Macht sich bemerkbar

Rekordpreise an der Zapfsäule: Tankstellen-Betreiber bekommen Wut der Autofahrer zu spüren

Knapp an der Grenze zu 1,70 Euro: Das Super-Benzin ist so teuer wie schon lange nicht mehr.
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Knapp an der Grenze zu 1,70 Euro: Das Super-Benzin ist so teuer wie schon lange nicht mehr.

Seit Jahren unerreichte Zahlen leuchten derzeit auf den Anzeigetafeln der Tankstellen. Im bundesweiten Durchschnitt nähert sich der Dieselpreis stetig der Marke von 1,50 Euro pro Liter an, während Superbenzin der Sorte E10 bereits um die 1,60 Euro schwankt, E5 nähert sich der 1,70 Euro-Marke. In Altena führt das zu Verunsicherung und Ärger – nicht nur an den Tankstellen.

Altena/Nachrodt – Im September erreichte Super E10 damit ein Acht-Jahres-Hoch. Beim Diesel wurde zuletzt 2018 so viel verlangt. Das hohe Niveau ist Resultat eines seit rund zehn Monaten andauernden Wachstumstrends und macht sich auch in Altena und Nachrodt bemerkbar.

Michele D’Addario, Juniorchef der BFT-Tankstelle an der Rahmedestraße, berichtet, dass viele Kunden verärgert über die hohen Preise seien. „Es ist doch immer so, dass alle sauer sind, wenn die Preise hochgehen.“ Ihrem Ärger machten die Kunden nicht selten dem Tankstellenpersonal gegenüber Luft – und oft würden die Mitarbeiter auch dafür verantwortlich gemacht, so D’Addario.

„Wir sind die Schuldigen. Es wird gesagt, wir würden uns eine goldene Nase verdienen, uns das Geld einstecken.“ Das sei natürlich Unsinn, betont der Juniorchef, schließlich werden die Preise zentral vorgegeben. „Für mich wäre es sogar besser, wenn der Sprit günstiger wäre, dann hätte ich mehr Absatz und würde mehr verdienen“, erklärt D’Addario.

Die vergangenen zwei Wochen seien wegen der Sperrung der Lüdenscheider Straße ohnehin nicht einfach gewesen. Hinzu komme, dass Autofahrer wegen der hohen Preise nur für zehn bis 15 Euro tanken – in der Hoffnung, dass es zu einem anderen Zeitpunkt günstiger ist.

Dieses Phänomen beobachtet auch Ralf Peter Meier, Chef der Aral-Tankstelle in Nachrodt. Auch bei ihm wird weniger oft vollgetankt. „Die Kunden sagen sich wohl: ,Jetzt ist es mir noch zu teuer. Außerdem habe ich noch ein bisschen was im Tank...’“ Uhrzeiten, wann es günstig ist, könne man bei acht bis zehn Preisumstellungen täglich kaum mehr definieren. Tendenziell werde es gegen Abend etwas günstiger.

Immerhin: „Die hohen Preise haben noch nicht dazu geführt, dass Kunden uns gegenüber ausfallend wurden“, ist Ralf Peter Meier froh. „Es weiß inzwischen fast jeder, dass wir die Preise nicht beeinflussen können. Die Leute fluchen eher über die Regierung.“

Neben den Spritpreisen steigen auch die Heizölpreise. Weniger Umsatz macht Arnt Richter, Geschäftsführer von Richter Mineralöl aus Lüdenscheid, der auch viele Kunden in Altena beliefert, deshalb aber nicht. Im Gegenteil. „Wir kommen angesichts der seit Wochen hohen Nachfrage kaum hinterher mit der Logistik. Unsere Kunden befürchten weitere Preiserhöhungen und kaufen auf Vorrat.“ Trotz steigender Preise und Beschwerden bleibt die Nachfrage konstant.

Auch bei der Bauer GmbH Spedition und Heizöl in Neuenrade kaufen viele Burgstädter ihr Heizöl. Nadja Henneken hat ebenfalls keine gute Nachrichten für die meisten Kunden: „Es ist leider so, dass der Preis seit letzter Woche täglich um ein bis zwei Cent pro Liter steigt.“ Normalerweise könne man Preisschwankungen beobachten.

„Doch jetzt geht es kontinuierlich nach oben“, berichtet Henneken, die jeden Morgen mit mehreren Großhändlern in Kontakt tritt, um tagesaktuelle Preise zu erfragen. „Wenn das so weiter geht, sind wir, je nach Liefermenge, schon sehr bald bei einem Nettopreis Anfang bis Mitte der 70 Cent.“

Der Preis-Höhenflug hat mehrere Ursachen. So hat der Gesetzgeber Anfang 2021 als Klimaschutzmaßnahme einen Aufschlag für fossile Energien in Höhe von 25 Euro je Tonne Kohlendioxid eingeführt. Laut Mineralölwirtschaftsverband (MWV) sind rund sieben Cent des Spritpreisanstiegs mit diesem Aufschlag verbunden. Drei weitere Cent lassen sich mit dem seit Januar wieder erhöhten Mehrwertsteuersatz erklären. Der überwiegende Rest lässt sich laut MWV-Hauptgeschäftsführer Christian Küchen auf den höheren Ölpreis zurückführen.

Für Heizöl-Händler Richter ist dies keine erfreuliche Entwicklung: „Wir wollen gerne vernünftige Energiepreise für alle. Bei unseren Kunden wird irgendwann eine Grenze erreicht werden, bei der sie versuchen, die hohen Preise auszusitzen – insofern sie die Kapazitäten dazu haben.“

Auch Nadja Henneken versteht Kunden, die sich über steigende Heizölpreise ärgern. „Aber die Preise mit denen im vergangenen Jahr zu vergleichen, ist nicht ganz fair. Denn 2020 war ein absolutes Tiefpreisjahr beim Heizöl.“ Im ersten Drittel dieses Jahres seien die Preise mit dem Niveau von 2019 vergleichbar gewesen. „Fakt ist aber, dass sie jetzt nach oben schießen.“ Ebenso, wie die Gas- und Strompreise.

