Rocker-Prozess: "Umbringen wollten sie sicherlich niemanden"

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Insgesamt zwölf Rechtsanwälte verteidigen die sechs Angeklagten vor Gericht.

Altena/Hagen –Um das kriminelle Potenzial von Motorradclubs ging es am Dienstag im Prozess gegen sechs Mitglieder/Sympathisanten der Bandidos. Ein Verteidiger ließ dabei aufhorchen.

Heiß ist die Luft im Schwurgerichtssaal. Auf den Bildschirmen sind Fotos von einem der Tatorte zu sehen, an dem mehrere der Angeklagten Schüsse auf ein Mitglied der mit ihnen verfeindeten „Freeway Riders“ abgegeben haben sollen. 

Mühsam erinnern sich die Zeugen an die Beobachtungen, die sie am Abend des 28. September 2019 in Hagen gemacht haben. Ein Knall, zwei bis drei Schüsse, quietschende Reifen, Flucht. „Ich hatte Angst“, erinnert sich eine 19-Jährige, die mit ihrem gleichaltrigen Freund in ein Restaurant in der Nähe des Emil-Schumacher-Museums geflüchtet war. 

Columbo-Style: Viele Nachfragen der Verteidiger

Erst habe er einen Streit zwischen einigen Personen beobachtet, dann seien die Schüsse gefallen, erklärt der 19-Jährige. Kein Zeuge befand sich in der direkten Nähe des Geschehens, niemand kennt die Angeklagten. 

Endlose Nachfragen der insgesamt zwölf Anwälte ziehen die Vernehmungen in die Länge und untergraben die Glaubwürdigkeit der Zeugen. Detaillierte Nachfragen der Verteidiger Ein Anwalt zitiert nach langer Vernehmung einen Satz, den der große Ermittler „Columbo“ einst berühmt machte: „Eine Frage hätte ich noch.“ 

Die Zeugen sollen nach fast zwei Jahren eine kaum erwartbare Genauigkeit in ihren Schilderungen an den Tag legen. Aber diese Mühe bereitet den Boden, auf dem irgendwann auch der bedrohte „Freeway-Rider“-Zeuge vernommen werden kann. 

Angeklagte schweigen allesamt

Umso schweigsamer sind bisher die Angeklagten. Auch am gestrigen zweiten Verhandlungstag hat sich keiner von ihnen zu den Vorwürfen geäußert. 

In einer ersten Stellungnahme ging Rechtsanwalt Burkhard Peters auf grundsätzliche Fragen des Rocker-Daseins ein. Er holte weit aus und begann bei den Anfängen der Bewegung in den USA, wo sich Kriegsheimkehrer nach dem Zweiten Weltkrieg zu wilden Rennen verabredeten und sich als eine Art Widerstandsbewegung etablierten. 

Den Aufschrei über die angeblich verrohte Jugend nahmen sie dankbar an. Es entwickelte sich eine eigene Kleiderordnung mit Kutte und den „heiligen Insignien der Rocker“. Diese dürften von Nichtmitgliedern nicht getragen werden, „sonst bekommen sie Ärger“, erklärte der Anwalt. 

Rocker: "friedliche Koexistenz" möglich

Ausführlich schilderte er weitere eigene Gesetze der Bikerszene: Es gebe Motorradclubs mit und ohne Gebietsansprüche. Verschiedene Gruppen pflegten zuweilen auch eine „friedliche Koexistenz“ in einem Gebiet. 

In einem Punkt scheinen sie sich aber einig zu sein: „Die Polizei zu rufen gilt als ehrenrührig.“ Das konnte der Anwalt vor dem Hintergrund des Gewaltmonopols des Staates nicht billigen: „Das bürgerliche Recht darf nicht verletzt werden“, erklärte er. 

Verteidiger: keine Tötungsabsicht bei Schüssen

Die Anklage formuliert das Problem als Vorwurf an die sechs Männer: „Die Motorradclubs sollen in einzelnen Chaptern streng hierarchisch organisiert und einem internen Regelwerk unterworfen sein, welches insbesondere die Zusammenarbeit mit Polizei und Justiz ausschließen soll.“ 

Anwalt Peters trat aber dem Eindruck entgegen, „dass Rockervereinigungen immer kriminelle Vereinigungen sind“. Und er versicherte: „Umbringen wollten die Angeklagten sicherlich niemanden."

Der Fall: Sechs Männer aus Altena, Hagen und Iserlohn müssen sich im Landgericht Hagen wegen Gründung einer kriminellen Vereinigung verantworten. Als führende Mitglieder des am 1. April 2018 von ihnen gegründeten Motorradclubs „Bandidos MC“ Hagen sollen sie zur Durchsetzung ihres Machtanspruchs auf Mitglieder eines konkurrierenden Motorradclubs geschossen und dabei deren Tod in Kauf genommen haben

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