Ramadan: Muslime dürfen auch nach 21 Uhr noch zum Gebet in die Moschee

„Passierscheine“ sind nicht nötig

Die Moschee in Nachrodt: Trotz Ausgangssperre ist es im MK gestattet, nach 21 Uhr  die Moschee aufzusuchen. Für die An- und Abreise sind die Besucher von der Ausgangssperre befreit.
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Die Moschee in Nachrodt: Trotz Ausgangssperre ist es im MK gestattet, nach 21 Uhr die Moschee aufzusuchen. Für die An- und Abreise sind die Besucher von der Ausgangssperre befreit.

Dürfen Muslime trotz Ausgangssperre im Märkischen Kreis auch nach 21 Uhr noch zum Gebet in die Moschee oder dürfen sie es nicht? Diese Frage drängte sich am Montag (12. April) und damit einen Tag vor Beginn des Fastenmonats Ramadan auf, weil in Altena bereits am Wochenende mindestens zwei von der Ditib-Gemeinde ausgehändigte und personenbezogene Formulare im Umlauf waren, die den Muslimen erlaubten, auch nach 21 Uhr den Weg zur Moschee und zurück anzutreten.

Altena - Am Montagvormittag stellte sich auf Nachfrage unserer Zeitung heraus, dass diese Formulare, die am Samstag bereits im Umlauf waren, noch gar nicht hätten ausgehändigt sein dürfen. Zwar hatte es eine Abstimmung zwischen der Altenaer Ditib-Gemeinde Mevlana Camii und dem Altenaer Ordnungsamt gegeben, doch diese galt ab Dienstag, 13. April, zum Beginn des Ramadan. „Da waren wir voreilig mit der Verteilung“, gab Selahattin Ünal unumwunden zu. Er ist der Vorsitzende der Altenaer Ditib-Gemeinde und steht mit Ordnungsamtsleiterin Ulrike Anweiler in Kontakt. Verabredet sei nach Angaben Anweilers gewesen, dass die Gemeinde ihren Mitgliedern streng personenbezogene Formulare aushändigen dürfe, die den direkten Hin- und Rückweg zum Gebet in der Moschee während des Ramadans auch nach 21 Uhr erlauben. Doch ist das Ausstellen dieser Formulare überhaupt konform mit der Allgemeinverfügung des Kreises? Nachfrage im Kreishaus.

Ist es aus Sicht des Märkischen Kreises grundsätzlich möglich, nach 21 Uhr Ramadan zu feiern? Können Moscheevereine höchstselbst Passierscheine ausstellen, damit die Gläubigen zur Moschee und wieder nach Hause gehen können – trotz Ausgangssperre? Oder müssen die Ordnungsämter eben diese „Passierscheine“ ausstellen?

Nicht zulässig sind Familienzusammenkünfte

Die Antwort aus dem Kreishaus: „Die Allgemeinverfügung des Märkische Kreises orientiert sich an höherrangigem Recht, der Coronaschutzverordnung des Landes NRW. Zulässig sind damit Gottesdienste und andere Versammlungen zur Religionsausübung. Dementsprechend ist es gestattet, nach 21 Uhr eine Moschee oder ein Gebetshaus aufzusuchen – selbstverständlich unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneschutzmaßnahmen, zum Beispiel Einhaltung des Mindestabstands von 1,5 Metern. Nicht zulässig sind Familienzusammenkünfte über die Kontaktbeschränkungen der Coronaschutzverordnung des Landes und die Allgemeinverfügung des Kreises hinaus.“ Bescheinigungen seien „keine Pflicht, können aber ausgestellt werden – allerdings nicht von Ordnungsämtern“, hieß es seitens des Kreises. Und: „Die Religionsausübung ist nach 21 Uhr gestattet – nicht aber private Zusammmenkünfte. Hier greifen die Kontaktbeschränkungen der Coronaschutzverordnung sowie der Allgemeinverfügung auch für den privaten Bereich.“

Glaubwürdige Erklärung reicht

Im Klartext: Muslime dürfen trotz Ausgangssperre im MK auch nach 21 Uhr noch zum Gebet in die Moschee gehen und benötigen dafür keine Formulare. Eine glaubwürdige Erklärung reiche bei Kontrollen der Ausgangssperre als Begründung aus. Der Krisenstab des Märkischen Kreises appellierte am späten Montagnachmittag „an das Verantwortungsbewusstsein der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, ihre religiösen Pflichten und Gebete in der Moschee oder privat mit dem eigenen Hausstand zu verrichten. Auf die Einladung von Freunden und Familien, um gemeinsam das Fasten zu brechen, sollte aufgrund der aktuellen Pandemie-Situation verzichtet werden.“

