem Beginn des 2. Weltkriegs.

Dass sich Deutschland vor 76 Jahren friedlich und als große Sportnation präsentieren wollte, zeigen auch die vielen Bilder in der Chronik. „Sie mussten von Hand eingeklebt werden“, sagt Rolf Schomann und zeigt ein Foto einer Medaille von 1936. Im Band selbst befindet sich ein Bild, dass den schwarzen amerikanischen Sprintstar Jesse Owens im freundlichen Gespräch mit einem deutschen Läufer zeigt. „Owens hat mich immer fasziniert“, sagt Rolf Schomann und ergänzt: „Ich wollte immer so laufen können, doch da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens“. Schomann war in seiner Jugend Leichtathlet beim SV Germania (heute TSV Altena).

Ein Vergleich des deutschen Medaillenspiegels zwischen 1932 und 1936 verdeutlicht die Anstrengungen der Nationalsozialisten, die Spiele in Berlin vor allem für Propaganda-Zwecke zu missbrauchen. Holte die deutsche Olympiamannschaft 1932 noch vier Goldmedaillen, waren es vier Jahre später bei den Spielen in Deutschland schon 33. Vor allem in Einzeldisziplinen gelangen die Erfolge, etwa im Ringen und Boxen oder bei der Leichtathletik im Diskus- und Speerwurf sowie beim Kugelstoßen.

Der Wert der Bände liegt wohl im symbolischen Bereich, zumindest für Rolf Schomann. In der Internetbörse eurobuch.com finden sich viele Besitzer solcher historischer Chroniken, die die Bände zu Preisen zwischen sechs und 40 Euro anbieten. Verkaufen will der Dahler Olympia-Fan die Werke sowieso nicht. „Ich werde sie an meine Tochter vererben“, sagt der 72-Jährige. ▪ Von David Schröder

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