Führerstand war wörtlich zu nehmen

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Das Interesse am Vortrag über „Carl“ und seine KAE-Kollegen war sehr groß. ▪

ALTENA ▪ Herrmann schnauft: Viel zu schwer sind seine Anhänger beladen worden und freche Kinder haben Steine auf die Schienen geworfen. Die Hälfte der Ladung wird abgekoppelt und in zwei Schichten nach Lüdenscheid gebracht.

Das war Alltag für die Zugführer auf der Kreis Altenaer Eisenbahn (KAE), der im Film ,,Die Schnurre” authentisch nachgestellt ist. Für die Vorführung aus der Filmreihe ,,Kleinbahnromantik” mussten in evangelische Gemeindehaus am Stockey Stühle nachgerückt werden: Fast 40 Gäste wollten mitfahren.

Dem Publikum Ü60 ist die Schnurre noch sehr präsent. Sie sorgte einst für ein entschleunigtes Leben in der Rahmede und war komfortable Reiseverbindung zwischen Lüdenscheid und Altena. Für 1,50 DM durften die Bürger im Personenwagen ,,Die blaue Elf” Platz nehmen. Die liebevollen Kosenamen ,,Schnurre” oder ,,Bimmel” ließen sie aber lieber nicht den Schaffner hören. ,,Wir Mitarbeiter wollten nicht als Kleinbahner gesehen werden. Wir waren Eisenbahner auf Schmalspur”, erklärt Fahrdienstleiter Karl-Heinz Wurm im Film. Neben ihm kommt auch Lokführer Gerhard Moll zu Wort, der bis zum Schluss im Führerstand der Lok Herrmann stand, bis der Rahmeder Bahnbetrieb 1961 eingestellt wurde.

Herrmann wurde gerettet und ist heute Attraktion auf der Museumsstrecke des Deutschen Eisenbahnvereins in Bruchhausen. Diesen Freunden statteten die Filmproduzenten von ,,Die Schnurre” einen Besuch ab, um Herrmanns Arbeitsbedingungen authentisch nachzustellen. Den Zuschauern im evangelischen Gemeindehaus wird beim Anblick der Bilder schnell klar, warum die Buchstaben KAE gleichermaßen für ,,Kummer, Angst und Elend”, aber auch ,,Kostbares altes Eisen” gestanden haben sollen. Herrmann brauchte auf den 226 zu überwindenden Höhenmetern bis Lüdenscheid oft mehrere Anläufe. Manchmal half es, das Sandreservoir auf den Schienen zu verteilen, oft aber blieb nur das Abkoppeln übrig, um schwere Lasten wie Drahtrollen von A nach L zu transportieren. Der Zugführer, so erklärt es Gerhard Moll im Film, durfte sich aufgrund der vielen gefährlichen Manöver während seiner Zehn-Stunden-Schicht nicht hinsetzen. ,,Es gab über viele Jahre überhaupt keinen Sitzplatz im Führerstand.”

Moll klärt auch auf, wie die Loks zu ihren meist männlichen Vornamen kamen: Benannt wurden sie in der Regel nach finanziellen Förderern der KAE. Oder nach Gattinnen von wichtigen Persönlichkeiten wie Landräten. Auch eine Anna und eine Helene waren einst auf den Schienen unterwegs.

,,Carl”, heute berühmtestes Ausstellungsstück der KAE in Altena, findet natürlich auch Erwähnung im Film ,,Die Schnurre”. Gerhard Bebas Sohn hatte ihn einst beim Rio Grande Filmverlag bestellt. Horst Schmermbeck vom Oberrahmeder Männerkreis sprach den Rosmarter darauf an und bat um eine Filmvorführung.

Und weil die Rahmede auch ihre zwei evangelischen Kirchengemeinden verband, durften sich auch die Gemeindemitglieder rund um die Friedrichskirche und weitere Gäste angesprochen fühlen vom Filmabend.

Nach der Vorführung am Dienstagabend gab’s Gelegenheit, sich über eigene Erinnerungen an die Schnurre auszutauschen. Davon gibt es viele und das zu Recht: Zeitweise war der rege Bahnverkehr zwischen Altena und Lüdenscheid genauso berühmt, wie die Burg Altena. ▪ iho

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