Deshalb hat Henneken täglich verunsicherte Kunden am Telefon, die nicht wissen, ob sie den Tank jetzt auffüllen sollen. „Wir raten den Kunden, zu prüfen, ob sie noch durch den Winter kommen. Ist das der Fall, kann man die Sache vielleicht aussitzen.“ Wer nicht mehr über genügend Brennstoff für die kalte Jahreszeit verfüge, der solle den Kauf lieber nicht zu lange aufschieben. „Es wird eher teurer als günstiger.“

Für Arnt Richter ist die Ursache der Preissteigerungen klar: „Das liegt an der Unterversorgung mit Erdgas. Durch Russlands Außenpolitik setzt die Großindustrie lieber auf Öl statt auf Gas. Da schnellen die Preise natürlich in die Höhe.“ Er hofft daher auf die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC).

Wenn diese höhere Förderquoten beschließt, könne der Anstieg gebremst werden. Doch die OPEC-Länder haben sich nun darauf verständigt, die Fördermengen erstmal nicht deutlich zu erhöhen. Bleibt dies so, werde sich die gegenwärtige Entwicklung wohl fortsetzen. Denn der Aufschlag für fossile Energien wird in Deutschland jährlich steigen, und damit auch die Kosten für Benzin und Diesel. Bleibt es bei den aktuellen Plänen der Politik, wird Benzin in vier Jahren etwa 15 Cent teurer sein, Diesel sogar 17 Cent.

Mehr als der private Verbraucher leiden Betriebe mit großem Fuhrpark unter den Entwicklungen, zum Beispiel die MVG. Aber auch bei der Stadt Altena und der Gemeinde Nachrodt, die den Sprit für die Fahrzeuge des interkommunalen Bauhofs zahlen müssen, macht sich der Anstieg bemerkbar.

Bauhofleiter Robert Groppe sagt: „Natürlich ist diese Entwicklung nicht schön“, denn sie koste Geld und das fehle dann an anderer Stelle. Allerdings sei es normal, dass der Kraftstoff gewissen Preisschwankungen unterliegt. „Ich rechne mit einem Mittelwert; mal liegen die Preise deutlich darunter und mal darüber.“ Bislang habe sich das meistens ausgeglichen, meint Groppe. Dass der Preisanstieg zu einer Gebührenerhöhung für die Bürger führt, daran glaubt er fürs Erste nicht.

Ähnlich sieht man es bei den Stadtwerken. „Wir merken, dass die Spritkosten etwas gestiegen sind, aber wir haben nur einen relativ kleinen Fuhrpark. Deshalb ist das nur ein ganz kleiner Posten im Jahresbudget“, sagt Stephan Bergelt, Leiter des Netzbetriebs. Er geht davon aus, dass – wenn überhaupt – diese Mehrkosten mit „in einer anderen Preiserhöhung verwurstet“ werden.

Das sagt die MVG zu den steigenden Kraftstoffkosten

Seit rund zehn Monaten steigen die Preise für Benzin und Diesel und befinden sich aktuell auf einem Rekord-Niveau. Kraftstoff in großen Mengen verbraucht die Märkische Verkehrsgesellschaft (MVG). Im Gespräch mit Malte Cilsik beantwortet Kai Forte, Abteilungsleiter Marketing und Vertrieb, wie stark sie von den Entwicklungen betroffen ist.
Inwiefern spürt die MVG Auswirkungen angesichts ihres großen Fuhrparks?
Seit mehreren Jahren erbringen wir unsere Fahrdienstleistung mit Dieselfahrzeugen mit EURO VI-Norm. Die Verbrauchsreduktion durch neueste Motorentechnologie kann aber die Mehraufwände im Kraftstoffeinkauf nicht kompensieren. Auch wir müssen mehr für Kraftstoff bezahlen, sind als Großkunde aber nicht ganz so stark den Preisschwankungen an der Zapfsäule ausgesetzt wie ein normaler Autofahrer. Zudem erfolgt bei uns aufgrund der Vorratshaltung von Kraftstoffen eine Preiserhöhung erst verzögert.
Fahren bereits mehr Menschen Bus angesichts der immer teureren Spritpreise fürs Auto? Ist dies für die Zukunft zu erwarten?
Die Pandemie hat auch im Märkischen Kreis die Fahrgast-Nachfrage gemindert. Mittlerweile kehren unsere treuen Fahrgäste wieder zurück. Künftig möchten wir auch die Zielgruppe der Automobilnutzer ansprechen, die wir genauso wie alle anderen Fahrgäste mit einem starken Fahrplanangebot und neuen Ticketangeboten im Westfalentarif von uns überzeugen möchten. Unser Ziel ist es, den ÖPNV im Märkischen Kreis noch attraktiver zu machen.
Welche Konsequenzen zieht die MVG aktuell und auch in Zukunft aus voraussichtlich weiter steigenden Preisen?
In diesem Zusammenhang beobachten wir die Entwicklungen und den Markt im Bereich der alternativen Antriebsarten intensiv. Um gut aufgestellt zu sein, haben wir uns mit fachlichem Knowhow progressiv verstärkt. Uns ist es wichtig, dass eine lokal emissionsfreie Antriebstechnologie für die Gegebenheiten im Märkischen Kreis hinreichend sind, da einige unsere Linienbusse täglich mit einer „Tankfüllung“ bis zu 300 Kilometer zurücklegen müssen.

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