„Alle tragen Maske“

Wie Selahattin Ünal, aber auch Mehmet Bas, der 32-jährige Imam der Ditib-Gemeinde in Altena, versicherten, halte man sich in der Moschee an der Lüdenscheider Straße seit Beginn der Pandemie penibel an die geltenden Corona-Schutzmaßnahmen. „Die Leute tragen sich in Listen ein und desinfizieren sich die Hände. Alle tragen Maske, die nicht abgenommen werden darf“, sagte Mehmet Bas. Außerdem würde der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten, sowohl auf deutsch als auch auf türkisch und arabisch weise er auf die Einhaltung der Schutzmaßnahmen hin, versicherte der Imam

Ältere sollen zu Hause bleiben

Kinder unter 15 Jahre dürfen nicht zum Gebet in die Moschee kommen – und der Generation 65plus wird wegen der Pandemie empfohlen, zu Hause zu beten. An diese Empfehlung des Koordinationsrats der Muslime halte man sich auch in der Burgstadt, so Bas. Und ohne eigene Gebetsteppiche ist das Gebet in der Moschee auch nicht erlaubt. Auf gemeinschaftliche Gesänge muss ebenfalls verzichtet werden.

Keine Extrawurst

„Wir können mit jeder Antwort leben.“ Veysel Gümüs wartete als zweiter Vorsitzender der Nachrodter Ditib-Gemeinde am Montagvormittag auf die Nachricht der Gemeindeverwaltung, ob die Moschee nach 21 Uhr besucht werden darf und ein Weg für die Gläubigen dorthin und zurück nach Hause möglich ist. „Wir arbeiten eng mit dem Ordnungsamt zusammen und sind bisher immer gut klar gekommen. Wenn die Einschätzung so ist, dass es zu gefährlich ist, dann können wir damit leben.“ Personenbezogene „Passierscheine“ wurden von der Ditib-Gemeinde nicht ausgestellt. „Es gibt Vorschriften und Regeln, an die man sich halten muss“, sagte Veysel Gümüs. Die Muslime würden keine Extrawurst verlangen. Natürlich erhoffte er sich am Montag, dass das religiöse Fest in der Moschee stattfinden könnte. Die 150 Gemeindemitglieder seien aber selbst gespalten: manche hätten Verständnis, wenn es nicht gehe, andere würden sich aufregen. „Und viele haben großen Respekt vor der Krankheit.“ Veysel Gümüs selbst hat aufgrund seiner Wechselschicht ein Formblatt vom Arbeitgeber, dass er zu Zeiten der Ausgangssperre unterwegs sein darf.

„Große Vorsicht geboten“

Unterdessen hatte Bürgermeisterin Birgit Tupat ein Schreiben von Aykut Aggül an den Märkischen Kreis weitergeleitet, „denn es gibt ja eine Allgemeinverfügung.“ Aggül hatte in dem Schreiben behauptet, dass bis auf die Stadt Halver und die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde alle Städte und Gemeinden im Märkischen Kreis den islamischen Gemeinden eine Erlaubnis zu Ausübung der Religion nach 21 Uhr ausgesprochen hätten. „Das Verlassen der eigenen Wohnung ist nur aus gewichtigen und triftigen Gründen erlaubt. Im Rahmen der verfassungsrechtlich garantierten freien Ausübung der Religion stellt die Teilnahme an Gottesdiensten einen gewichtigen Grund dar“, so der fraktionslose Ratsherr, der allerdings in einem Schreiben an das AK alle Muslime um die Einhaltung der Corona-Schutzverordnung bat und vor der großen Infektionsgefahr warnte. „Der Fastenmonat Ramadan ist für uns als muslimische Gläubige eine wichtige Zeit der Besinnung. Die großen Treffen innerhalb der Familien oder sogar in der Gemeinde sind sehr wichtig für uns. Doch in der momentanen Situation ist hierbei große Vorsicht geboten, um eine weitere Verbreitung der Corona-Infektionen zu vermeiden. Bitte überlegen Sie, ob Treffen überhaupt durchgeführt werden müssen und wenn in welchem Rahmen.“

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